Nr. 17/2011 vom 28.04.2011

Würde die Fifa auseinanderbrechen?

Filz bei der Fifa, das olympische Komitee als «Familie»? 
Anne Schwöbel von Transparency International über mangelnde ­Transparenz bei milliardenschweren Sportverbänden.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Korruptionsexpertin Anne Schwöbel (39): «In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der Fifa ein Filz gebildet; Seilschaften, falsch verstandene Kameradschaft.»

WOZ: Frau Schwöbel, Transparenz in der ­Politik ist das eine, das andere ist die Privat­wirtschaft. Warum gibt es dort so wenig Transparenzvorschriften?
Anne Schwöbel: Auch in der Wirtschaft gibt es Rahmenbedingungen und Regeln. Unternehmen müssen allerlei börsenrelevante Informationen bekanntgeben. Die Auflagen sind da relativ streng.

Ich spreche nicht von Börsenrelevanz. Private Unternehmen haben auch eine gesellschaftliche Relevanz, wie der Fall UBS deutlich gezeigt hat.
Klar. Es gibt allerdings – gerade bei grossen Unternehmen – auch einen Trend zu mehr Transparenz. Die öffentliche Wahrnehmung im Bereich Corporate Governance ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Zwei Bereiche hinken hinterher: die KMU und – wesentlich wichtiger, weil sie als internationale Grossunternehmen auftreten – die Sportverbände.

Die Sportverbände?
Als Unterhaltungsindustrie setzten sie Milliarden um. Sie sind global operierende Wirtschaftsunternehmen geworden. Obwohl die Sportorganisationen vereinzelt Ethikkodizes erlassen haben, fehlt es an grundlegenden Reformen. Fifa-Präsident Joseph Blatter und IOC-Präsident Jacques Rogge haben immer wieder gesagt: Wir regeln alle Fragen in der Familie und wollen keine Kontrolle von aussen.
Es kann nicht sein, dass Organisationen, die einen derart relevanten Wirtschaftsfaktor darstellen, anders behandelt werden als Wirtschaftsunternehmen. Die Wahl des Präsidenten oder die Vergabe der Weltmeisterschaften gilt als interner Entscheid einer Sportorganisation und untersteht somit nicht der Korruptionsgesetzgebung. Es obliegt den Verbänden – so der Bundesrat –, Vorkehrungen zu treffen, um ihre internen Wahl- und Abstimmungsmechanismen frei von unstatthafter Beeinflussung zu halten.

Was bedeutet das konkret?
Wenn beispielsweise bei einer Fifa-Wahl bestochen würde, haben die Strafbehörden keine Kompetenzen, dies zu verfolgen. Oder nehmen wir das Beispiel der zwei Fifa-Funktionäre Amos Adamu und Reynald Temarii, die von den Undercover-Reportern der «Sunday Times» Geld annehmen wollten: Sie wurden zwar suspendiert, aber in ein, zwei Jahren können sie ihre Funktion wieder aufnehmen. Es hätte eine Untersuchung durch ein unabhängiges Gremium geben müssen.

Die Fifa weigert sich, obwohl es nachgewiesene Fälle von Korruption gibt.
Weil sie die Kontrolle nicht aus der Hand geben will. Sie will selber entscheiden können, wer wofür wie gebüsst wird.

Joseph Blatter sagte kürzlich in einem Film des WDR: «Wenn wir auf dieses Thema eingehen würden, können wir das ganze Gebilde schliessen.»
Ja, natürlich: Im Fall Adamu/Temarii sagte er, das seien fingierte Fälle gewesen, auf die er auch reingefallen wäre.

Fehlt ihm das Unrechtsbewusstsein?
Er glaubt, dass die Sportwelt nach anderen Regeln funktioniert. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der Fifa ein Filz gebildet; Seilschaften, falsch verstandene Kameradschaft. Es gibt eine Hierarchie und eine Art Folgsamkeit, an der nicht zu rütteln ist. Und da könnte Joseph Blatter ja recht haben: Wenn man da mal anfangen würde, reinzuschauen und das System zu untersuchen, dann würde wohl alles auseinanderbrechen.

Blatter hat Anfang dieses Jahrs angekündigt, ein neues Aufsichtsgremium zu gründen, um das Korruptionsproblem anzugehen.
Er schlug für dieses Gremium Persönlichkeiten aus Politik, Sport, Wirtschaft und Kultur vor. Aber keine Antikorruptionsexperten, die es ja in diesem Fall bräuchte.

Würden Sie diesen Job gerne übernehmen?
Nein, aber wir haben Herrn Blatter gesagt, dass wir ihm gerne eine Reihe von Experten vorschlagen würden. Er hat uns dafür gedankt – und im gleichen Atemzug gesagt, dass er derzeit überrannt werde mit Angeboten. Wir schlugen vor, dass die Wahl eines solchen Gremiums von aussen erfolgt, damit die Unabhängigkeit gewährleistet sei. Herr Blatter meinte, es käme auch niemandem in den Sinn, zu behaupten, dass das Bundesgericht nicht unabhängig sei, weil es von der Schweizer Nationalversammlung gewählt werde.

Womit er recht hat.
Klar. Aber das bedeutet nicht, dass es die Fifa nicht besser machen könnte. Das Problem bei der Korruption ist, dass man ein hohes Mass an Fachwissen benötigt, um Indizien und Hinweise zu erkennen. Man muss wissen, wie ein korruptes System aufgebaut ist, wie über Tarnfirmen international Geld verschoben wird. Bei einem sogenannten Compliance-Gremium aus internationalen Persönlichkeiten, die sich nicht mit dem Thema auskennen, fragt man sich dann natürlich: Wofür soll das gut sein?

Gehört nicht zu den grundlegenden Problemen der Korruption, dass ihr Ausmass nicht bekannt wird?
Natürlich. Wer kann denn bei Privatkorruption überhaupt Anzeige erstatten? Der Schmierende und der Geschmierte. Aber beide haben logischerweise kein Interesse daran. Bleibt nur noch der Geschädigte. Doch der weiss von nichts.

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