Nr. 31/2011 vom 04.08.2011

Die Stadt der verlorenen Finger

Es gibt in China international renommierte Hilfsorganisationen für ausgebeutete Lohnabhängige, bei denen nur selten das Telefon klingelt. Und Garageninitiativen, die ständig zu tun haben. Ein Besuch in der Provinz.

Von Wolf Kantelhardt, Yong Kang

Er sieht gut aus. Ganz in Weiss gekleidet, die langen Haare rotbraun gefärbt. Und vor allem ist er, wie er mit stolzem Lächeln bestätigt, für jemanden aus der Provinz Guizhou sehr gross. Sein Name ist Zhang Yonghong. Das Bild des 22-jährigen Wanderarbeiters war in letzter Zeit sowohl in Zeitungen als auch im Fernsehen zu sehen. Aber nicht des guten Aussehens wegen.

Zhang Yonghong erregte das Interesse der Medien, weil sein ehemaliger Chef nur für einen Bruchteil seiner ArbeiterInnen eine Unfallversicherung abgeschlossen hatte und dann, als etwas passierte, den unversicherten Zhang mit dem Personalausweis eines versicherten Arbeiters ins Krankenhaus geschickt hatte. Dieses Vorgehen hat für den Chef mehrere Vorteile: Er spart Versicherungsbeiträge. Und sollte ein Beschäftigter später gegen ihn klagen wollen, stellt das Gericht bald fest, dass jemand ganz anderes ärztlich behandelt wurde – womit für einen Prozess alle Beweise fehlen.

Als Zhang seinen Verband abstreift, ist zu sehen, dass ihm der Zeigefinger und das vordere Glied des kleinen Fingers fehlen. Abgesägt. Schluss ists mit dem Dasein als Mädchenschwarm. Trotzdem ist Zhang zufrieden. Weil er Huang Caigen von der ArbeiterInnenschutzorganisation Xiaoxiao Yu kennengelernt hat. Ohne dessen Hilfe hätte er die Hoffnung auf eine Entschädigung schon längst aufgegeben. Auch Huang ist zufrieden. Die Zeitungs- und Fernsehberichte machen ihn bekannt. Und wenn er bekannt ist, kann ihm so leicht nichts mehr passieren.

Das war nicht immer so. Als er 2009 anfing, sich für die Rechte der Beschäftigten einzusetzen, wurde Huang oft am Telefon bedroht. «Manchmal wollten die mich auch verprügeln. Wenn ich dann in eine Fabrik gekommen bin, dann kamen die plötzlich von allen Seiten. Aber sie konnten mich nicht schlagen.» Warum nicht? «Ich kann schnell rennen», sagt Huang. Er joggt jeden Morgen eine halbe Stunde rund um den Bahnhofsplatz von Yong Kang, dem Zentrum der metallverarbeitenden Industrie der ostchinesischen Küstenprovinz Zhejiang. «Eine halbe Stunde lang, vier oder fünf Kilometer.»

Danach sitzt der ehemalige Wanderarbeiter aus der Provinz Jiangxi, der 2008 selbst einen Arbeitsunfall hatte und monatelang um eine Entschädigung kämpfen musste, am Schreibtisch. Das Büro seines Xiaoxiao-Yu-Informations- und Beratungsservicezentrums für Unternehmensmanagement befindet sich in einer Garage in der Nähe des Bahnhofs. Lange braucht Huang nicht zu warten, bis das Telefon klingelt: «Und, hast du einen Arbeitsvertrag?», fragt er in den Hörer. «Nein? Hm. Ja, du sagst, er hätte dir so viel versprochen, aber er sagt ... Nein! Wenn es nur mündlich war ... Dann hast du Pech gehabt.»

«Da hat mal wieder ein Chef erst viel versprochen und nachher weniger gezahlt», erläutert Huang, nachdem er aufgelegt hat. Meist aber muss sich Huang um Arbeitsunfälle kümmern. «Dann rufe ich beim Chef an, und wir verabreden einen Termin. Beim Treffen habe ich ein Aufnahmegerät in der Tasche.» Damit setze er die Chefs unter Druck, damit diese hinterher nicht abstreiten können, dass die Leute überhaupt bei ihnen beschäftigt waren. «Denn das versuchen die immer. In Yong Kang haben höchstens zehn Prozent der Angestellten einen schriftlichen Vertrag.»

Xiaoxiao Yu – auf Deutsch «kleiner kleiner Fisch» – finanziert sich aus freiwilligen Spenden der ArbeiterInnen. Wenn Huang ihnen helfen konnte, ausstehende Löhne einzufordern oder eine Entschädigung zu bekommen, spenden sie ihm etwas. Meist aber nicht viel. «Hier», sagt Huang und zeigt eine handschriftliche Liste in einem Schulheft, «da habe ich sechzehn Arbeitern zu einer Lohnnachzahlung von insgesamt 110 000 Yuan verholfen.» 1000 Yuan war denen das wert, umgerechnet etwa 130 Franken. Nicht gerade grosszügig. «Ja, das fand ich auch», sagt Huang lächelnd. Sein schlechtester Monat war der September 2010. 150 Yuan hat er damals von zwei Spendern bekommen. «In beiden Fällen gab es einen Prozess. Dabei hat die Schlichtungsstelle erst die geforderte Summe gedrückt, und nachher hat das Arbeitsgericht sie nochmals gesenkt. Da waren die Kläger natürlich nicht sehr froh», erinnert sich Huang.

Töpfe, Nägel, Fingerkuppen

Die frühkapitalistische Industrialisierung der Gegend um Yong Kang begann in den neunziger Jahren. Damals hatten Bauern aus der Region zusammengelegt oder sich irgendwo Geld geliehen und damit abgeschriebene Maschinen gekauft – vor allem eigentlich schrottreife Pressen. Seither werden damit technisch wenig anspruchsvolle Metallprodukte hergestellt: Sicherheitstüren, Töpfe, Thermoskannen, Nägel, Autoteile für chinesische Marken. Die meisten dieser Unternehmen, von denen viele noch nicht einmal einen Namen haben, befinden sich in Garagen im Erdgeschoss von Wohnhäusern. Dort stehen eine oder zwei dreissig Jahre alte Pressmaschinen. Und die sind gefährlich, denn manchmal senken sich die Stanz- und Prägestempel von alleine.

Huang nennt ein paar Zahlen. Von den über 400 000 Beschäftigten, die 2008 in der metallverarbeitenden Industrie von Yong Kang arbeiteten, war für lediglich 128 000 eine Unfallversicherung abgeschlossen worden. Und von diesen 128 000 ArbeiterInnen hatten damals 4500 einen Arbeitsunfall. Die Geschichten, die Huang erzählt, klingen aber weitaus schlimmer als die reine Statistik. Er erzählt von einer Garagenfabrik, in der von vierzig Angestellten vierzehn einen Unfall hatten – innerhalb eines einzigen Monats. Und von einer Maschine, die an einem einzigen Tag vier ArbeiterInnen die Hände zerquetschte.

Unternehmen denn die Chefs nichts dagegen? «Ach, das kümmert die doch nicht», mischt sich He Enxiang ein, ein kleiner Mann mit spärlichem Schnurrbart. Bisher hat er schweigend hinter Huangs Schreibtisch gestanden. «Letztes Jahr hat sich einer die Hand gebrochen. An mehreren Stellen. Ganz verbogen war die!» Der sei benommen am Boden gehockt, und der Chef habe ihn die ganze Zeit beschimpft. «Da hat meine Frau zu ihm gesagt: ‹Was schimpfst du denn so, der ist doch auch ein Chinese!› Aber das hat nichts geholfen. Deswegen habe ich dann gesagt: ‹Das war schliesslich deine Maschine! Und an so einer Maschine darf man keine Handschuhe tragen!›» Keine Handschuhe? Warum keine Handschuhe? «Wenn du damit an den Bohrer kommst, dann wickeln sich die Fasern sofort darum, und er bricht dir die Hand.» So ein Bohrer könne sogar den ganzen Körper herumschleudern. «Ohne Handschuhe verletzt du dir höchstens die Haut und ein bisschen Fleisch. Nicht schlimm.» Na ja, jedenfalls habe der Chef auf dem Weg ins Krankenhaus weitergeschimpft. «Und weil er glaubte, dass ich zu viel von den Gesetzen verstehe, hat er mich danach ausbezahlt und entlassen.»

Laut eigenen Angaben hat He in den letzten vier, fünf Jahren etwa siebzigmal seinen Arbeitsplatz gewechselt. Seit ihm Huang einmal geholfen hat, arbeitet er manchmal als Freiwilliger bei Xiaoxiao Yu. Ihn, so sagt er jedenfalls, könne nichts mehr überraschen: «Wenn mir einer sagt, dass ich zum Frühlingsfest eine Prämie bekomme, verlange ich lieber gleich mehr Lohn. Und wenn mir einer nach drei Monaten immer noch keinen Arbeitsvertrag gegeben hat, dann erwarte ich auch in Zukunft keinen – und gehe.» Wenn He lächelt, sind seine braunen Zähne zu sehen, die von dem fluorhaltigen Wasser in Guizhou herrühren. He gilt als Angehöriger der dort lebenden ethnischen Minderheit der Miao – allerdings nur auf dem Papier. Seine Eltern hatten Freunde in der Behörde und liessen sich umschreiben – damit die Kinder bei den Schulprüfungen die Minderheitenzusatzpunkte gutgeschrieben bekommen. He spricht kein Wort Miao.

Und was ist mit dem lokalen Zhejiang-Dialekt? «Nein, das kann man nicht lernen», meldet sich jetzt Zhang und wedelt mit seinen Fingerstümpfen. Obwohl er hier in Yong Kang zur Schule ging, hat er keinen einzigen Zhejianger Freund. Die ZhejiangerInnen stellen die Chefs und besitzen die Wohnungen. Die GuizhouerInnen arbeiten und zahlen die Miete.

Wie auf einem Schlachtfeld

«Die meisten Unfälle passieren in den ersten drei Tagen, nachdem man am neuen Arbeitsplatz begonnen hat», sagt Huang. «Hast etwa du ein Sicherheitstraining bekommen?», fragt er Zhang. Der schüttelt den Kopf: «Am zweiten Tag hatten wir eine Versammlung. Aber da wurde nur von Qualität gesprochen. Kein Wort über Sicherheit.» Am fünften Tag ist dann das mit seinen Fingern passiert.

Zu Zhangs früherem Arbeitsplatz ist es nicht weit. «Gegen die hier haben wir sogar schon mal prozessiert», sagt Huang und versucht ein Fenster von aussen zu öffnen, weil die Scheiben spiegeln und man nicht hineinsehen kann. Das Fenster ist jedoch so von Schmutz verklebt, dass es sich nur einen Zentimeter weit aufziehen lässt. Das aber reicht, um den herausdringenden Lärm noch einmal anschwellen zu lassen: «Te-te-te-Zack! Te-te-te-Zack!» Drinnen im Dunkeln arbeitet eine Frau an einer Presse. Ein vielleicht vierjähriges Kind klammert sich an ihre Hose. «Weil es an Arbeitern fehlt, nehmen die auch Frauen», sagt Huang.

An jedem Fabriktor, an jedem Garageneingang hängen in Yong Kang kleine Tafeln, auf denen mit Kreide die Zahl der benötigten Arbeitskräfte notiert ist: «Zwei für die Presse. Lehrlinge gehen auch.» Da könne man sofort anfangen, erläutert Huang. Aber die Täfelchen wirken bescheiden im Vergleich zu den Pappschildern auf dem lokalen Arbeitsmarkt, die meist an geparkten Autos hängen. Grob geschätzt sind allein auf diesem Markt heute über 3000 Stellen zu vergeben. «Morgens sind manchmal ein paar Arbeitssuchende da, aber jetzt am Nachmittag ...», sagt Huang und deutet mit der Hand über den gähnend leeren Platz. Ein paar Fabrikbesitzer oder deren Aushilfen sitzen an kleinen Ständen und langweilen sich.

Besuch im Knochenkrankenhaus

«Da drin sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld», warnt Huang. «Aber ich habe mich daran gewöhnt.» Auf jeden Fall kennt er sich gut aus. Ohne sich anzumelden, fährt Huang in den vierten Stock des Yong-Kang-Knochenkrankenhauses und stürmt in jedes Zimmer. Das Elend dort ist wirklich kaum zu ertragen. In einem Raum hockt eine völlig verheulte Frau am Bett ihres Mannes, der einen schneeweiss verbundenen Armstumpf in die Höhe hält. Wortlos knallt Huang den PatientInnen eines seiner selbst verfassten Flugblätter mit arbeitsrechtlichen Erläuterungen auf die Bettdecke.

In einem anderen Zimmer liegen drei Chinesinnen aus dem Süden – keine von ihnen älter als 25. Auch sie haben alle dick verbundene Hände. «Was ist das?», fragt eine der Frauen und fischt mit ihrer gesunden Hand das Blatt vom Bettende. «Das betrifft euch», antwortet Huang Caigen, «ihr müsst euch schon auch selbst um eure Sachen kümmern!» – und ist wieder draussen. In einem anderen Zimmer fragt er, ohne Guten Tag zu sagen oder sich vorzustellen, einen jungen Mann: «Wie lange hast du vor dem Unfall schon gearbeitet?» Antwort: «Ein Jahr.» Huang: «Was? Ein Jahr alles in Ordnung, wie konnte das denn jetzt passieren?» – «Wir sind an neue Maschinen gestellt worden», antwortet der junge Mann. «Ja, das ist auch so eine Sache», sagt Huang und wendet sich zum Gehen.

Huangs Art, mit den Leuten zu reden, scheint ein wenig lieblos. Nur: Im vierten Stock gibt es insgesamt neunzehn Zimmer mit Bettennummern von 1 bis 38. Aber da in jedem Zimmer drei Betten stehen statt der vorgesehenen zwei und alle belegt sind, liegen in diesem Stockwerk insgesamt 57 ArbeiterInnen mit gebrochenen oder abgequetschten Fingern. «Im dritten Stock ist es noch einmal das Gleiche», sagt Huang. Macht 114 PatientInnen. «Es gibt vier orthopädische Krankenhäuser in Yong Kang», berichtet Huang. Macht schätzungsweise 456 Verletzte. «Und dann haben wir hier noch eine Reihe von kleinen Kliniken und Praxen. Aber die sind medizinisch sehr schlecht.» Niemand weiss, wie vielen ArbeiterInnen in Yong Kang in der letzten Woche die Finger gebrochen oder abgequetscht wurden.

Der Krankenhausbesuch hat Huang trotz seines ruppigen Auftretens sichtlich mitgenommen. Er zündet sich eine Zigarette an. Rauchen und Joggen, wie geht das? «Ach, letztes Jahr wollte ich aufhören, aber bei dieser Arbeit ...» Er zuckt mit den Achseln. «Die Arbeiter bieten einem ständig Zigaretten an, und wenn du keine nimmst, sieht es so aus, als hieltest du dich für was Besseres.» Immerhin, er raucht seine Zigarette nicht zu Ende. Denn in seinem Garagenbüro wartet schon der Nächste, mit nur noch einem halben Daumen und in grosser Sorge darüber, dass sein ehemaliger Chef die Entschädigung, die die Unfallversicherung auf das Konto der Fabrik überweisen wird, für sich behält.

Die Gewerkschaft handelt – und wie!

Kümmert sich denn sonst noch jemand um die verletzten ArbeiterInnen? Die ausländischen AuftraggeberInnen vielleicht? Schliesslich geht ein Drittel der in Yong Kang hergestellten Produkte in den Export. «Nein, die kommen nie, um die Fabriken zu überprüfen», sagt Huang. «Die Ausländer interessieren sich offenbar nicht dafür.»

Und die chinesische Gewerkschaft? Mit ihr würde Huang gerne zusammenarbeiten. Der Allchinesische Gewerkschaftsbund hätte ihm helfen können, eine Registrierung als NGO, als steuerbefreite nichtstaatliche Organisation, zu bekommen. «Aber der oberste Gewerkschafter von Yong Kang hat auf meine Nase gezeigt und gesagt: ‹Du bist vom Volk, ich bin Beamter. Da gibt es keine Zusammenarbeit!›» So musste Huang seine Initiative als Unternehmen im Handelsregister anmelden.

Können denn die Medien nicht mehr machen? «Einmal», sagt Huang stolz, «erschien in der ‹Arbeiter-Tageszeitung› der Provinz Zhejiang ein Leitartikel über Xiaoxiao Yu. Daraufhin hat die Gewerkschaft eine Konferenz einberufen. Um zu beraten, wie sie mit dieser Sache umgehen soll.» Er macht eine kurze Pause. «Ihre Entscheidung war, dem verantwortlichen Redaktor und dem Journalisten jeweils fünf von zehn Arbeitspunkten zu streichen.» Das bedeutet, dass den beiden die Hälfte der nächsten Prämie gestrichen wird. «Bei uns ist das nicht wie bei euch», sagt Huang. «Die Gewerkschafter sind nicht gewählt, sondern werden von oben berufen. Deshalb achten sie darauf, dass alles gut aussieht, dass an der Oberfläche alles harmonisch ist.»

