Nr. 16/2011 vom 21.04.2011

Der Fluch der Bodenschätze

Seit 2003 fördert der Tschad Öl. Die Armut wurde damit – entgegen den Prophezeiungen der Weltbank – nicht gemindert. Dafür hat es die Macht von Präsident Idriss Déby gefestigt. Seiner dritten Wiederwahl am Ostersonntag steht nichts im Weg.

Von Ruedi Küng, N’Djamena

Die tschadische Hauptstadt N’Djamena überrascht. Die Millionenmetropole am Fluss Schari ist aufgeräumt. Auf den breiten, asphaltierten Strassen verkehren teure Limousinen und klimatisierte Geländefahrzeuge. Von Bäumen gesäumte Avenuen – eine ist auch fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit des Tschad nach Frankreichs einstigem Präsidenten Charles de Gaulle benannt – führen an neu errichteten Gebäuden vorbei, an Ministerien, Verwaltungshäusern, Schulen, einem Spital. Die Kreisel sind mit Blumen und Skulpturen geschmückt.

Im Jahr 2008 waren Rebellen aus dem östlichen Grenzgebiet zum Sudan bis in die Hauptstadt vorgedrungen und hatten die Regierungskräfte arg in Bedrängnis gebracht. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung setzten beide Seiten schwere Waffen ein. Am Ende hatten die Truppen von Präsident Idriss Déby Itno die Oberhand gewonnen. Dank Frankreichs logistischer Hilfe. Und dank guter Waffen – finanziert durch den Erdölexport.

Gesetz zur Armutsbekämpfung

Dass N’Djamena neben dem herausgeputzten Zentrum auch andere Gesichter hat, zeigt mir Nazaire Djerakoubou, Erdölfachmann bei der Swissaid. Die Schweizer Entwicklungsorganisation unterstützt seit Jahren zivilgesellschaftliche Organisationen, die die sozialverantwortliche Nutzung der Erdöleinnahmen überwachen. Nazaire führt mich durch N’Djamenas ärmliche Aussenquartiere. Hier leben Leute aus dem Süden, die vor der ländlichen Armut in die Hauptstadt geflohen sind. Sie wohnen in einfachen Backsteinhäusern ohne Strom und Wasser. Die Wege und Strassen sind holperig, staubig und nachts unbeleuchtet. Bäume gibt es hier keine. Dabei steigt die Temperatur im April und Mai auf über vierzig Grad.

Seit acht Jahren fördert das zentralafrikanische Land nun Erdöl. Die als Erstes ausgebeuteten Erdölfelder befinden sich in der Gegend der Ortschaft Doba im Südwesten des Landes. Der Export des schwarzen Goldes ist dank einer über tausend Kilometer langen Pipeline möglich. Sie führt durch Kamerun bis an den Golf von Guinea, wo das Öl auf Schiffe verladen wird. Eine Investition von 3,7 Milliarden US-Dollar war dafür nötig. Die zuständige Firma Esso Tschad, die ein Konsortium aus den US-Multis Exxon-Mobil und Chevron-Texaco sowie der malaysischen Petronas vertritt, erhielt dafür Hilfe von der Weltbank. Die Investition sollte damit eine symbolische Bedeutung erhalten.

Die Weltbank erklärte ihrerseits, den Tschad dank der Erdölförderung entwickeln zu wollen. Damit wollte sie nicht zuletzt ihr Engagement in der Armutsbekämpfung unter Beweis stellen. Das Projekt sollte weltweit wegweisend sein. Kernstück war das Gesetz 001, das 1999 in Kraft trat. Damit wurde die tschadische Regierung verpflichtet, einen Teil der Erdöleinnahmen für wichtige Staatsaufgaben zu verwenden: Bildung, Gesundheit, Sozialwesen, ländliche Entwicklung, Infrastruktur, Umwelt oder Wasserressourcen. Ein kleiner Teil der Erdölerlöse sollte zudem der Bevölkerung im Fördergebiet von Doba zugutekommen, ein anderer Teil in einen Fonds für künftige Generationen fliessen.

«Aus Liebe und Treue zu unserem Volk» verpflichtet sich Präsident Déby zudem, die Verwendung der Erdöleinkünfte offenzulegen und von einem Gremium von VertreterInnen des Staates und der Zivilgesellschaft überwachen zu lassen. Doch das Gremium konnte seinen Auftrag von Anfang an kaum erfüllen, denn der Verteilschlüssel kommt nur bei direkten Einnahmen wie Dividenden und Lizenzgebühren zum Tragen. Die indirekten Einnahmen aus Gebühren, Steuern und Zöllen, die den grösseren Teil der Erdöleinnahmen ausmachen, fliessen direkt der Staatskasse zu – und entgehen damit seiner Kontrolle. Die gesamten Erdöleinkünfte machen über zwei Drittel der Staatseinnahmen aus.

Zudem hatte das Gesetz 001 nicht lange Bestand. Präsident Déby sah sich in der Verwendung der Öleinkünfte zu stark eingeschränkt. Umso mehr, als er von Rebellen herausgefordert wurde und deshalb Geld für Waffen brauchte. 2005 liess er das Gesetz 002 ausarbeiten, das ihm erlaubt, die Erdöleinnahmen nach eigenem Gutdünken – insbesondere für die «Sicherheit» – auszugeben. Das Inkrafttreten des neuen Gesetzes 2006 führte zum Zerwürfnis mit der Weltbank. Schliesslich zog sie sich aus dem Projekt ganz zurück.

