Nr. 32/2011 vom 11.08.2011

«Wir sind weniger wert als die Tiere»

Am Filmfestival Locarno wurde der neue Dokumentarfilm des Lausanner Filmemachers Fernand Melgar uraufgeführt. In eindrücklichen Bildern erzählt «Vol spécial» vom Alltag im Ausschaffungsgefängnis in Frambois.

Von Silvia Süess

Diese Enge. Diese fürchterliche Enge. Und überall Gitter, Zäune und Türen, die mit Schlüsseln verriegelt werden. Beklemmend ist der Alltag im Ausschaffungsgefängnis in Frambois bei Genf, wo Sans-Papiers und abgewiesene Asylsuchende die Tage absitzen – stets mit der Angst, nächstens in ihre vermeintliche Heimat abgeschoben zu werden. Dies kann mit einem regulären Flug geschehen – wenn die Häftlinge sich kooperativ zeigen – oder mit einem «Vol spécial», einem Sonderflug. Dazu mietet das Bundesamt für Migration (BFM) ein Flugzeug. An Bord sind einzig die abgewiesenen Asylsuchenden, Polizisten und Vertreter des BFM. Die Asylsuchenden werden in Handschellen an einen Sitz gekettet, in Windeln gesteckt, und ihnen wird ein Helm aufgesetzt.

«Vol spécial» ist auch der Titel des neuen Dokumentarfilms des in Lausanne lebenden Filmemachers Fernand Melgar, der im internationalen Wettbewerb am Filmfestival in Locarno zu sehen war. Der Film ist die konsequente Fortsetzung von Melgars «La forteresse» (2008), in dem er das Zusammenleben im Empfangs- und Verfahrenszentrum für Aslysuchende in Vallorbe VD zeigte. Standen dort Menschen im Zentrum, die mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die Schweiz kamen, sind es in «Vol spécial» Menschen, deren Hoffnungen hier zerschlagen wurden.

Aufmerksamer Beobachter

Zum Beispiel Jeton, ein junger Roma-Flüchtling aus dem Kosovo, der in Deutschland lebt und sich wegen Hochzeitsvorbereitungen in der Schweiz aufhielt. Er begreift überhaupt nicht, was ihm geschah und warum er hier gelandet ist. Oder Serge aus der Demokratischen Republik Kongo, der immer abwäscht, zurückhaltend und freundlich ist und eine grosse Traurigkeit ausstrahlt. Und dann Monsieur Pitchou, ein gross gewachsener Mann aus Nigeria, der in der Schweiz eine Frau und ein kleines Kind hat, seit elf Jahren hier lebt, arbeitet und AHV, Steuern und Krankenkasse bezahlt. «Wenn die Schweiz mich wirklich loshaben will, warum konnte ich dann elf Jahre hier sein? Warum wollte sie mich nicht schon vor elf Jahren loshaben?», fragt er einmal wütend.

Herr Pitchou hat Glück: Einen Tag vor seiner geplanten Ausschaffung kommt er frei. Warum er freikommt und warum er überhaupt in Frambois war, erfährt man leider nicht. Und dies ist eine Schwäche des ansonsten sehr starken Films: Einiges bleibt offen. Das liegt an Melgars Vorgehensweise. Wie schon in «La forteresse» beobachtet er zurückhaltend, aber aufmerksam die Menschen innerhalb der Mauern. Nie sprechen die Protagonisten in die Kamera, nie stellt Melgar direkte Fragen. Die Informationen, die man als Zuschauerin bekommt, erhält man durch die Gespräche, die sie untereinander führen. Melgar gibt sowohl den ausschliesslich männlichen Insassen wie auch den Angestellten Raum, ist bemüht, ein objektiver Beobachter zu sein, und ist stets respektvoll gegenüber den Protagonisten. Er verzichtet auf eine explizite Stellungnahme und lässt die Bilder für sich sprechen: ein Angestellter, der über Dutzende von Monitoren die Räume überwacht, die Leibesvisitation, der sich die Männer vor ihrer Ausschaffung unterziehen müssen, oder die kurzen und emotionalen Besuche von Familienangehörigen. In solch starken Bildern wird immer wieder gezeigt, wie diese Menschen, deren «einziges Vergehen es ist, in der Schweiz um Asyl gebeten zu haben», wie es einer der Häftlinge desillusioniert formuliert, unter menschenunwürdigen Umständen leben müssen. «Ich glaube, die Schweiz hat ein Problem», sagt einer der Inhaftierten nach dem Lesen eines Zeitungsartikels: «Wir sind weniger wert als die Tiere, die nun sogar einen Anwalt bekommen sollen.»

