Nr. 15/2011 vom 14.04.2011

Bewegung gewinnt an Energie

Sachte formiert sich die Anti-AKW-Bewegung auf den Strassen und in den Zelten. Sie ist vielfältig und nachdenklich. Bald könnte dem symbolischen Protest direkter ziviler Ungehorsam folgen.

Von Dinu Gautier und Andy Strässle

Ein paar Kerzen, ein paar Mahnwachen, vereinzelt kleinere Demos, organisiert von Einzelpersonen: Lange war auf der Strasse wenig von einer Anti-AKW-Bewegung zu sehen. Das ändert sich jetzt rasant.

Schon seit über einer Woche campieren AKW-GegnerInnen vor dem Bürogebäude der Mühlebergbetreiberin BKW am Berner Viktoriaplatz. Das kleine Pärkchen ist besetzt, und das soll es auch bleiben – bis Mühleberg abgestellt wird. Von der Stadt, der das Pärklein gehört, forderten die CamperInnen eine «unbefristete Campbewilligung». Analog zur unbefristeten Betriebsbewilligung von Mühleberg. Über zwanzig Zelte stehen mittlerweile, bald wird der Platz knapp. «BKW und Politik: Mit abschalten ist nicht euer Hirn gemeint», steht auf einem gelben Transparent.

Im Tulpenbeet

Jeweils am Abend sitzen die BesetzerInnen zusammen. Vollversammlung. Erfahrene AktivistInnen sind da, sie wissen, wie man zu Entscheiden kommt, auch wenn fünfzig Personen mitdiskutieren. Gekommen sind auch Jugendliche aus dem Quartier, ganze Familien mit Kleinkindern. Zwei Juso-Mitglieder erzählen begeistert, wie sie mitgeholfen haben, eine SchülerInnendemo mit einigen Hundert Leuten gegen die Atomkraft zu organisieren. Ein junger Autonomer will über den Kapitalismus diskutieren, andere sorgen sich mehr um das Erscheinungsbild des Camps, rufen zur Benutzung von Aschenbechern und gegen den Kauf von Aludosen auf. In einem Tulpenbeet sitzt einer mit langen Haaren und spielt melancholische Lieder auf der Gitarre. Jemand sagt in die Runde: «Wir kümmern uns um die BKW. Hoffen wir, dass Leute aus anderen Gegenden vor der Axpo und vor der Alpiq eigene Camps aufstellen.»

Am Samstagmorgen kommen Hunderte zu einem Protestbrunch. Überhaupt scheint die Solidarität gross: PassantInnen stecken Banknoten in eine Spendenkasse, bringen Wein oder einen Sonnenschirm. Der Musiker Sarbach gibt gratis ein Konzert, Jürg Joss von Fokus Anti-Atom zählt eine lange, lange Liste von Sicherheitsmängeln am AKW Mühleberg auf.

Einige CamperInnen sind ein bisschen beunruhigt: Tags darauf sollen Hunderte Fussballfans des FC Basel am Camp vorbeiziehen. Die Sorge ist völlig unbegründet: Die Basel-Ultras zünden am Sonntag bengalische Fackeln vor dem Camp. Auf ihrem Fronttransparent steht: «Bengale statt Brennstäb». Man applaudiert sich gegenseitig zu.

Ein Camper sagt zur WOZ: «Es entsteht eine Bewegung. Der Druck der Strasse wird zunehmen. Der nächste Schritt ist der zivile Ungehorsam.» Man müsse sich der Atomlobby nun aktiv in den Weg stellen. Unter dem Motto «Am Tschernobyl-Jahrestag arbeitet die Atomlobby nicht» wollen die CamperInnen darum am Dienstag nach Ostern frühmorgens eine Menschenkette ums BKW-Gebäude bilden.

Sensenmänner unterwegs

Auch vor dem AKW Fessenheim im Elsass demonstrierten am Wochenende Tausende von Menschen aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland für die Abschaltung des Reaktors. Der Protest ist ebenfalls friedlich, aber weniger verspielt als in Bern. In der Gemeinde Challampe treiben sich einige Sensenmänner herum, und die Stimmung ist so kämpferisch wie der Reaktor alt. 10 000 Leute wie bei einer Demonstration Ende März seien es zwar nicht gewesen, sagt Jacques Fernique, grüner Regionalrat des Departements, aber man habe sich auch nur warmlaufen wollen für die grosse Demo am 25. April. Dann erwarten die Elsässer Grünen über 10 000 DemonstrantInnen.

In Basel beschliessen die Delegierten der Grünen unterdessen, eine nationale Initiative für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie zu lancieren. Die sanierungsbedürftigen Schweizer Atomkraftwerke Mühleberg und Beznau müssten demnach ein Jahr nach einer allfälligen Annahme der Initiative vom Netz.

Am Ostermontag organisiert die NWA (Nie wieder Atomkraftwerke) auf der Basler Dreiländerbrücke einen Spaziergang gegen das marode Atomkraftwerk Fessenheim. Die NWA unter der Geschäftsleitung von Ur-Kaiseraugst-Gegner Aernschd Born war es auch, die unmittelbar nach der Katastrophe in Fukushima erste Mahnwachen auf dem Basler Münsterplatz organisierte. Unterdessen finden von Genf bis St. Gallen diverse Kundgebungen für den Atomausstieg statt.

Gemeinsam haben die Proteste, dass sie friedlich und nachdenklich sind. Die InitiantInnen sind ganz unterschiedlich: von der lokalen Sektion der SP in Brugg über SchülerInnen in Bern bis hin zur kirchlichen Frauengruppe aus Wattwil, die Mahnwachen abhalten.

Eine grosse Kiste wird der zweite «Menschenstrom gegen Atom» am 22. Mai im Kanton Aargau. Im letzten Jahr nahmen 4000 Menschen am «familienfreundlichen» Grossanlass teil. «Wir können keine Schätzung machen, wie viele Leute dieses Mal teilnehmen werden», sagt die Mediensprecherin Michaela Lötscher. Schon über hundert Organisationen aus vier Ländern würden sich am Protestmarsch beteiligten. Das Kernteam des Organisationskomitees mit zwanzig Leuten sei am Anschlag. Auch das Budget des Menschenstroms, ursprünglich 80 000 Franken, müsse jetzt aufgestockt werden. Die verschiedenen Organisationen, die den Protestmarsch tragen, hätten aber Spenden zugesagt.

Zentral beim Menschenstrom sei, dass man alle Generationen vereinen wolle, sagt Michaela Lötscher. Die Veranstalter schlagen sich im Moment mit unzähligen Kleinigkeiten herum, so wolle man etwa die Marschroute dieses Jahr verkürzen, da sie für ältere Menschen und Familien zu lang gewesen sei.

«Das Bewusstsein für die Risiken der Atomenergie ist sicher stark gewachsen», sagt Franziska Rosenmund von Greenpeace Schweiz. «Es findet eine starke Mobilisierung in der ganzen Schweiz statt, die Menschen haben das Bedürfnis, auf die Strasse zu gehen», so die Greenpeace-Sprecherin. «Die Katastrophe in Japan war wie ein Weckruf.» An der Kampagnenarbeit von Greenpeace habe sich seit dem Reaktorunfall in Fukushima vor allem geändert, dass statt Alternativen zur Atomkraft («Energiewende») der komplette Ausstieg im Fokus stehe. Vorher habe man vor allem den Bau neuer AKWs bekämpft. «Wir erleben jetzt plötzlich eine grosse Einigkeit und eine Bereitschaft, zusammenzuarbeiten», so Rosenmund.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Bewegung gewinnt an Energie aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr