Nr. 38/2011 vom 22.09.2011

Der Patzer des «Tagi»-Politologen

Von Yves Wegelin

Eineinhalb Monate vor den Schweizer Parlamentswahlen hat Politologe Michael Hermann die StimmbürgerInnen in die Irre geführt. Letzte Woche publizierte Hermann – unter anderem im «Tages-Anzeiger» – eine doppelseitige farbige Karte, auf der er alle NationalrätInnen innerhalb eines Koordinatensystems mit den zwei Achsen links/rechts sowie liberal/konservativ jeweils mit einem Punkt verortete. Die halbe Schweiz unterhielt sich darüber.

Was dabei allerdings bisher unbemerkt geblieben ist: Die Karte geht an der Wirklichkeit vorbei.

Michael Hermann hat schlichtweg die beiden Achsen seiner Politkarte falsch ausgerichtet, sagt der Politikwissenschaftler Philipp Leimgruber, der als ehemaliger Doktorand an der Universität Bern ähnliche Studien erstellt hat. Und zwar um rund dreissig Grad gegen den Uhrzeigersinn. Die fatalste Folge der seltsamen Darstellung: Die Grünen wurden zu Erzkonservativen und übertreffen in dieser Hinsicht absurderweise gar die SVP – die Grünliberalen rückten in Wirtschaftsfragen weit ins linke Lager. «Die Ergebnisse widersprechen sämtlicher Forschung der Schweizer Politikwissenschaft», sagt Leimgruber. Ob Hermann diese kennt? In seinem Begleitartikel bemerkt er zwar, dass einige seiner Resultate der «öffentlichen Wahrnehmung» widersprächen, er zieht dann jedoch den Schluss, die Wahrnehmung liege halt eben neben der Realität.

Es ist bedenklich genug, dass viele Schweizer Medien mithilfe ihrer «Denkprothesen» («Die Zeit») Michael Hermann, Claude Longchamps und Konsorten die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten zunehmend durch deren Vermessung ersetzten. Die Abbildung solch verzerrter Politlandkarten kurz vor den Parlamentswahlen ritzt jedoch regelrecht an der Demokratie. Der «Tages-Anzeiger» und der Politologe Hermann sind ihren Leserinnen und Lesern sowie dem ganzen Land eine Erklärung schuldig.

Falls Sie, liebe LeserInnen, sich trotz allem für Michael Hermanns Studie interessieren, dann drehen Sie die Karte doch wenigstens um rund dreissig Grad im Uhrzeigersinn. Das Bild, das Sie dann vor sich haben werden, kommt der Wirklichkeit schon ein klein wenig näher.

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