Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Wie gefährlich ist Abd al-Hakim Belhadsch?

Er kämpfte in Afghanistan, wurde von der CIA verschleppt und in Libyen unter der Diktatur von Muammar al-Gaddafi gefoltert. Ein Treffen mit dem einstigen islamistischen Rebellenführer Abd al-Hakim Belhadsch, einer der zentralen Figuren im neuen Libyen.

Von Vicken Cheterian, Tripolis

Die Mutmassungen über Abd al-Hakim Belhadsch begannen, als die libyschen Rebellen am 23. August 2011 das Gaddafi-Hauptquartier Bab al-Asisija eingenommen hatten. Nach beendeter Schlacht stand Belhadsch am Eingangstor und gab sich als Anführer der Truppen zu erkennen. Für viele war das der Beweis, dass Muammar al-Gaddafis Aussage, er kämpfe gegen die Terrororganisation al-Kaida, doch nicht ganz von der Hand zu weisen war. Denn Belhadsch war lange Zeit Kommandant der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG). Andere sahen in Belhadschs Auftritt zudem ein Beispiel westlicher Dummheit: Der von der Nato mitbetriebene Sturz des libyschen Machthabers habe ausgerechnet einen Verbündeten von al-Kaida an die Macht gespült, hiess es. Bis heute sind die Spekulationen über Belhadsch nicht verstummt.

Gefangennahme in Thailand

Die LIFG wurde von libyschen Veteranen gegründet, die in den achtziger Jahren gegen die sowjetischen Truppen in Afghanistan kämpften und um 1992 in ihr Heimatland zurückkehrten. Ziel der LIFG war es, das Gaddafi-Regime durch einen bewaffneten Kampf zu stürzen. Die Gruppe errichtete in den Grünen Bergen im Osten des Landes verschiedene Stützpunkte. Doch bald wurden ihre Verstecke von der libyschen Armee entdeckt und mit Kampfflugzeugen bombardiert. Auch drei Attentatsversuche auf Gaddafi scheiterten. Die überlebenden Guerillakämpfer flohen zurück nach Afghanistan.

Die US-Invasion in Afghanistan, als Reaktion auf die Al-Kaida-Terroranschläge vom 11. September 2001, zerstreute die Rebellen erneut. Belhadsch selbst wurde 2003 von CIA-Agenten in Thailand gefangen genommen. 2004 übergaben sie ihn den libyschen Behörden, von denen er gefoltert wurde und die es mutmasslich zuliessen, dass CIA-Agenten ihn weiter verhörten. Belhadsch sass sieben Jahre lang im berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis ein.

Seine Rolle in der LIFG wie auch seine Aufenthalte in Afghanistan führen dazu, dass Abd al-Hakim Belhadsch oft mit al-Kaida in Verbindung gebracht wird. Nach den Anschlägen vom 11. September sahen sich islamistische Gruppen wie die LIFG vor die Wahl gestellt, sich für oder gegen al-Kaida zu entscheiden. Ein Teil der LIFG-Kader machte klar, dass sie nicht gewillt seien, in einen Krieg gegen den «fernen Feind» USA zu ziehen. Sie wollten ihren Kampf gegen die Diktatur im eigenen Land führen. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Linie ist der in London lebende Numan Bin Othman. Andere dagegen integrierten sich in al-Kaida und verstärkten die Organisation mit einigen ihrer Schlüsselfiguren wie Abu Jahja al-Libi. Diesem gelang 2005 eine spektakuläre Flucht aus dem berüchtigten US-Militärgefängnis Bagram in Afghanistan. Doch vor allem die Ankündigung des Al-Kaida-Führers Aiman al-Sawahiri von 2007, dass die LIFG seiner Organisation beigetreten sei, hat zur allgemeinen Verwirrung über die Art der Beziehung zwischen den Organisationen beigetragen.

Alle wollen zum Scheich

Der Flughafen Mitiga liegt östlich von Tripolis, nahe der Küstenhauptstrasse. Hier befindet sich das Hauptquartier des Militärrats von Tripolis, der gegenüber dem in Libyen derzeit regierenden Nationalen Übergangsrat (NTC) loyal ist.