Die Einzigen also, die etwas tun, sind der magere Huang und der kleine Dongfang Jianjie, sein einziger fester Kollege: Dongfang ist Wanderarbeiter aus Guizhou und ein echter Miao noch dazu. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn die WanderarbeiterInnen ihre Löhne oder Entschädigungen bekommen haben, dann lassen auch Huang und Dongfang sie wieder allein, man kann sich ja nicht um alles kümmern. Die Betroffenen müssen dann sehen, was sie ohne ihre Finger, ohne ihre Hände aus dem Rest ihres Lebens machen – in Yong Kang oder anderswo.

Yong Kang heisst auf Deutsch übrigens: ewige Gesundheit. «Ja, das ist ein sehr schöner Name», seufzt Huang. «Aber gesund ist der Ort nicht, schon gar nicht auf Dauer. Inzwischen ist Yong Kang eher eine Stadt der abgetrennten Glieder.»

Chinas Gewerkschaften

Handlanger oder Belegschaftsvertretung?

Sie seien doch nur die Erfüllungsgehilfinnen der Partei und der Mächtigen im Land, heisst es oft – und das zu Recht. Doch den Protest der Lohnabhängigen können auch die Gewerkschaften nicht ignorieren. Denn immerhin kommt es in China bis zu knapp einer Million Arbeitsniederlegungen im Jahr.

Die Volksrepublik China gehört zu den 160 Staaten, die den 1966 von der Uno-Vollversammlung beschlossenen Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ratifiziert haben. Doch die Regierung in Beijing hat weiterhin Vorbehalte gegen Artikel 8 des Uno-Sozialpakts, der das Recht auf die Bildung von Gewerkschaften und auf Streiks vorsieht. Entsprechend hat China die Konventionen 87 (Vereinigungsfreiheit) und 98 (Kollektivverhandlungen) der Internationalen Arbeitsorganisation ILO bis heute nicht ratifiziert, geschweige denn umgesetzt.

Der Grund: In einer «harmonischen Gesellschaft», die China laut Staatsräson ist, ist der Interessengegensatz von Kapital und Arbeit nicht vorgesehen. 1982, als das Ziel der chinesischen Regierung noch «sozialistische Modernisierung» hiess, war das Streikrecht aus den Gesetzestexten gestrichen worden. Und im Gewerkschaftsrecht wird den Gewerkschaften lediglich eine vermittelnde Rolle bei Arbeitsniederlegungen zugewiesen.

Streiks sind nicht illegal

Der Allchinesische Gewerkschaftsbund versteht sich dementsprechend als Vermittlungsinstanz zwischen den Betriebsparteien, nicht als Interessenvertretung seiner 239 Millionen Mitglieder (davon 88,5 Millionen WanderarbeiterInnen). Die betrieblichen GewerkschaftsvertreterInnen werden weder von der Belegschaft vorgeschlagen noch von ihr gewählt, sondern von der Unternehmensleitung in Absprache mit der Lokal- oder Regionalregierung eingesetzt. Der Betriebsgewerkschaftsvorsitzende ist deswegen meist gleichzeitig auch der Personalchef der Firma. Die Gewerkschaften seien, so wird oft kritisiert, mithin nur Handlangerinnen der Unternehmensleitungen oder der Lokalregierungen, denen es vor allem darum gehe, attraktive Bedingungen für ausländische InvestorInnen zu schaffen.

Trotz dieser Rahmenbedingungen halten Wissenschaftler wie Chang Kai, Leiter des Instituts für Arbeitsbeziehungen an der Beijinger Volksuniversität, Arbeitsniederlegungen nicht für illegal. Schliesslich seien Streiks im Gewerkschaftsrecht nicht erwähnt, argumentieren sie, und somit nicht ausdrücklich verboten. Das ändert allerdings nichts daran, dass Streikende ein hohes Risiko eingehen: Sie können jederzeit gefeuert werden.

