Nr. 21/2011 vom 26.05.2011

«Atomkraft ist scheisse, in Japan gibts Beweise»

2500 Jugendliche demonstrieren am Dienstag lustvoll-wütend gegen Atomkraft. Ein kurzer Trend oder Politisierungsmoment vieler? Reportage vom SchülerInnenstreik in Bern.

Von Dinu Gautier

Ein Mann über dreissig steht am Strassenrand. Es ist Dienstagmorgen. Er fragt etwas verblüfft: «Haben wir an einer Demo schon einmal eine solche Stimmung gesehen?»

Es ist SchülerInnenstreik. Geschätzte 2500 Jugendliche ziehen durch die Berner Innenstadt, sie sind laut, sie singen, sie skandieren: «Atomkraft ist scheisse, in Japan gibts Beweise.» Und immer lauter: «Niemeh AKW, niemeh AKW.» Die Menge hüpft, die Menge pfeift. Plötzlich wird gerannt, der puren Freude wegen, für ein paar Hundert Meter. Sogar eine Polizistin am Strassenrand lächelt. Teenager halten sich an den Händen, es wirkt gleichzeitig zärtlich und kämpferisch. Und da ist auch die Wut, die Wut auf die Generationen vor ihnen, die Wut auf die, die Fukushima am liebsten schon gestern wieder vergessen hätten. Über die Lautsprecher läuft ein Lied von Müslüm, die Menge zuckt zum Refrain.

Wer sind diese Teenager, die hier praktisch aus dem Nichts den Älteren zeigen, wie man sich die Strasse mit Begeisterung nimmt, trotz Repressionsdrohungen seitens einiger Schulleitungen?

Rund dreissig Jugendliche haben das Ganze organisiert. Die meisten von ihnen zwischen vierzehn und achtzehn Jahre alt. Geld auftreiben, einen Aufruftext verfassen (und heftig über fast jeden Satz darin debattieren), Flugblätter drucken, an den Schulen die KollegInnen überzeugen, mobilisieren. Knapp vier Wochen hat das alles gedauert. Zwischendurch organisierte die Gruppe, quasi zur Einstimmung, kleinere Aktionen. An der BEA-Messe etwa besetzten sie mit Zelten für ein paar Minuten den Pavillon der Mühleberg-Betreiberin BKW – bis die Securitas zu aufsässig wurde.

Applaus von den Balkonen

Doch zurück zum Streik: Morgens um acht Uhr beginnt er. Dezentral, vor den Schulhäusern. Vom Gymnasium Neufeld ziehen rund 200 Streikende durchs Länggasse-Quartier. Ältere Damen und Herren applaudieren von ihren Balkonen aus. Keinen Applaus gibts beim privaten Freien Gymnasium Bern, wo die Neufeld-Gymeler hoffen, auf Gleichgesinnte zu treffen. Der Rektor steht am Eingang, verhindert die Erstürmung des Gebäudes. Von jenen, die sich die Privatschule leisten können, kommt denn auch nur einer mit. Und beim Uni-Hauptgebäude schliessen sich gerade einmal fünf StudentInnen an. Einer meint entschuldigend, es sei halt noch ein bisschen früh ...

Beim Bahnhof treffen sich die Demonstrationszüge der einzelnen Schulen unter grossem Jubel. Nora (16) und Ella (17) berichten vom Gymnasium Kirchenfeld: Die RektorInnen und ein paar Lehrer hätten die Eingangstore blockiert, damit niemand aus den Zimmern geholt werden konnte. So hätten sie halt auf die Pause und damit auf die rausströmenden GymnasiastInnen gewartet. Livia (16), aus dem Gymnasium Hofwil: «In einigen Klassenzimmern blieben nur drei oder vier Schüler zurück. Die sind halt für Atomkraft.»

Um zehn Uhr sind alle am Bahnhofplatz angekommen – einige von ausserhalb, aus Thun, aus Langnau. Jetzt wird gemeinsam weiterdemonstriert. Im Gespräch mit den Jugendlichen wird rasch klar: Viele sind zum ersten Mal an einer Demo. So zum Beispiel die siebzehnjährige Noemi: «Ich habe Verwandte in Japan», sagt sie. «Auch deshalb hat mich Fukushima sehr berührt.» Die Schweiz solle sich ein Beispiel an Deutschland nehmen und beginnen, Atomkraftwerke wie Mühleberg vom Netz zu nehmen, meint sie. Auch für Luc (16) ist es die erste Demo. Er sei sonst nicht wahnsinnig politisch, sagt er, aber nach Tschernobyl und Fukushima erwarte er nun, dass «die sich endlich was überlegen. Und wenn sie überlegt haben, sollen sie abschalten.» Und der zwölfjährige Philippe, knapp, aber deutlich: «Es geht uns um eine gute Zukunft.»

In der unteren Altstadt geben sich zwei Polizisten redlich Mühe, die Gelegenheit nicht zu verpassen, ihren Berufsstand in ein bewährtes Licht zu rücken: K. Schiller (Namensschild) hat eigenhändig ein Transparent verhaftet. Zusammengerollt liegt es jetzt hinten im Polizeiauto. K. Schiller und sein Kollege nehmen die Personalien minderjähriger Mädchen auf (die Besitzerinnen des Transparents). Wieso er das tut, mag er erst nicht sagen. Dann, sehr enerviert: «Das ist eine unbewilligte Demo, und die da wollten ein Transparent aufhängen, wo sie nicht durften.»

Schliesslich, nach stundenlangem Umzug und einem Abstecher zur Zentrale der BKW (mit viel Lärm), gibts ein Konzert in einem Park. Zeit für eine Bilanz und die Frage, ob das jetzt ein einmaliger Event, eine kurze Modeerscheinung an Berns Schulen war oder ob man hier von einem Moment der Politisierung vieler Jugendlicher sprechen kann.

«Das war saustark»

Julia (16), Steiner-Schule Ittigen: «Die Sache ist gelungen. Erschreckt haben mich aber jene, die nicht gekommen sind, weil es ihnen scheissegal ist.» Anne-Sophie (16), Thun: «Das war super. Das war saustark.» Ihr würden solche Aktionen extrem guttun. An ihrer Schule gehe es dermassen unpolitisch zu und her. Plötzlich sehe sie, dass es so viele Gleichgesinnte gebe. «Und das gibt Kraft für weitere Aktionen.» Klar sei die Demo irgendwie ein Fest gewesen, so Anne-Sophie weiter, dennoch, oder gerade darum, kann sie sich «vorstellen, dass die Bewegung grösser wird, dass die Begeisterung auch die ganz Jungen dazu bringt, ihr inhaltliches Interesse zu vertiefen». Basil (18), Gymnasium Neufeld, hat sich zu Beginn der Demonstration genervt, weil «die Antifa» ihre schwarz-roten Fahnen an SchülerInnen verteilt habe, die überhaupt nicht gewusst hätten, wofür die Farben stünden. Ansonsten ist aber auch er zufrieden: «Das hat was gebracht. Wer an diesem grossen Fest dabei war, wird sich zwar in Zukunft nicht automatisch voll engagieren. Aber das war für viele schon ein prägendes Erlebnis.»

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