Das Leiden der Lokalbevölkerung

Von N’Djamena aus fahren wir Richtung Süden. Die Landschaft ist flach, die Vegetation karg. Viehzüchter aus dem Norden treiben ihre Rinderherden südwärts – bei ihrer Suche nach Weideplätzen und Wasserstellen geraten sie immer wieder mit AckerbäuerInnen in Konflikt. Je weiter wir in den Süden kommen, desto mehr Büsche, Bäume und Palmen bedecken das Land. Dazwischen immer wieder Bauernhöfe: kleine, meist rechtwinklige Häuser aus getrockneten Lehmziegeln und mit Strohdach; daneben hie und da ein Getreidespeicher – ein riesiger Tontopf auf Holzpfählen. Hier gibt es weder Wasser noch Stromversorgung. Wenn abends um sechs Uhr die Nacht hereinbricht, sind in der Dunkelheit nur noch die kleinen Herdfeuer auszumachen. In grösseren Ortschaften leuchten da und dort ein paar Glühbirnen, gespeist von Generatoren.

Die Strasse in Richtung des Erdölfördergebiets von Doba folgt einer neuen Starkstromleitung. Wir haben eine offizielle Anmeldung, sonst würden wir unverzüglich von einer der Sicherheitspatrouillen aufgehalten. Die Wachleute mit ihren modernen Helmen, Gesichtsmasken und Sonnenbrillen muten in der Savanne wie Marsmenschen an. Das gesamte Fördergebiet ist streng überwacht. Wie wir erfahren müssen, ist der vorgesehene Besuch in der Esso-Zentrale beim Industriezentrum Moundou, für den wir angemeldet sind, nicht möglich.

Die mittlerweile Hunderte Förderstellen haben viele Dörfer in der Region von ihrer Umwelt abgeschnitten. «Villages enclavés» werden sie genannt – Enklaven. Die BäuerInnen müssen oft weite Umwege zurücklegen, um auf ihre Felder zu gelangen. Die Leute berichten von willkürlichen Festnahmen durch private Wachleute und gar von folterähnlichen Züchtigungen. Die lokalen Chefs würden von den Erdölleuten nicht respektiert. Es sei, als habe eine feindliche Macht ihr Land besetzt, meint ein junger Mann. Und die von ihnen gewählten Parlamentsabgeordneten würden sich nicht um die Probleme kümmern. Als wir an der Villa eines Funktionärs vorbeifahren, bemerkt eine mitreisende Journalistin in Bezug auf die Programme zur Armutsbekämpfung der Weltbank sarkastisch: «Seht, dieser Bewohner hat seine Armut besiegt.»

In Maikeri, einem der «villages enclavés», drängen sich in der Dorfschule – einer windigen Strohhütte – mehr als sechzig Kinder zusammen. Der Lehrer, der monatlich umgerechnet dreizehn Schweizer Franken verdient, ist gerade abwesend. Er ist in der Schulhütte nebenan, in der er ebenfalls unterrichtet. An der Wandtafel steht ein französischer Satz geschrieben. Auf meine Bitte hin liest ihn ein Schüler laut vor, doch nur mit grösster Mühe und ohne zu verstehen, was er bedeutet.

Der Kantonsvorsteher, den wir aufsuchen, stellt bitter fest, dass die Leute der Region wegen der Erdölförderung nicht mehr genügend landwirtschaftliche Produkte anbauen könnten, um sich zu ernähren. Und wegen des Stresses käme es innerhalb der lokalen Gemeinschaften immer wieder zu ernsthaften Spannungen.

Bischof Michel Russo, den wir schliesslich in Doba besuchen, zieht eine ernüchternde Bilanz. Mit dem für Doba bestimmten Erdölgeld habe man nutzlose Dinge gebaut. Etwa ein Fussballstadion, wo es doch gar keine Fussballmannschaft gebe. Eine Mittelschule, obwohl dafür die Lehrer fehlten. Ein Spital, das leer stehe, weil kein Personal vorhanden sei. Doch Esso Tschad gehe auf die Klagen der Bevölkerung von Doba nicht ein. Ihr Argument: Das seien die Probleme der Regierung, nicht die ihren. Von einer verantwortungsvollen Nutzung der Erdöleinkommen könne keine Rede sein, schliesst der Prälat. Was die Leute hier durchmachten, sei schlimmer als die einstige Kolonialisierung.

Die neu erschlossenen Erdölfelder im Tschad werden nicht mehr von Esso ausgebeutet. Präsident Déby hat die Lizenzen dafür der China National Petroleum Corporation (CNPC) erteilt. Diese baut zusätzlich zu den Erdölförderanlagen im Süden eine Raffinerie nahe der Hauptstadt. Die Pipeline, die das Erdöl dorthin transportiert, hat sie bereits verlegt. Die CNPC kommt Präsident Déby gelegen: Während Esso öffentlich bekannt gibt, wie viel Geld sie dem Tschad überweist, operiert das chinesische Unternehmen im Verdeckten. So kann Präsident Déby die Erdölmilliarden auch in seiner vierten Amtszeit nach eigenem Gutdünken verwenden.

Die Reportage entstand während einer von der Schweizer Entwicklungsorganisation Swissaid organisierten Reise.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Der Fluch der Bodenschätze aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr