Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

«Warum soll meine Arbeit undemokratisch sein?»

Mit seinen Politgrafiken behauptet der Sozialgeograf Michael Hermann die Schweizer Parteienlandschaft abzubilden. Aber die Methode hat etliche Mängel, wie die WOZ vor drei Wochen gezeigt hat. Hermann wies die Kritik zurück. Nun hat ihn die WOZ zur Aussprache getroffen.

Interview: Yves WegelinMail an AutorIn

Michael Hermann war 28 Jahre alt, als ihm als Sozialgeograf der Durchbruch gelang: Erstmals publizierte er im «Magazin» seine Politkarte, auf der sämtliche NationalrätInnen auf den Achsen links/rechts sowie liberal/konservativ abgebildet waren. Die Schweiz war begeistert.

Seither ging es nur noch bergauf. Heute leitet Hermann die Forschungsstelle Sotomo an der Uni Zürich. Er berät Wirtschaftsverbände, Bundesämter, beliefert fast alle grossen Zeitungen mit Politgrafiken und Einschätzungen. Letzthin erschien eine grosse Politkarte von ihm im «Tages-Anzeiger» und sogar in der aktuellen eidgenössischen Wahlhilfebroschüre. Hermann ist der Chefpolitologe der Schweiz.

WOZ: Herr Hermann, ein Grossteil Ihres Jobs besteht darin, denkfaulen Journalisten Meinungen zu liefern. Sind Sie eine «Denkprothese»?

Michael Hermann: Ich ersetze nicht die Denkarbeit der Journalisten. Ich ergänze sie. Viele rufen mich an, um einfach ihre eigene Meinung gegenzuchecken. Aber ja, in gewissen Fällen werden wir Politikanalysten tatsächlich zu ausgelagerten Inlandredaktoren – weil sich einige Medien keine Leute mehr leisten, die die politische Szene beobachten.

Die WOZ hat kürzlich eine Politgrafik kritisiert, die Sie im «Tages-Anzeiger» sowie in der eidgenössischen Wahlhilfebroschüre publiziert haben. Die Grafik positioniert sämtliche Parlamentarierinnen und Parlamentarier in einem zweidimensionalen Raum auf den Achsen links/rechts sowie liberal/konservativ. Die Grünen sind darauf konservativer als die SVP. Das ist absurd.

Man muss wissen, wie die Karte entsteht: Ich nehme sämtliche Nationalratsabstimmungen der letzten Legislatur und berechne, wie gross die Übereinstimmung jedes einzelnen Parlamentariers zu jedem anderen ist.

Und Sie sagen dem Computer, er solle das zweidimensional darstellen ...

Genau. Auf das Bild – also auf die Streuung der Parlamentarier innerhalb ihrer Fraktion sowie auf die Distanzen zwischen den Parteien – habe ich keinen Einfluss. Der zweite Schritt besteht aus dem Versuch, die beiden Dimensionen zu benennen. Die Definition der Achsen links/rechts sowie liberal/konservativ ist aber nur so daraufgesetzt, um etwas Orientierung zu geben. Die Methode sagt nicht, dass oben liberal und unten konservativ ist – in meinem Empfinden ist die SVP auch konservativer als die Grünen.

Sie könnten das Bild also auch um beliebige Grade drehen.

Ja. Ich interpretiere die Karte, indem ich sie ausrichte und ihre Achsen benenne. Dazu ziehe ich einzelne wichtige Abstimmungen heran und untersuche ihre Ausrichtung im zweidimensionalen Raum, um zu sehen, was die Dimensionen bedeuten könnten.

Das tun Sie mit Ihrer eigenen Definition der Begriffe. Sie verstehen unter «liberal» sowohl gesellschafts- als auch wirtschaftsliberale Positionen. In der Politikwissenschaft ist für Letztere aber gerade die Links-rechts-Achse vorgesehen.

Im europäischen Kontext war der Liberalismusbegriff nie nur ans Gesellschaftliche geknüpft. In dieser Dimension geht es bei mir um Öffnung und Veränderung. Hier gehören etwa auch Freihandelsabkommen dazu. Gleichzeitig bildet meine Links-rechts-Achse nicht nur die wirtschaftliche Haltung ab. Auch Armeevorlagen sind dort verortet.

Das Problem ist: Die Leute lesen die Karte mit ihrer eigenen Vorstellung der Begriffe – und Sie definieren diese nirgends.

Ich bin im Text vor allem auf die Streuung innerhalb der Fraktionen und die Distanzen zwischen den Parteien eingegangen. Auf jene Aspekte also, die sich aus den Daten ergeben. Aber Sie haben recht. Eigentlich bräuchte es mehr Platz für die Methodenbeschreibung.

