Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Auf dass nichts mehr kreuche und fleuche

Der immergrüne Buchs aus Ostasien ziert Gärten und Balkone. Doch mit dem Modegewächs ist auch der Zünsler importiert worden. Die Raupe rückt dem alten Bestand in Parks und Friedhöfen zu Leibe. Und ruft den Gärtner mit der Giftspritze auf den Plan.

Von Andreas Diethelm

Der Grenzacher «Buchswald» auf der badischen Seite des Basler Rheinknies, eigentlich ein Laubmischwald mit Rotbuche, Flaumeiche, Linde, Ahorn, Esche, steht im vollen Saft. Seine Besonderheit, Buxus sempervirens, ein strauchartiger Baum mit kleinen, konvex gewölbten Blättern, macht derweil einen kläglichen Endruck: Der Artname «immergrün« ist nur noch bittere Ironie. Wo sich vor wenigen Jahren noch auf rund hundert Hektaren eines der letzten bedeutenden Wildbuchsvorkommen nördlich der Alpen ausbreitete, spross mit Frühlingserwachen zwar zartes Grün aus dem kahlen Geäst. Längst aber sind die neuen saftigen Weidegründe von Raupen besiedelt. Auch heuer wird bald nurmehr kahl ergrautes Gestrüpp zurückbleiben vom ehedem edlen Glanz des dunklen, dichten Laubs.

Das grosse Fressen veranstalten Raupen der Art Diaphania perspectalis. Der aus Ostasien stammende Buchsbaumzünsler ist erstmals im Sommer 2006 bei Strassburg und in Weil am Rhein gesichtet worden. Versteckt in seinem Futtertrog und Wohnmobil, dem kugelförmig getrimmten Buchsbäumchen, ist er aus China in unsere Gegend eingereist. Inzwischen hat er sich in weiten Gebieten beidseits des Oberrheins und von Niedersachsen über Sachsen und Bayern bis nach Niederösterreich niedergelassen.

«Asiatische Raupe befällt Zürich»

Institutionelle und private BuchsliebhaberInnen, die jetzt die achte Landplage beklagen, mögen bedenken, dass sie sich und andern das Problem selbst eingehandelt haben. Bereits vor zwei Jahren zeigte eine Kontrolle bei Gartenzentren der Region Basel: Der Grossteil der angebotenen Buchspflanzen war von Raupen besiedelt.

Aus eigener Kraft könnte der Buchsbaumzünsler seinen Lebensraum nur langsam ausdehnen. Der Nachtfalter mit nur 25 Millimetern Flügelspannweite ist zwar ein guter Flieger. Nach der Paarung sucht er im Schutz der Dunkelheit nach frischem Buchs in der Nachbarschaft der abgeweideten Wirtspflanze. So stellt er sicher, dass die nächste Raupengeneration einen reich gedeckten Tisch vorfindet. Allerdings hat man bisher nicht beobachtet, dass der Falter seinen Eivorrat über grössere Distanzen als drei oder vier Kilometer verteilen könnte.

Am künftigen Futterplatz klebt er sein Gelege, gut versteckt im Inneren des Strauchs, an die Blattunterseiten. Die Raupenbrut schlüpft nach wenigen Tagen und spinnt sich in ein kunstvolles Blätterbiwak ein, zum optimalen Schutz gegen Räuber, Parasiten – und gegen Giftangriffe.

Das hohe Ausbreitungstempo des ungeliebten Zünslers ist ein Preis des Freihandels respektive der Freiheit, alles Sinnige und Unsinnige billig und unbekümmert um die Begleitschäden in der Welt herumzufahren. Nicht allein der Buchs, das System ist krank – und beide werden sie nicht am Gift genesen.

Man wundert sich zunächst, dass die Regulierungsbehörde beim Bund den Verkehr mit diesen Trojanischen Pferden nicht längst eingeschränkt hat. Immerhin steht die Diaphania perspectalis seit 2007 auf der Frühwarnliste der Internationalen Pflanzenschutzorganisation EPPO. Das Geschäft mit dem trendigen Grünzeug und seiner giftigen «Pflege», welche die Branche ja gleich mitbesorgt, ist offensichtlich zu profitabel, als dass ein behördliches Eingreifen als opportun erachtet würde. Während also das Gartengewerbe die Verbreitung der Schmetterlingslarven nach Kräften fördert, vermitteln Zeitungsüberschriften einen Hauch von Horror: «Fiese Raupe frisst sich durch Deutschlands Gärten», «Asiatische Raupe befällt Zürich».

Pflanzenschutzfachstellen landein, landaus raten, dem Schädling mit der Giftspritze zu Leibe zu rücken. Vor rund zwei Jahren hat die Stadt Basel im Kannenfeldpark an mehreren Tagen grosszügig Carbosulfan versprüht. Auch wenn die Europäische Behörde dem insektiziden Wirkstoff die Zulassung verweigert hat – weil er Gesundheit und Umwelt zu stark schädigt. Erst das Auftauchen einer Kamera des Schweizer Fernsehens führte zum Abbruch der Basler Sprühaktion. Der Einsatz solcher Mittel, die aus guten Gründen mit Atemschutzmaske und Schutzanzug auszuführen sind, ist nicht ideal für ParkbesucherInnen, die sich nach dem Giftregen ungeschützt ins Gras legen.