Die Büros des Militärrats werden von bewaffneten bärtigen Männern bewacht. Viele wollen sich mit Abd al-Hakim Belhadsch treffen, dem Vorsitzenden des Gremiums. Die bewaffneten Männer sprechen ihn mit «Scheich» an. Eine Mutter ist mit ihrer Tochter gekommen, um über die Schwierigkeiten ihres verwundeten Sohns zu reden. Zwei Männer im Anzug und mit Akten in der Hand warten auf Einlass, während drei Männer in Militärkleidung, offenbar Rebellenführer, lautstark im Innern des Büros diskutieren.

Belhadsch hat nur wenig Zeit für ein Interview. Er spricht sanft, gibt sich bescheiden und zeigt während des Gesprächs offizielle Dokumente, die seine Argumente untermauern sollen. Gleich zu Beginn setzt er zu einer Art Verteidigungsrede an: «Meine Rolle war nicht beschränkt auf die Befreiung von Tripolis. Ich bin seit Beginn des Aufstands mit dabei. Am 18. Februar war ich in Misrata und sprach dort mit den rebellierenden Jugendlichen. Am nächsten Tag fuhr ich nach Sawija. Dort traf ich die Rebellen. Danach musste ich abtauchen, da ich befürchtete, die Sicherheitskräfte würden mich festnehmen. Und in der Tat verhafteten sie meinen Vater und meinen Bruder. Während eineinhalb Monaten versteckte ich mich an verschiedenen Orten in Tripolis. Ich sammelte Geld, bereitete sichere Unterkünfte vor und kontaktierte vor allem Junge, die über militärische Erfahrungen verfügten.»

Belhadsch verliess Ende April Tripolis mit dem Schiff in Richtung Tunesien. Dort traf er sich mit Rebellen und ging dann ins befreite Benghasi. Dort baute er das sogenannte Batallion des 17. Februar auf. Am 14. Juli bekam er vom Verteidigungsminister des NTC den Auftrag, Waffen und Munition in den Westen des Landes zu transportieren. «Was meine Geschichte betrifft: Die Libyer kennen sie. Ich bin nicht vom Himmel gefallen. Meine Kämpfe gehen bis in die achtziger Jahre zurück.»

Rückblickend auf seine früheren Erfahrungen wollte ich wissen, was ihm heute, angesichts der Revolten in der arabischen Welt, die islamistisch-salafistische Ideologie bedeute. Seine Antwort: «Ein Mensch positioniert seinen Standpunkt basierend auf der Realität. Wir haben keine Waffen gegen das libysche Volk erhoben, sondern waren Teil und Erweiterung dieses Volks. Dabei haben wir das Banner des Dschihad getragen, um die Menschen von dessen Idee zu überzeugen und so Gaddafis Herrschaft ein Ende zu bereiten.»

Auch Anas al-Scharif war Mitglied der LIFG. Er lebte viele Jahren in Britannien, wo er Medienarbeit für die Organisation betrieb. Heute sagt er kritisch über die Zeit des bewaffneten Kampfes: «Das war damals das Projekt einer einzelnen Gruppe. Die Bevölkerung befürchtete aber, dass der Sturz des Regimes nur zur Ablösung einer kleinen Gruppe durch eine andere kleine Gruppe führen würde. Der Arabische Frühling zeigt nun, dass das Volk selbst den Wandel bringt und die Herrschaft übernimmt.» Gleichzeitig beharrt al-Scharif darauf, dass die LIFG nicht völlig falsch lag: «Friedlicher Protest alleine hätte keinen Wandel herbeigeführt.»

Abd al-Hakim Belhadsch sagt, die arabischen Revolutionen müssten sich jetzt durchsetzen: Das Ziel seien «Wahlen, ein Rechtsstaat, der Aufbau von staatlichen Institutionen und eine gerechte Justiz».

