Nr. 23/2011 vom 09.06.2011

Pepe, Joschka und Herr Fischer

Eine Zeitreise durch sechzig Jahre deutsche Geschichte will Pepe Danquarts Film über den deutschen Ex-Aussenminister Joseph Fischer sein. Wer mitfährt und nicht unterwegs aussteigt, kann sich zumindest eine aktuelle Frage beantworten.

Von Michael Stötzel

Ein trüber Tag im Watt an der Nordsee. Spätsommer 2005. Da läuft eine lange Reihe seltsam dreinschauender Menschen durch den nassen Sand. Flüchtlinge? Nein, Journalistinnen und Journalisten, Kameramänner, Bodyguards. Mitten unter ihnen der deutsche Aussenminister Joseph Fischer. Er gibt sich merklich angewidert, als störe ihn der Rummel um ihn herum. Dabei hat er das präzis so organisiert. Denn es ist Wahlkampf.

Fischer redet nicht. Er hat gerade mal wieder eine geschichtsträchtige Entscheidung fällen müssen. Diejenige, Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die Hose hochzukrempeln. Jetzt sitzt er im Sand und gibt einen, der schwere Lasten trägt, so schwer, dass es einsam macht. Der Blick geht durch seine Umgebung hindurch. Eigentlich gehört er gar nicht dazu.

Da haben sich zwei gefunden

So will Filmemacher Pepe Danquart seinen Freund Fischer sehen. Denn exakt die Pose, die das Naturtalent der Selbstdarstellung wahrscheinlich nicht einstudieren musste, fängt Danquart bei schlagzeilenträchtigen Stationen von Fischers Leben wieder ein. Zum Beispiel 1983, als er im Kreis seiner ausgelassenen grünen KollegInnen erstmals in den Bundestag einzieht. Oder sechzehn Jahre später bei seiner Vereidigung zum Aussenminister. Bundeskanzler Gerhard Schröder steht neben ihm, sieht das Mienenspiel und fordert ihn handgreiflich, aber vergeblich auf, doch mal zu lachen. Ein Moment, in dem einem der Brioni-Kanzler sogar ein bisschen sympathisch werden kann. Einmal spricht Fischer es auch aus, dass er sich doch so anders sieht als die gewöhnlichen Menschen. Dass er davon überzeugt ist, mehr als andere zu tragen. Anfang der achtziger Jahre arbeitete er als Taxifahrer. «Im Taxi», sagt er, «habe ich gelernt, dass das Grossartige und das Hundsgemeine in jedem Menschen ganz eng beieinanderliegen.» Der Regisseur hat diese Weisheit aus dem Poesiealbum eines Pubertierenden nicht gnädig gestrichen. Im Gegenteil, er unterlegt sie einer Taxifahrt aus einem Tunnel ins Licht und durch das Frankfurter Rotlichtviertel: Danquart und Fischer, da haben sich wirklich zwei gefunden.

Der Ex-Aussenminister Fischer ist heute Unternehmensberater. Er steht auf den Payrolls des für seine Korruptheit bekannt gewordenen Elektronikkonzerns Siemens, des Atomkraftwerkbetreibers RWE oder des PS-Bolzers BMW. Die ersten Schritte als Unternehmensberater hatte er unter den Fittichen der früheren US-amerikanischen Aussenministerin Madeleine Albright gemacht. Punkto Gier musste sie ihm allerdings nichts beibringen. Und auch sonst scheint er schnell gelernt zu haben, worauf es ankommt «Man darf in der Beratung nicht zu politisch werden», diktierte er einem Journalisten des Düsseldorfer «Handelsblatts». Und auch dies: «Meine Beratung ist die Fortsetzung der Aussenpolitik mit anderen Mitteln.» – So unumwunden hat sicher noch kein ehemaliger Minister gesagt, für wen er den Job gemacht hat.

Von dem, was Fischer heute tut, erfährt man in dem Film nichts. Da schlendert ein wieder ziemlich feister Fischer durch eine dunkle Halle, betrachtet auf transparenten Plasmabildschirmen, die von der Decke hängen, sich ständig wiederholende Filmchen und kommentiert sie. Wir schauen ihm zu, wie er sich in den Bildschirmen und den Filmen spiegelt, die «eine Zeitreise durch sechzig Jahre Deutschland» sein sollen. Erst wird Geschichte mit ihm gemacht («Joschka»), dann macht er Geschichte («Herr Fischer»).

Fischer schaut sich selber zu

Allerdings ist schon der Joschka-Teil sein Deutschland, alles dreht sich um ihn, alles durchschaut er, alles vollendet sich in ihm. Das württembergische Kaff, in das seine Eltern, ungarndeutsche Flüchtlinge, nach Kriegsende verschlagen wurden, der Wiederaufbau des zerstörten Landes, später die Anfänge einer Jugendkultur, der Auschwitzprozess, der Vietnamkrieg, der Sommer der Ausserparlamentarischen Opposition, 1968. Dann sein Aufstieg, von nun an schaut er sich selbst zu. Bei Hausbesetzungen und Strassenkämpfen in Frankfurt, als Taxifahrer, bei den Geburtswehen der Grünen, als erster grüner Minister in Hessen, als Abgeordneter in Bonn, als Aussenminister der rot-grünen Regierung. Der Rundgang von Bildschirm zu Bildschirm folgt ganz konventionell der Abfolge der Ereignisse – die man allerdings kennen muss. Denn erklärt wird nicht, was da war, sondern was es für Fischer war.