Was für ein Hohn

Ein halbes Jahr hat der Filmemacher im Ausschaffungsgefängnis recherchiert und mit den Menschen gesprochen, anschliessend drei Monate gefilmt. Die Nähe und das Vertrauen, die er während dieser Zeit zu den Insassen und Mitarbeitenden in Frambois aufbauen konnte, ist in «Vol spécial» deutlich spürbar. Trotzdem: Ein Dokumentarfilm bildet nicht einfach die Realität ab, sondern schafft auch immer eine. Menschen verhalten sich anders, wenn eine Kamera sie beobachtet. Die auffallend verständnisvollen Angestellten und Inhaftierten in Frambois dürften sich bei ausgeschalteter Kamera auch mal anders verhalten. Trotz dieses Vorbehalts ist «Vol spécial» ein wichtiger und eindrücklicher Film, der Einblick in eine Welt gibt, von der die meisten SchweizerInnen keine Ahnung haben, wie sie aussieht.

«Wenn Sie nicht mit einem regulären Flug gehen, wirds ein Vol spécial sein», sagt in einer Szene der Gefängnisdirektor zu einem Inhaftierten, «Sie haben die Wahl.» Was für ein Hohn, wenn das die einzige freie Entscheidung ist, die ein Mensch noch treffen kann.

Ausschaffungen in der Schweiz

«In Zürich weht ein anderer Wind»

In der Schweiz gibt es 28 Ausschaffungsgefängnisse für Sans-Papiers und abgewiesene Asylsuchende. Dort werden Männer und Frauen ab fünfzehn Jahren, die sich ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten, bis zu zwei Jahre in Gefängniszellen eingeschlossen. Und das, ohne dass sie sich eines kriminellen Vergehens schuldig gemacht hätten. Das Gefängnis in Frambois, in dem Fernand Melgar filmte, wurde 2004 eröffnet.

Sie finde Melgars Film sehr gut und wichtig, sagt Jolanda Cerutti von der unabhängigen Menschenrechtsorganisation augenauf Zürich, die die Abschaffung von Zwangsausschaffungen fordert. «Der Film zeigt allerdings die Situation in Frambois, die im Vergleich zu jener im Ausschaffungsgefängnis am Zürcher Flughafen noch relativ angenehm ist. In Zürich weht ein ganz anderer Wind. Der Umgang mit den Inhaftierten ist viel härter.» Der eigentliche Skandal aber, der im Film gut zum Ausdruck komme, sei, dass Menschen bis zu zwei Jahre eingesperrt würden, allein weil sie nicht in ihre «Heimat» zurückkehren wollen oder können. «Kein Mensch verlässt ohne tiefe Not Familie und Freunde.»

Am 17. März 2010 starb der 29-jährige nigerianische Flüchtling Joseph Ndukaku Chiakwa während seiner Zwangsausschaffung am Zürcher Flughafen. Der Tod ereignete sich am letzten Tag, an dem Melgar filmen wollte. Drei der Protagonisten von «Vol spécial» waren im selben Flugzeug wie der Verstorbene. Traumatisiert kehrten sie nach Frambois zurück, wo der sichtlich schockierte Direktor die Inhaftierten informierte.

Diese Szene im Film sei typischerweise in Zürich ganz anders abgelaufen, sagt Cerutti: «In Zürich schwieg die Direktion. Die Nachricht vom Tod Chiakwas erfuhren die Insassen aus den Fernsehnachrichten. Und zwar auch diejenigen, die mit ihm zusammen hätten ausgeschafft werden sollen und stundenlang in voller Fesselung im Flugzeug warteten.» Der Direktor sei erst am nächsten Tag und auf ausdrückliches Verlangen der Insassen erschienen.

Nach diesem tragischen Zwischenfall stellte die Schweiz die Zwangsrückschaffung nach Nigeria bis zum 7. Juli dieses Jahres ein: Aufnahmen der Nachrichtensendung «10 vor 10» zeigten, wie an jenem Tag beim ersten Flug nach der Wiederaufnahme ein an Händen und Füssen gefesselter Nigerianer sich wehrte, in ein Flugzeug zu steigen, und daraufhin von den Polizisten mit Fäusten und einem Schlagstock geschlagen wurde.

«Fast immer wehren sich die Leute nur verbal, aber das reicht schon, um die Vollfesselung anzuwenden», sagt Jolanda Cerutti. In einem Kurzfilm zeigt augenauf eine Rekonstruktion einer Zwangsausschaffung.

Kurzfilm unter: www.tinyurl.com/zwangsaus

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