Libyen : «Wir sind doch jetzt frei!»

Nr. 35 -

Die RebellInnen haben die libysche Hauptstadt erobert und plündern nun die Villen der Regimetreuen. Nun hoffen viele LibyerInnen auf eine rosige Zukunft mit mehr Demokratie und Chancengleichheit. Ein Augenschein in Tripolis.


Er stellt sich als libyscher Don Quichotte vor. Muhammad Bodegaga ist ein sympathischer, älterer, schlaksiger Herr, der als einer der wenigen frühmorgens auf dem Grünen Platz im Zentrum von Tripolis unterwegs ist. Er sucht seit einer Stunde nach einem offenen Geschäft, in dem er sein Handyguthaben aufladen kann. «Ich muss nur eine Karte für fünf Dinar finden», sagt er fast verzweifelt, «damit ich das Guthaben von sechzig Dinar aktivieren kann, das die Regierung jedem spendiert hat.» Kurz vor zehn Uhr ist das nicht so einfach. «Die meisten liegen noch in den Federn, sie haben lange gefeiert», sagt er. Dann schmunzelt er. «Nur die Kämpfer sind auf ihrem Posten.»

Der Grüne Platz ist mit Plastiktüten, leeren Getränkedosen und leeren Patronenhülsen übersät. Seit der Eroberung von Tripolis durch die Rebellen wird am ehemaligen Promenadeplatz des Regimes von Muammar al-Gaddafi jeden Abend gefeiert und gejubelt. Im Autokonvoi fahren Familien herum, man trifft sich, isst und trinkt gemeinsam. Kämpfer schiessen wie verrückt Gewehrsalven in den Himmel und werden nicht müde, sich wieder und wieder mit «Allahu akbar»-Rufen zu stimulieren. Sie haben aus den Kasernen der libyschen Armee mehr als genug Munition, die sie nichts kostet. Noch vor einem Monat mussten sie für eine einzige Kalaschnikowpatrone bis zu zehn Euro bezahlen. «Ich mag die Schiesserei nicht, aber es lässt sich nicht vermeiden», sagt Bodegaga. «Wir sind doch jetzt frei!»

Bei seiner Suche läuft Bodegaga die Omar-al-Muchtar-Strasse hinauf und erzählt, wie glücklich er über das Ende der Gaddafi-Herrschaft sei. Nun könne er endlich an dem Punkt seines Lebens weitermachen, an dem es der Diktator vor Jahrzehnten zerbrochen hatte. «Denn ich habe vom Tag an, an dem die Diktatur als eine solche zu erkennen war, nicht mitgemacht.»

Eine zweite Chance

Der heute 68-jährige Bodegaga war Regisseur beim libyschen Fernsehen, als sich Gaddafi 1969 an die Macht putschte, und leitete dort eine Sendung mit dem Titel «Die Freiheit des Wortes». Mit einer Begeisterung, als sei das alles erst gestern gewesen, erzählt er: «Wir benutzten eine versteckte Kamera, um die Doppelmoral der Libyer zu entlarven.» So zeigten sie etwa, wie vulgär sich die Leute in einheimischen Kinos benommen und wie sie sich um Eintrittskarten geprügel hätten. «An Orten, wo hauptsächlich Ausländer verkehrten, gab man sich dann aber vornehm und aufgeblasen.» Doch bereits nach der sechsten Folge setzte die staatliche Zensur ein, und 1972 gab Bodegaga aus Protest seinen Job auf.

Er ging nach Deutschland und versuchte sich vergeblich als Fernsehjournalist beim Norddeutschen Rundfunk. «Danach ging ich wieder zurück nach Libyen, nur hat mich das Regime nie mehr richtig Fuss fassen lassen.» All die Jahre musste er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Aber er habe die Hoffnung nie aufgegeben, sagt er, und immer wieder kulturelle Projekte initiiert. Etwa eine Galerie in seiner Heimatstadt Benghasi, die zum Treffpunkt von KünstlerInnen aller Art avancierte.

2006 musste Bodegaga für acht Monate ins Gefängnis, nachdem die Behörden bei einer Kontrolle Material der libyschen Opposition fanden, das er sich aus dem Internet besorgt hatte. «Ich hatte noch Glück und kam nach acht Monaten frei. Andere sassen für so etwas lebenslang.» Jetzt aber sei alles vorbei, und Bodegaga will eine zweite Chance. «Ich werde meine Sendung wieder starten», sagt er überzeugt.

Bücher verbrannt

Bodegaga gehört zu den Menschen, die Opfer einer Diktatur wurden, die 42 Jahre lang permanent versuchte, ihnen ihre Ideale auszutreiben. Die junge Generation Libyens will sich nicht mehr länger ihre Träume nehmen lassen. Nicht umsonst sind der Unmut und die Lust auf Widerstand unter den meist sehr jungen RebellInnen so gross. «Wir haben es satt, uns von einer Witzfigur unser Leben vorschreiben zu lassen», sagt etwa Muhammad, ein Kämpfer der Brigade aus der Stadt Zintan, die am internationalen Flughafen von Tripolis stationiert ist. «Nach der Revolution möchte ich weiter Politik studieren, aber so frei und offen, wie das in Europa möglich ist.»

Auf dem Weg in die Altstadt treffen wir einen von Bodegagas alten Freunden. Es ist der 76-jährige Saleh Scharif, der seit 1957 direkt am Grünen Platz die Buchhandlung al-Fikr (Der Verstand) besitzt. «Diese 42 Jahre Diktatur waren schrecklich. Das dunkle Zeitalter Libyens», sagt er mit gerunzelter Stirn. Der Anfang vom Ende habe 1973 begonnen, als Gaddafi mit seiner «kulturellen Revolution» China kopieren wollte. «So wie Mao sein Rotes Buch geschrieben hat, schrieb der verrückte Gaddafi das Grüne Buch», erzählt Scharif. Alle anderen Bücher seien damals eingesammelt und zusammen mit Musikinstrumenten, die Gaddafi hasste, öffentlich auf dem Grünen Platz verbrannt worden. «Meine Buchhandlung wurde völlig ausgeräumt.» Der Ärger darüber ist Scharif noch heute anzusehen. «Gaddafi wollte, dass alle so denken wie er», sagt er. «Wir mussten sogar alle die gleiche Kleidung tragen. Variationen in Farbe oder Stil gab es nicht.»

Im Luxus gebadet

Wie grössenwahnsinnig Gaddafi gewesen sei, könne man noch heute auf dem Grünen Platz sehen. Dort steht ein gelbes Stahlgerüst, fast 20 Meter hoch, das sich über den etwa 300 Meter langen Platz erstreckt. Zum Beginn des 43. Jahres seiner Regentschaft hätte Gaddafi am 1. September das grösste Poster der Welt anbringen wollen. «Aber das haben wir ihm vermasselt», sagt der Buchhändler.

Nach dem Sturz Gaddafis glaubt auch Scharif an eine rosige Zukunft seines Landes. «Libyen wird der demokratischste Staat der arabischen Welt und ein Beispiel für alle anderen.» Ohne Gaddafi und seine Schergen, die das Land ausgeplündert haben, bliebe endlich auch etwas für das Volk übrig, für Schulen, Universitäten und medizinische Versorgung. Dann schickt er uns in die Reichenstadtteile Noflin und Gargur: «Sehen Sie sich mal an, wie die Elite des Regimes gelebt hat.»

Die beiden Stadtteile im Westen von Tripolis liegen keine zehn Autominuten vom Zentrum entfernt. Die Fahrt nach Noflin führt durch verlassene Wohnviertel, in denen eine fast gespenstische Ruhe herrscht, vorbei an unzähligen Autowracks, ausgebrannten Eisentonnen, Müllhalden und Stacheldrahtgewirr. Beinahe alle Hundert Meter stehen Checkpoints der RebellInnen, die jedes Auto nach Waffen untersuchen.

Wir passieren die Häuser von Gaddafis Tochter Aischa und von Mutassim, einem seiner acht Söhne. Es sind die üblichen Luxusanwesen einer Elite, hinter hohen Mauern mit riesigem Garten und Swimmingpool. Die Villen werden bewacht, um sie vor Plünderern zu schützen.

Freigegeben hat man dagegen die legendäre Residenz Bab al-Asisa von Gaddafi selbst. In wenigen Stunden war das Anwesen leer geräumt. Die Leute prügelten sich um private Gegenstände ihres ehemaligen, lange als allmächtig und unantastbar geltenden Führers: Fotos, Briefe, Bücher und Kleiderstücke. Regale, Waschbecken, Wasserhähne, Klimaanlagen wurden abmontiert. Wo dies nicht möglich war, wurde alles mit Eisenstangen kaputtgeschlagen.

Im Stadtteil Gargur wird es interessanter. Hier wohnten die hohen BeamtInnen, jene HelfershelferInnen, ohne die ein Regime auf Dauer nicht funktioniert. Es ist ein exklusives Villenviertel, in dem sich alle kannten, abgeschottet von der Realität der libyschen Bevölkerung. Auf der Strasse parkiert ein Luxusgeländewagen der Marke Hummer. In einem der Häuser brennt noch Licht, und das Essen steht noch auf dem Tisch, als seien die BewohnerInnen in aller Eile geflüchtet, als die Rebellen am frühen Morgen des 21. August Tripolis erreichten. Etwas weiter stehen wir vor der weit offenen Tür des Anwesens von Nessaui Abd al-Hafid. Auf der rechten Seite klaffen Einschusslöcher.

Al-Hafid war die «Nummer fünf im Regime», erklärt einer der Rebellen, die plötzlich aufgetaucht sind. «Ich hätte mir so einen Prunk wie hier nie vorstellen können», sagt er dann. «Wir leben im Dreck, und sie baden im Luxus.» Und tatsächlich: In den riesigen Räumen der Villa finden sich pompöse Sofagarnituren für dreissig und mehr Leute. Der goldumrandete Esstisch misst vier auf fünf Meter, an der Wand hängen schwere Spiegel, an der Decke wuchtige Kristallleuchter. Der Zweimeterbildschirm im Wohnzimmer ist zerschossen.

Tun, was getan werden muss

In derselben Gegend wohnte auch Libyens Geheimdienstchef Abdullah al-Sanussi. Von seiner Villa ist kaum etwas übrig. Durch einen Angriff von Nato-Kampfflugzeugen wurde das Haus völlig zerstört. «Hier hat es mindesten zehn Mal geknallt», erinnert sich Omar Massud, al-Sanussis Nachbar von gegenüber. Bei dem Angriff sei jedoch nicht nur al-Sanussis Haus getroffen worden, sondern auch die daran anschliessende Schule, sagt Massud, der als Ölingenieur bei der libyschen Firma Akakus arbeitet. «Das ist ein Wohngebiet von Zivilisten, hier kann man doch nicht einfach bombardieren.»

Geschlafen hat der 55-jährige Massud seither keine Minute, wie er versichert. «Wir müssen unser Eigentum beschützen, denn hier wird sehr viel geplündert.» Seine beiden Söhne, die neben ihm am Eingangstor stehen, nicken zustimmend. Zum Zeitpunkt des Angriffs sei al-Sanussi allerdings längst verschwunden gewesen. Über dessen Aufenthaltsort wisse man genauso wenig wie über jenen von Gaddafi. Massud zuckt mit den Schultern, als würde es ihn nicht interessieren, wo die früheren Herren des Landes geblieben sind. «Von einem Teil der Familie weiss man ja inzwischen, dass sie in Algerien sind», sagt er nach einer Pause.

Ölingenieur Massud gehört nicht zu den LibyerInnen, die die Revolution mit wehenden Fahnen begrüssen. Er zeigt sich aber pragmatisch: «Man hat damit angefangen, und ab einem gewissen Zeitpunkt muss man einfach das tun, was getan werden muss.» Doch man hätte dieses Blutbad, in dem sich Libyer gegenseitig ermorden, besser vermieden, sagt er mit der Perspektive eines Führungsmanagers. Dann geht Massud zurück auf sein Anwesen, das in seiner Grösse dem von Zanussi wenig nachzustehen scheint.