Unterbrochen wird seine Sicht der Dinge durch die Einblendung kurzer Erzählungen von Zeitzeugen oder Weggefährten, die dank der Montage in einen Dialog mit Fischer treten sollen. Das allerdings klappt kaum einmal. Weil die älteren Herren sich lediglich in ihre wilde Jugend zurückträumen und an Fischers Lagerfeuer wärmen. Weil er mit den ersten Protesten gegen Atomkraftwerke gar nichts zu tun hatte. Oder weil die aus der DDR stammende Schauspielerin Katharina Thalbach unvermittelt eine ganz andere Geschichte erzählt, über das andere Deutschland, das ihr besser gefallen habe. Dabei geht sie durch die Ruinen eines Vergnügungsparks. Das fand Pepe Danquart sicher eine Superidee.

Der Sozialismus ist Schrott: Auch das gehört zum Geschichtsbild von Fischers 68. Die Auseinandersetzung der Systeme findet in seiner Erzählung über Westdeutschland darum nicht statt. Dabei war das der Treibstoff für die gar nicht so harmlose «Formierung» der Gesellschaft (ein Begriff des Wirtschaftswunder-Ministers und späteren Kanzlers Ludwig Erhard). Die von Fischer mehrfach hervorgehobenen demokratischen Verhältnisse gab es für radikal Linke nicht: KommunistInnen kamen in den Knast, SozialistInnen (in den Gewerkschaften und der SPD) wurden an den äussersten Rand gedrängt. Dagegen behielten prominente Nazis ihren Einfluss, in Wirtschaft und Politik. Fischers behauptete Wende, der erste Auschwitzprozess (Dezember 1963), wurde von der grossen Mehrheit der Deutschen gar nicht wahrgenommen. Sein Betreiber, der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, musste dem israelischen Geheimdienst noch 1960 heimlich Informationen über den argentinischen Aufenthaltsort Adolf Eichmanns, des Organisators der deutschen Massenmorde, liefern. Heimlich, weil der bundesrepublikanische Staatsapparat den Mann deckte.

So etwas passt nicht ins verklärende Geschichtsbild Fischers und Danquarts. In ihren Augen hätte es wohl der Radikalität des «Bruchs» von 68 geschadet. Dabei benennen sie dessen Folge ganz treffend: Die deutsche Gesellschaft wurde «entkrampft». Danach war das Leben leichter, wer wollte das geringschätzen?

Keine Agenda, kein Afghanistan

Bittere Ironie: Auch die nächste grosse «Entkrampfung» kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse wurde von Achtundsechzigern betrieben, diesmal allerdings von den ersten Achtundsechzigern an der Regierungsmacht. Schröder und Fischer stehen für die sicher einschneidendste Verschärfung der sozialen Verhältnisse in Nachkriegsdeutschland. Die «Agenda 2010» der rot-grünen Regierung, das gewaltige Umverteilungsprogramm, machte Schluss mit dem von der katholischen Soziallehre geprägten «rheinischen Kapitalismus». Darüber allerdings verliert der Film kein Sterbenswörtchen.

Genauso «vergessen» wird die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Deren absurde Begründung auch nur anzusprechen, hätte zwangsläufig Fischers letzten grossen Auftritt, seine Weigerung mit den US-Amerikanern in den Irak zu ziehen («I am not convinced») vermiest. Dabei war es ganz einfach ein falscher Zeitpunkt: Es standen mal wieder Wahlen an, und eine Mehrheit der Deutschen hat immer noch genug von Kriegen.

Kein Wort zur Innenpolitik, zu Afghanistan, zu seinen heutigen Aktivitäten als Unternehmensberater. Man wollte ihn ja nicht provozieren, begründet das einer der Macher, er hätte ja das Ganze hinschmeissen können. Beide Seiten waren sich also darüber im Klaren, dass sie reichlich retuschieren mussten, bis das Heldenbild Fischers strahlte. Aber war das wirklich nötig?

Offensichtlich nicht: Seit die Grünen dank Stuttgart 21 und Fukushima über eine Kanzlerkandidatur spekulieren dürfen, ohne ausgelacht zu werden, ist Fischer nämlich wieder im Spiel. Offensichtlich betrachten ihn wichtige Teile der Grünen weiterhin als ihren Mann. «Joschka und Herr Fischer» hat da seine Bedeutung: Der Film hilft, sich darauf einzurichten, was nach Frau Merkel und Herrn Westerwelle noch auf uns zukommen könnte.

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