Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Und wieder wird die Mär von der Strahlenangst erzählt

Der eigentliche Skandal nach der Katastrophe von Tschernobyl war, dass man nie seriös erforscht hat, welche Auswirkungen niedrigere Strahlenbelastungen haben. Die AKW-Industrie will es nicht wissen, und auch die Medizinindustrie hat kein Interesse daran.

Von Susan Boos

Der Mensch sieht radioaktive Strahlung nicht, er fühlt sie nicht und kann sie nicht riechen. Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, wie gefährlich diese Strahlung – die korrekt «ionisierende Strahlung» heisst – nun wirklich ist. Die BefürworterInnen der Atomkraft lehren: Es gibt die natürliche Strahlenbelastung sowie eine, die über der normalen liegt, aber ungefährlich ist, und eine massiv erhöhte, gefährliche Strahlenbelastung.

Die natürliche Strahlenbelastung liegt zwischen einem und zwei Millisievert im Jahr. Besonders exponiert ist das Flugpersonal, das pro Jahr bis zu sieben Millisievert abbekommen kann. Denn ein grosser Teil der natürlichen Strahlenbelastung stammt aus dem Kosmos. Die Atmosphäre schirmt sie ab, sonst könnten wir gar nicht auf der Erde leben.

Der Grenzwert für die zusätzliche künstliche Belastung liegt bei einem Millisievert pro Jahr, für beruflich Exponierte bei zwanzig Millisievert. Offiziell gelten selbst diese zwanzig als harmlos, und entsprechend locker argumentieren ExpertInnen, die der AKW-Industrie freundlich gesinnt sind.

So etwa der Mediziner Shunichi Yamashita. Er reiste, kurz nachdem in Fukushima die Reaktoren durchgeschmolzen waren, in die verseuchten Gebiete. An einer Versammlung sagte er den Menschen, sie müssten nur lächeln, dann könne ihnen die Strahlung nichts anhaben. Und er warnte vor der Strahlenphobie, die gefährlicher sei als die Strahlung selbst.

Die Sowjets erfanden die Strahlenphobie

Yamashita gilt als Kapazität, er war in internationalen Strahlenschutzgremien aktiv und hatte sich jahrelang mit den Folgen der AKW-Katastrophe von Tschernobyl beschäftigt. Den Begriff der Strahlenphobie hat er denn auch von den Sowjets abgekupfert, konkret von Juri Iljin. Dieser war Direktor des Instituts für Biophysik des Gesundheitsministeriums der Sowjetunion. Nachdem 1986 in Tschernobyl der Reaktor explodiert war – wodurch grosse Gebiete in der Ukraine, Weissrussland und Russland radioaktiv verseucht wurden –, war Iljin zuständig für die ersten Kontaminierungskarten. Er war auch mitverantwortlich für die Schutzvorkehrungen und definierte, was «gefährlich» und was «ungefährlich» war.

Iljin stellte sich auf den Standpunkt, gefährlich sei primär die Strahlenangst: «Wir alle tragen Schuld am Syndrom der Radiophobie. Ich würde dafür zwei Aspekte nennen: die erschreckende Unwissenheit der Bevölkerung auf dem Gebiet des Strahlenschutzes und der unvermeidliche Drang der Journalisten, gerade die Dinge aufzubauschen, die beim einfachen Mann von der Strasse auf reges Interesse stossen, ja die Sensationsgier befriedigen», sagte Iljin 1988 an einer Pressekonferenz.

Man sprach danach von der «Iljin-Theorie». Denn Iljin, der auch Vizepräsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften war, behauptete schon im Sommer 1986, dass Tschernobyl «nur einen geringen Einfluss auf die Gesundheit der Leute hat, die in den kontaminierten Gebieten leben».

Die Iljin-Theorie lässt alles zu. Vor allem das Spiel mit den Grenzwerten. Vor der Katastrophe von Tschernobyl betrug der Strahlengrenzwert in der Sowjetunion 3,5 Millisievert pro Jahr, danach hob man ihn auf zehn an, um ihn schliesslich wieder auf fünf Millisievert pro Jahr zu senken. Das Ganze folgte einer ökonomischen Logik: Mit dem hohen Grenzwert mussten die Sowjets nur 160 000 Menschen evakuieren, mit einem tieferen wären es eine bis eineinhalb Millionen Menschen gewesen.

Die Sowjets taten, was Japan auch getan hat – sie schraubten die Grenzwerte rauf, um weniger Menschen evakuieren zu müssen. Allerdings gingen die Sowjets nie so hoch wie die japanischen Behörden mit ihren zwanzig Millisievert pro Jahr.

Niemand will es wirklich wissen

Die ionisierende Strahlung tötet nicht sofort, sondern mit immenser Verzögerung. Das macht es schwierig, eine Erkrankung direkt auf die Strahlenbelastung zurückzuführen.

In Tschernobyl waren 800 000 AufräumarbeiterInnen im Einsatz. Man hat gemessen, welchen Dosen sie ausgesetzt waren. Die Werte wurden zwar schlampig erfasst, trotzdem hätte man eine einmalige Gruppe gehabt, um zu erforschen, welche Schäden auch geringere Dosen auslösen. Die Sowjets wollten es aber nicht wissen, und die westlichen Staaten ebenfalls nicht.

Das systematische Desinteresse kann man aber nicht nur der AKW-Industrie anlasten – die Medizinindustrie ist mitverantwortlich. Röntgenaufnahmen, vor allem die beliebten Computertomografien (CT), verpassen den PatientInnen tüchtige Strahlendosen. Bei einer CT-Aufnahme des Brustkorbs bekommt man etwa acht Millisievert ab. Computertomografien können Leben retten, doch immer öfter werden sie eingesetzt, obwohl sie gar nicht nötig wären. Die Geräte wollen ja amortisiert werden. Den Preis zahlen die PatientInnen. Neuste Studien belegen, dass vor allem Kinder höchst sensibel reagieren: Diagnostische Röntgenaufnahmen erhöhen nachweislich ihr Risiko, an Leukämie respektive an Gehirntumoren zu erkranken.

Zu behaupten, kleinere Strahlendosen seien ungefährlich, ist falsch und unwissenschaftlich. Nur ist die Lobby, die in diesem Bereich wirklich forschen will, zu klein und hat kaum Geld – derweil die Lobby, die es nicht wissen will, stark ist und sich das Geschäft nicht vermiesen lassen will.

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