Nr. 37/2011 vom 15.09.2011

Ein langsames Sterben, erfüllt von Qual

Ein kürzlich übersetztes Buch schildert den grausamen Tod des Arbeiters Hisashi Ouchi, der in der japanischen Atomfabrik Tokaimura nordöstlich von Tokio verstrahlt wurde.

Von Susan Boos

Es geschah am 30. September 1999 in einer japanischen Uranfabrik nordöstlich von Tokio.

An jenem Septembertag waren drei Arbeiter damit beschäftigt, ein Urangemisch in einen Behälter zu schütten. Sie sollten Uranbrennstoff für den experimentellen schnellen Brüter Joyo mischen. Hisashi Ouchi war das erste Mal bei dieser Arbeit dabei. Er hielt den Trichter, durch den die Lösung eingefüllt wurde. «Als sein Kollege den letzten Rest der Uranlösung eingoss, hörte Ouchi einen lauten Knall, begleitet von einem blauen Licht» – offensichtlich war zu viel spaltbares Uran im Behälter, was eine unkontrollierte atomare Kettenreaktion auslöste, wie Hiroshi Iwamoto schreibt. Der Journalist des japanischen Fernsehsenders NHK hatte 1999 regelmässig über den Gesundheitszustand der verstrahlten Arbeiter berichtet und danach die Geschichte im Buch «83 Tage. Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi» dokumentiert. Das Buch ist schon vor Jahren auf Japanisch erschienen, auf Deutsch aber erst jetzt herausgekommen. «83 Tage» ist kein Buch für Empfindliche, denn ionisierende Strahlung tötet brutal und in Zeitlupe.

Ein verlorener Kampf?

Die unkontrollierte atomare Kettenreaktion hatte eine hohe Dosis von Neutronenstrahlung freigesetzt, die vor allem die drei Angestellten abbekamen, die sich in der Nähe des Behälters befanden. Doch wurden auch weitere Angestellte verstrahlt, zudem musste die Umgebung der Fabrik evakuiert werden. Es dauerte fast zwanzig Stunden, bis der kleine «ungesicherte Reaktor» – wie er genannt wurde – gezähmt war und die Kettenreaktion gestoppt werden konnte.

Ouchi, der den Trichter gehalten hatte, war am stärksten verstrahlt. Er wurde zuerst in ein Spital in der Region und später ins Universitätsspital von Tokio verlegt. Auf einen solchen Unfall waren die japanischen Krankenhäuser nicht vorbereitet.

Kazuhiko Maekawa war eigentlich Unfallmediziner und lehrte an der Universität von Tokio. Kurz zuvor hatte er begonnen, sich mit Atomenergie zu beschäftigen, weil er den Vorsitz einer Taskforce zur Behandlung von Strahlungsunfällen übernommen hatte. Er war es, der sich danach mit allen Mitteln bemühte, das Leben von Ouchi zu retten.

Als Hisashi Ouchi eingeliefert wurde, schien es ihm eigentlich ordentlich zu gehen. «In keiner Hinsicht sah er aus wie ein kritischer Patient», nichts habe auf einen ernsten Strahlenschaden hingewiesen, schreibt der Journalist Iwamoto. Medizinprofessor Maekawa erzählte ihm später: «Wenn ich diesen Menschen vor mir sah, unabhängig von den Zahlen seiner Strahlenwerte und den ständig abnehmenden Lymphozyten, hatte ich den Eindruck, wir könnten sein Leben retten.» Schon damals warnten ihn KollegInnen, es sei ein verlorener Kampf, doch Maekawa war nicht bereit, das zu akzeptieren.

Chromosomen zerstört

Ouchi wurde in einem sterilen Raum untergebracht. Die hohe Strahlendosis hatte sein Immunsystem lahmgelegt. Denn die hohe Strahlenbelastung macht sich zuerst dort bemerkbar, wo sich Zellen fortlaufend regenerieren – das betrifft die weissen Blutkörperchen, die das Immunsystem steuern, aber auch alle Schleimhäute und die Haut selbst.