Sie sind also bei der Erstellung Ihrer Karten gezwungen, zig Annahmen und Interpretationen vorzunehmen. Und das tun Sie Ihrer politischen Einstellung entsprechend.

Ja, in einem gewissen Mass hängen meine Karten von meinen Einschätzungen ab – auch von Überzeugungen, wenn Sie so wollen.

Wo stehen Sie auf Ihrer Karte?

Ich würde mich als linksliberal bezeichnen. Ich wäre an einem ähnlichen Ort wie die GLP, eher etwas links davon – sozialer, aber weniger ökologisch.

Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Sie als GLP-Sympathisant die Partei in der linksliberalen Ecke platzieren, weil das im urbanen, gut situierten Zielpublikum der GLP gut ankommt.

In einem Rating für die NZZ, in dem ich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Liberalität eingeschätzt habe, ist die GLP sowohl in wirtschaftlich als auch in gesellschaftlich liberalen Fragen auf Platz vier gelandet; die Grünen sind die Gesellschaftsliberalsten.

Dennoch: Sie verkaufen ideologisch beeinflusste Analysen als neutrale Wissenschaft. Damit entziehen Sie Ihre Aussagen der politischen Auseinandersetzung. Das ist undemokratisch.

Da muss ich mich wehren. Ich betone ständig, dass die Ratings keiner objektiven Wahrheit entsprechen – dass die Konstrukte von Prämissen abhängen. Ich lasse mich auf die Auseinandersetzung ein. Problematisch wird es, wenn Leute denken, dass das die Wahrheit sei. Sie sollen sich bewusst sein, dass Michael Hermann die Karten erstellt hat, und sich überlegen, wo ich politisch stehe. Sie müssen lernen, mit den Karten umzugehen – verschwinden werden sie nicht.

Also bitte. Sie präsentieren als Wissenschaftler den Leserinnen und Lesern Grafiken auf Koordinatensystemen und erwarten, dass sie diese kritisch hinterfragen?

Ich relativiere meine Politkarten in jedem Interview.

Auf der letzthin publizierten Karte im «Tages-Anzeiger» sowie in der Wahlbroschüre stand kein Wort dazu.

Es gab an beiden Orten zu wenig Platz zum Schreiben.

Was ist überhaupt der Sinn darin, solche Karten kurz vor Wahlen abzudrucken?

Die Karten und Ratings haben ihre Schwächen. Doch ich bin überzeugt, dass das Bewusstsein über die Positionen der Parteien viel differenzierter ist als in den neunziger Jahren.

Vor allem sieht die Schweiz die Politik so, wie Michael Hermann sie sieht.

Sie könnten ja Ihre eigene Politlandschaft zeichnen. Wieso sollte das Erstellen von Ratings antidemokratisch sein? Sonst ist es doch üblich, dass man einem Autor, mit dem man nicht einverstanden ist, ein eigenes Argument gegenüberstellt.

Sie argumentieren nicht. Sie behaupten unter dem Mäntelchen der Wissenschaft zu wissen, wo die Parteien stehen, und fordern die Wählerinnen und Wähler implizit auf, jene zu wählen, die ihrem Lebensgefühl entsprechen. Ein seltsames Demokratieverständnis.

Sie dürfen gerne von der Vorstellung einer idealen Welt ausgehen und alles andere als Verarmung kritisieren. Doch der Grossteil der Wähler beschäftigt sich nicht auf dem von Ihnen gewünschten Niveau mit den Wahlen. Sie schauen die Wahlprospekte an und picken sich die Sympathischsten heraus. Ich biete zusätzliche Hilfe. Ich zeige den Wählern, wo die Parteien wirklich stehen.

Nun behaupten Sie, zu wissen, wo die Parteien wirklich stehen. Nach der Veröffentlichung Ihrer letzten Karte sagten mir zwei Bekannte, sie würden keine Grünen wählen, weil die offenbar konservativer seien als die SVP. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

Doch, es ist bedenklich, dass die Leute so viel in die Karten reininterpretieren.

Jetzt schieben Sie die Verantwortung wieder ab.

Wenn die so etwas in meine Karte hineinlesen, dann bin ich mitverantwortlich – ja. Aber die beiden werden nun ja nicht SVP wählen, sondern vielleicht SP. Das macht mir keine schlaflosen Nächte.

Ihre Karten gehören zurück an die Universitäten – oder auf die Wissenschaftsseiten der Zeitungen mit differenzierten Kommentaren.

(Lacht.)

Es geht ums Geschäft.

Ja, auch. Aber ich bin der Meinung, dass solche Karten helfen, gewisse Sachen zu erkennen, und ich bin überzeugt, dass sie in einer Demokratie Platz haben.

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