Ausserdem senden derartige Übungen ein bedenkliches Signal an private Unterhaltsbetriebe und FreizeitgärtnerInnen. Breitbandinsektizide wie Carbosulfan räumen nämlich ohne Unterschied mit allem auf, was kreucht und fleucht – ausser mit der anvisierten Raupe. Es sei denn, man ertränke jede einzeln im Gift. Der Buchsbaumzünsler ist ein wahrer Überlebenskünstler.

Im Gartencenter steht man etwas ratlos vor den Giftregalen: alles öko, alles bio, alles natura, alles sano – und alles killt sofort und umweltschonend. Anlass zur Frage, warum Menschen Zierpflanzen schön finden können, an denen und um die herum sich nichts regen darf, und daher entschlossen sind, den angepriesenen Humbug zu glauben. Und weshalb überhaupt müssen es dann echte Pflanzen sein? Wie bloss konnte das Gartengewerbe derart auf Abwege geraten?

Uns ZeitgenossInnen der Informationsgesellschaft kann nicht verborgen bleiben, dass rund um den Globus Kriege toben, auch wenn jeweils nur zwei oder drei von fünfzig in den Schlagzeilen auftauchen. Weniger bewusst ist uns der permanent geführte Krieg auf den Anbauflächen der Welt: ein Krieg gegen alles, was der Effizienz der Pflanzenproduktion im Wege steht.

Am 22. April 1915 läuteten deutsche Truppen an der Ypern-Front eine neue Ära ein, die Ära der chemischen Kriegsführung, der Massenvernichtung: Angeführt vom späteren Chemienobelpreisträger Fritz Haber, schickte eine Desinfektionskompagnie mit einem ersten Chlorgasangriff Tausende von Menschen in den Tod oder mit schwersten Verätzungen in die Invalidität. Die Verbündeten der Entente zogen sofort nach: Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs sollen bis zu 100 000 Soldaten durch Giftgase wie Chlorgas, Phosgen oder Senfgas umgekommen sein. Eine viel grössere Anzahl wurde fürs Leben gezeichnet.

Chemische Kriegsführung

Die Offiziere der kaiserlichen Armee lehnten die Tötungsmethode anfänglich als unehrenhaft ab. Tatsächlich waren Giftgaseinsätze ein folgenschwerer Bruch mit dem geltenden Römischen Rechtsgrundsatz: «Armis bella non veneris geri» – Kriege werden mit Waffen geführt, nicht mit Gift. Die Giftgaseinsätze im Ersten Weltkrieg gaben den Weg frei für die industrielle Menschenvernichtung in Auschwitz, Treblinka, Jasenovac, Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg.

Der landwirtschaftlichen Forschung ist nicht entgangen, dass solche Giftstoffe ebenso effizient Tiere und Pflanzen töten. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte eine intensive chemische Forschung ein – mit dem Ziel, die Massenvernichtungsstoffe für den zivilen Gebrauch zu konfektionieren. Aus Giftgas wurde so Unkraut- und Insektenvertilger. Zum Beispiel Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT): Nachdem seine insektizide Wirkung bereits 1939 entdeckt worden war, nahm 1943 die Firma Geigy, eine der Vorgängerinnen des Agromultis Syngenta, im Werk Grenzach die Produktion dieses Nervengifts auf. Sowohl Alliierte wie Achsenmächte setzten DDT in der Folge grossflächig gegen Läuse und anderes Ungeziefer in den Einmarschgebieten ein.

Parabellum bumm bumm

In den folgenden Jahrzehnten war DDT das global am meisten verwendete Pestizid. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Organochlorpestizide versprühte man es in allen Bereichen der Land- und Forstwirtschaft über den ganzen Erdball. Dies, obschon ihre schädliche Wirkung auf mitgetroffene Organismen bereits bei ihrer Markteinführung bekannt war. DDT etwa wird im Fettgewebe gespeichert und reichert sich über die Nahrungskette an, letztlich bis in die Muttermilch.

Die US-amerikanische Biologin Rachel Carson störte 1962 erstmals die Freude der giftseligen Konsumgesellschaft an der schönen neuen Welt der makellos erscheinenden Lebensmittel. Ihr Buch «Silent Spring» («Der stumme Frühling») führte der Öffentlichkeit die Verheerungen an der Fauna vor Augen, die der Vernichtungskrieg im Dienste maximaler Ernteerträge auf den Anbauflächen zurückliess. Zehn Jahre später verboten die USA und Europa DDT.

Heute stehen für viele Anwendungsbereiche spezifischer wirkende, weniger toxische und leichter abbaubare synthetische Biozide zur Verfügung – zumindest in unseren Breiten. Standortgerecht und naturnah kultivierte Zierpflanzen brauchen allerdings keine Kampfstoffe zum Überleben. Im Friedhof so wenig wie im privaten Garten.

Wer Blattfresser wie den Buchsbaumzünsler jedoch als aggressives fernöstliches Ungeziefer dämonisiert und seinen Lebensraum mit Gift vernebelt, vernebelt auch sein eigenes Bewusstsein. Stattdessen könnten wir versuchen, das Menetekel des Zünslers zu begreifen und uns von der einfältigen Vorstellung der Gralssucher und Fantasyjünger zu befreien, es gäbe ein einziges Mittel gegen jedes Übel: Parabellum bumm bumm – und zurück bliebe das alleinige Gute, wir als ein Teil davon. So oder so: Fortan wird der Buchsbaum mit seinem Zünsler auch hierzulande leben – und sterben.