Ouchi sah noch einigermassen gesund aus, doch die Laborwerte zeigten bereits, dass seine Haut sich gar nicht mehr regenerieren konnte. Und dass sein Körper nicht mehr in der Lage war, weisse Blutkörperchen herzustellen. Ouchis Chromosomen waren unter dem Mikroskop nicht mehr zu erkennen, die Neutronenstrahlung hatte sie zerstört, einige waren geteilt oder mit anderen verschmolzen. «Dass die Chromosomen zerstückelt waren, bedeutete, dass keine neuen Zellen mehr produziert werden konnten. In dem Moment, als Ouchis Körper der Strahlung ausgesetzt worden war, hat er seine Blaupause verloren», schreibt Iwamoto.

Am fünften Tag nach dem Unfall sagte Hisashi Ouchi: «Ich habe gedacht, ich könnte nach einem Monat oder so aus dem Krankenhaus entlassen werden, aber es dauert wohl länger, was?» Er begann zu begreifen, wie es um ihn stand.

Am siebten Tag transplantierten sie ihm Knochenmark seiner Schwester, in der Hoffnung, es würde Ouchis eigenes Immunsystem neu starten.

Ouchi war die ganze Zeit freundlich, höflich, gefasst. Doch langsam begann der Horror sichtbar zu werden. Auf der rechten Hand bildeten sich Blasen, die Haut fiel ab. Man konnte nicht einmal mehr Pflaster verwenden, weil die Haut mitkam. Wenn eine Krankenschwester seine Füsse wusch und abtrocknete, rieb sie seine Haut mit ab, egal, wie sorgfältig sie vorging.

Der Teil des Körpers, der besonders stark verstrahlt war, bestand bald nur noch aus einer einzigen offenen Wunde. Die Haut hält auch die Flüssigkeit zurück; ohne sie floss Ouchi förmlich aus. Die ÄrztInnen schafften es kaum, die verlorene Flüssigkeit über Infusionen zu ersetzen.

«Ich kann nicht mehr»

Erst am siebten Tag schrie Ouchi: «Ich kann nicht mehr. Ich will das nicht mehr. Vergessen Sie die Behandlung. Ich gehe nach Hause.» Erstmals verlor er die Fassung und herrschte das Personal an: «Ich bin doch kein Versuchskaninchen.» Das Pflegepersonal und die ÄrztInnen konnten nicht anders, sie machten weiter. Am elften Tag drohte seine Atmung auszusetzen, weshalb sie einen Schlauch in die Luftröhre einführen mussten, um ihn zu beatmen. Fortan konnte er auch nicht mehr sprechen.

Irgendwann begannen seine inneren Schleimhäute zu bluten. Doch sein Herz war stark und erbrachte über Wochen die Leistung eines Marathonläufers.

Die ÄrztInnen wie das Pflegepersonal fragten sich schon lange, ob es richtig sei, was sie taten. Aufhören ging nicht, auch wenn sie ahnten, dass sie mit der verwendeten Hightechmedizin das Leiden nur verlängerten. Am 21. Dezember, 83 Tage nach dem Unfall, konnte Ouchi sterben.

Hisashi Ouchis Kollegen, die eine etwas geringere Dosis erwischt hatten, starben Wochen später. Der Unfall war nur passiert, weil die Firma sich über jegliche Sicherheitsmassnahmen hinweggesetzt hatte, um Geld zu sparen. Zudem waren die Angestellten nicht richtig ausgebildet und mussten unter grossem Zeitdruck arbeiten. Die unkontrollierte Kettenreaktion war also das Resultat systematischer Schlamperei – auch das wird im Buch eindrücklich geschildert. Ouchi traf dabei keine Schuld, er hatte nur Anweisungen ausgeführt. Seine Witwe sagte einige Monate nach seinem Tod: «Das ist vielleicht pessimistisch, aber solange wir weiterhin Kernenergie nutzen, wird sich wahrscheinlich ein ähnliches Unglück ereignen. Schliesslich liegt sie in den Händen von Menschen, und ich kann mein Misstrauen nicht überwinden.»

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