Nr. 31/2011 vom 04.08.2011

«Wo kommst du her?» – «Aus Mutti»

Die «Angst vor dem Islam» ist in Medien und Politik allgegenwärtig. Reflexartig vermuteten Experten islamistische Terroristen hinter den Anschlägen in Norwegen. In Wirklichkeit ist der antimuslimische Diskurs mitschuldig an der Katastrophe.

Von Sara Winter Sayilir

Nicht nur der Attentäter von Oslo hatte ein klares Feindbild. Ob Minarettinitiative oder Burkaverbot: Der Islam wird seit Jahren gezielt zur Antithese des aufgeklärten Europa stilisiert. Die Debatte beschränkt sich nicht auf rechte Kreise, wie der Skandal um das deutsche SPD-Mitglied Thilo Sarrazin zeigt. Sollte der wegen islamfeindlicher, rassistischer Äusserungen in die Kritik gekommene ehemalige Bundesbank-Vorstand zunächst aus der Partei ausgeschlossen werden, stellte die SPD das Verfahren im Frühling ein. Daran zeigt sich, dass solche Ansichten auch in linken Kreisen viele UnterstützerInnen haben: Laut einer Umfrage finden 53 Prozent der SPD-Mitglieder Sarrazins Thesen richtig, unter den Grünen sind es 45 Prozent.

Zu unseren Werten stehen

«Islamfeindlichkeit ist gesellschaftsfähig und massentauglich geworden», schreibt der Politikwissenschaftler Farid Hafez in einem Kommentar in der österreichischen Tageszeitung «Der Standard». In der internationalen Wissenschaft wird das Phänomen «Islamophobie» genannt. Der Begriff bezeichnet die Ablehnung und Stigmatisierung alles Muslimischen. Dazu gehört, dass MuslimInnen oftmals zu einem monolithischen Block erklärt werden, der mit einer radikalen Minderheit gleichgesetzt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Hafez sagt im Telefongespräch: «Auch Begriffe wie ‹antimuslimischer Rassismus› und ‹Islamfeindlichkeit› haben ihre Berechtigung. So würde ich sagen, dass Christoph Blocher mit seiner SVP gezielt islamfeindlich handelt, während ich die meisten WählerInnen der SVP als unreflektiert islamophob bezeichnen würde.»

Seit zwei Jahren gibt Hafez, der am Orientalischen Institut in Wien forscht, das «Jahrbuch für Islamophobieforschung» heraus. Islamophobie hat laut Hafez mit real existierenden MuslimInnen nichts zu tun: «Das meiste spielt sich nur in den Köpfen der Islamophoben ab», Islamfeindlichkeit gebe es auch an Orten, wo gar keine Muslime lebten. Rechtspopulisten und sogenannte «seriöse» Islamkritiker wie «Weltwoche»-Kolumnist Henryk M. Broder würden eine Stimmung schaffen, die das Attentat von Oslo nachvollziehbar mache. «Sicher verurteilen viele Menschen die Tat an sich, die Ideen des Täters, dessen Manifest jedoch erhält gewiss breite Zustimmung in Europa», befürchtet Hafez. Während in vielen europäischen Ländern nun bereits über weitere Einschränkungen der Privatsphäre diskutiert werde, habe Norwegen klug gehandelt und solche Schritte zunächst abgelehnt.

«In einem Klima der Angst vor der erstarkenden Rechten greifen die Mitte-Parteien meist zu zwei Methoden: geübtes Schweigen oder professionelles Adaptieren», so Hafez. «Wichtig ist, dass wir klar zu unseren Werten stehen und nicht durch den Abbau unserer demokratischen Errungenschaften den Machtausbau der Rechten fördern.» Er fordert von den Parteien eine klare Abkehr von der Islamfeindlichkeit.

Die Angst hat eine lange Tradition

Auch Blogger und Autor Mutlu Ergün setzt sich im Kampf gegen Islamfeindlichkeit ein, die er als antimuslimischen Rassismus bezeichnet. In seinem Erstling «Kara Günlük. Die geheimen Tagebücher des Sesperado» nähert er sich in einer Mischung aus postkolonialen Theorien, Lehrtext und Liebesgeschichte dem alltäglichen Rassismus in der deutschen Gesellschaft an. Der studierte Erziehungswissenschaftler bemüht sich um eine humoristisch-ernste Auseinandersetzung mit dem Thema. So beantwortet Ergün die ewige Frage «Wo kommst du her?» schon mal mit einem lapidaren: «Aus Mutti.»

Gemeinsam mit seiner Kollegin Noah Sow zieht der aus Berlin stammende Ergün mit der antirassistischen Bühnenshow «Edutainment Attacke» durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Über Twitter verbreitete er nach den Ereignissen von Oslo die bittere Frage: «Werden nun Debatten darüber geführt werden, ob das Lesen der Bibel oder Anhänger von Jesus zu sein, Implikationen beinhaltet, Terrorist zu werden?» Nur wer den antimuslimischen Rassismus bisher ignoriert habe, könne behaupten, der Osloer Täter sei «aus dem Nichts» gekommen, sagt Ergün. «Die Angst vor dem Islam hat in Europa eine lange Tradition, man kann mögliche Kontinuitäten aus den Zeiten der Kreuzzüge über die Kolonialzeit bis heute ziehen», so Ergün. Dies sei unter anderem an der Repräsentation von Muslimen in den Medien zu sehen. «Nun durchläuft Europa eine enorme Identitätskrise, die sich in einem politischen Rechtsruck und in der Popularität von Politikern widerspiegelt, die kaum etwas anderes vertreten als antimuslimische Propaganda. Geert Wilders ist ein prominentes Beispiel.» Für ihn und viele ähnlich Denkende sei es unvorstellbar, dass Europäer-Sein heute nicht mehr automatisch «weiss sein» hiesse. «Die Präsenz ‹nicht-weisser› Europäer in ihrer Mitte verursacht eine starke Verunsicherung, die sich in Hass verwandelt», sagt Ergün.

Um dagegen anzusteuern, müsse vermehrt in Bildung und in soziale Gerechtigkeit investiert werden, ist Ergün überzeugt. In besonders schweren Fällen empfiehlt er das eine oder andere Antirassismustraining, um der Bedrohung von rechts entgegenzuwirken.

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