Neue Strategie nach dem Gefängnis

Hunderte von Gaddafi eingekerkerte LIFG-Kämpfer waren zwischen 2009 und 2011 in mehreren Wellen aus den Gefängnissen freigelassen worden. Die letzte Gruppe von 110 Gefangenen ironischerweise am 16. Februar 2011, jenem Tag also, an dem die libysche Revolution in der Stadt Benghasi ihren Anfang nahm. Im Gefängnis kam die LIFG-Führung zur Überzeugung, dass der bewaffnete Kampf gegen das Gaddafi-Regime erfolglos bleiben werde. Auch die Erfahrungen der islamistischen Rebellen in Algerien oder Ägypten machten klar: Die arabischen Regimes, die von globalen Mächten unterstützt werden, sind zu stark, um durch Guerillakrieg und Terror gestürzt zu werden.

Seif al-Islam Gaddafi, der zweitälteste Sohn des Machthabers, spielte bei der Freilassung der Kämpfer eine Schlüsselrolle. Lange galt er als reformorientiertes Gesicht des Regimes. Die zweite wichtige Figur, die sich für die Reintegration der LIFG-Kader stark machte, war Scheich Ali al-Sallabi, ein Führer der libyschen Muslimbrüder. Nach ihrer Freilassung gründeten die LIFG-Leute die Islamische Bewegung für den Wandel, die sich für eine friedliche Veränderung Libyens einsetzen wollte.

Heute streben die Muslimbrüder zusammen mit den früheren LIFG-Kämpfern die Bildung einer neuen nationalen Partei an. Diese Zusammenarbeit erstaunt, da in anderen arabischen Staaten die Beziehungen zwischen den Muslimbrüdern und salafistischen Gruppierungen von grosser Gegensätzlichkeit geprägt sind.

Die Bevölkerung Libyens setzt sich fast vollständig aus sunnitischen MuslimInnen zusammen. Die libysche Gesellschaft ist sehr konservativ. Es gab auch nach der Revolution keine Debatte über die öffentliche Rolle der Frau. Alkoholkonsum war und bleibt illegal. Anders als etwa in Tunesien gibt es bisher in Libyen auch keine Kluft zwischen säkularen und konfessionellen Positionen. Vielmehr herrscht breiter Konsens darüber, dass bei der Rechtsprechung die Scharia Referenz sein soll.

Aber nicht alle sind von den neuen Tönen der früheren islamistischen Aktivisten überzeugt. «Ist der Wandel der LIFG echt?», fragt etwa ein politischer Beobachter, der anonym bleiben will. Die Islamisten würden ihre wahren Absichten nicht kundtun, weil sie wüssten, dass das Volk sie nicht gutheisst. Der Beobachter weiss zudem von intensiven Kontakten zwischen der syrischen Opposition und einigen Gruppen in Libyen und fragt: «Wer gibt denen das Recht, in einem fremden Konflikt zu intervenieren?»

Wandel mit Fragezeichen

Ich fragte Abd al-Hakim Belhadsch über mögliche Kontakte zur syrischen Opposition. In verschiedenen Medien werde darüber spekuliert, dass es bei seiner Türkei-Reise vom November 2011 genau darum gegangen wäre. Belhadsch beharrt jedoch darauf, dass seine Reise nach Istanbul nur im Zusammenhang mit libyschen Verwundeten stand, die in türkischen Spitälern gepflegt wurden. «Ich hatte weder Geld noch Waffen dabei und habe während meines 48-stündigen Aufenthalts mit keinem Syrer gesprochen.»

Müssen sich Libyen und die Welt also vor Abd al-Hakim Belhadsch fürchten? Tatsache ist: Belhadsch und seine islamistischen Freunde haben im Zuge des Volksaufstands und mit etwas Hilfe der Nato erfolgreich einen Teil der Macht erlangt. Jetzt stehen sie vor dem Problem, wie sie diese Macht ausüben wollen. Ein entscheidender Punkt wird dabei sein, was mit den vielen bewaffneten Kräften im Land passiert. «Wir wollen die Rebellen in die staatlichen Institutionen überführen», sagt Belhadsch, ergänzt jedoch sogleich: «Wir wollen das aber nicht erzwingen. Wir sind für eine freiwillige Entwaffnung.»

Aus dem Englischen von Daniel Stern.

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