Dennoch nehmen die «kollektiven Arbeitskonflikte» zu (damit sind betriebliche Auseinandersetzungen gemeint, bei denen mindestens zehn Beschäftigte dieselbe Forderung erheben). Laut Untersuchungen der School of Labour and Human Resources an der Beijinger Volksuniversität stieg die Zahl dieser Arbeitskämpfe von 60000 im Jahr 1996 auf über 800 000 im Jahr 2008; seither hält sie sich auf diesem hohem Niveau. Bei diesen Auseinandersetzungen geht es jedoch fast ausschliesslich um nicht oder zu spät gezahlte Löhne, um Entschädigungen und Abfindungen sowie um unzumutbare Arbeitsbedingungen oder um eine inakzeptable Behandlung der Lohnabhängigen. Klassische Lohnstreiks sind dagegen sehr selten.

Die letztjährigen Streiks bei japanischen Automobilzulieferern vor allem in der südchinesischen Provinz Guangdong waren eine Ausnahme: Es ging um höhere Löhne, die Berichterstattung in den Medien war von den Behörden zugelassen, und das Thema wurde kontrovers diskutiert. Einig war man sich nur in der Kritik an den Gewerkschaften. Dass in einzelnen Fällen StreikführerInnen von Gewerkschaftsangestellten verprügelt wurden, mussten die Gewerkschaften mittlerweile zugeben; sie haben sich dafür sogar öffentlich entschuldigt.

800 Indikatoren, die niemand durchschaut

Aber waren die Schläger tatsächlich Gewerkschaftsmitarbeiter? Die US-amerikanische Marxistin Ellen David-Friedmann, die mehrere Monate an einer südchinesischen Universität Community Organization lehrte und in ihrer Freizeit Arbeiterorganisationen aufbauen half, hat da ihre Zweifel. «Ich habe mir die Fotos genau angesehen», sagt sie im Gespräch mit der WOZ. «Sie trugen zwar gelbe Westen, also die offizielle Gewerkschaftsuniform. Aber diese jungen Männer waren keine Gewerkschafter. So sehen chinesische Gewerkschafter einfach nicht aus.» Dazu komme, «dass sie in den Bildunterschriften als Kreis-Gewerkschaftsmitarbeiter bezeichnet werden. Doch auf dieser Ebene gibt es gar nicht so viele Gewerkschaftsangestellte.» Und drittens habe zumindest eine Gewerkschaft die streikenden ArbeiterInnen unterstützt.

Es gibt also kein einheitliches Vorgehen. So hat beispielsweise im August 2010 die Provinzregierung von Guangdong verkündet, dass sie ein System der Kollektivverhandlungen einführen will – allerdings nur probeweise, nur in der Stadt Dongguan und auch dort nur in zehn ausgewählten Unternehmen. Trotzdem laufen vor allem die Hongkonger Unternehmensverbände gegen die geplante Verordnung Sturm. Ob das neue Gesetz tatsächlich verabschiedet wird, ist ungewiss. Und selbst der Allchinesische Gewerkschaftsbund scheint sich zu bewegen: Er will kollektive Lohnverhandlungen einführen – wenn auch zunächst nur für die 500 grössten der in China tätigen internationalen Konzerne.

Es gibt also Fortschritte. Aber sie variieren von Region zu Region, von Unternehmen zu Unternehmen und hängen auch vom Produkt ab (Billigramsch oder Markenartikel für den Export), das erzeugt wird. Dabei läge es eigentlich im Interesse der Regierung, sich auf die Seite der Beschäftigten zu schlagen. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen ist viel zu niedrig für eine vom Binnenkonsum beförderte Wirtschaftsentwicklung; und er sinkt ständig weiter. Lohnerhöhungen könnten mithin nicht nur den Konsum stärken; sie wären auch ein Beitrag für den auch von der Regierung erwünschten Strukturwandel weg vom Billiglohn.

«Es geht doch nur ums ausländische Geld», sagt Huang Caigen von der Hilfsorganisation Xiaoxiao Yu. «Im Süden stehen die Gewerkschaften eher auf der Seite der Arbeiter, dort wird für westliche Marken produziert.» Sicher jedenfalls ist, dass die meisten chinesischen Unternehmen und Belegschaften von westlichen Initiativen wie dem Global Compact, der Spielt-fair-Aktion des International Council of Toy Industries oder der Kampagne für Saubere Kleidung genauso wenig gehört haben wie vom Leitfaden ISO 26000, der Ende 2010 von der Internationalen Organisation für Normung veröffentlicht wurde. Seine über 800 Indikatoren legen den Konzernen ein sozial verantwortliches Management nahe.

Wolf Kantelhardt, Yong Kang

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