Nr. 38/2011 vom 22.09.2011

Reden, auch wenns ein bisschen falsch ist!

Wer eine Sprache lernen will, sollte auch etwas von der jeweiligen Kultur verstehen. Reines Einüben von Beispielsätzen bringt nichts.

Von Daniel Stern

«Heute arbeiten wir im Sprachlabor.» – Für einen Sekundarschüler der siebziger Jahre hörte sich dieser Satz beim ersten Mal verheissungsvoll an: In einem Labor eine Sprache zu lernen, das tönte nach Tüfteln, Probieren, Erfinden. Ein Sprachlabor war etwas Neues, Modernes. Französisch zu lernen würde so spielend einfach sein, dachte ich. Die Realität sah anders aus. Schon bald machte sich in den Sprachlaborstunden nicht nur Langeweile, sondern auch Stress breit. Eingepfercht in Boxen, mussten wir französisch gesprochene Fragen aus dem dicken Kopfhörer mit standardisierten Antworten ins Mikrofon beantworten. Der Lehrer sass an einer Art Steuerpult und konnte sich nach Gutdünken in die individuelle Maschinen-Mensch-Kommunikation von uns SchülerInnen einschalten.

Wo ist der Stift? Da ist der Stift!

Das Konzept des Sprachlabors ist eng mit der Verhaltenswissenschaft und der audiolingualen Lernmethode verknüpft. Die Ursprünge dieser Lernmethode gehen auf Bedürfnisse der US-Armee im Zweiten Weltkrieg zurück. Sie stellte der Linguistischen Gesellschaft der USA die Aufgabe, eine möglichst effiziente Methode zum Spracherwerb zu finden, da sich die GIs in verschiedensten Ländern zu verständigen hatten. Die Grundstruktur einer Sprache, die Grammatik, wird gemäss diesem Ansatz durch repetitives Sprechen, durch Drill, eingeübt. Bezeichnenderweise nannte man diese Art zu lernen denn auch «Armeemethode». Wie sinnvoll die gesprochenen Sätze sind, spielt dabei keine Rolle. An meiner Sekundarschule hiessen solche Sätze etwa: «Où est la gomme? Voici la gomme. Où est le stylo? Voici le stylo …»

«Die Sprachlabors sind ausgemustert», sagt Guido Spielhofer, Leiter des Bereichs Sprachen an der Migros-Klubschule Zürich. Heutzutage gehe man bei der Sprachlehre vom kommunikativen und interkulturellen Ansatz aus. Die SprachschülerInnen werden ermuntert, sich in der Fremdsprache zu verständigen, auch wenn nicht alles vollkommen korrekt ist. Die Sprache wird darüber hinaus in ihrem kulturellen Kontext vermittelt. Der Linguist Theo Harden schreibt, wer eine Fremdsprache lerne, habe sich nicht nur die Sprache, «sondern auch die damit verbundene Perspektive, die Weltsicht sozusagen, anzueignen». Spielhofer sagt, es gehe darum, mit Texten zu arbeiten, zu denen die SchülerInnen einen Bezug haben. «Wir versuchen, die Sprache über den Inhalt zu vermitteln, einen Kontext aufzubauen.» Man geht also nicht von der Grammatik aus und sucht sich Beispielsätze, sondern übt mit Rollenspielen authentische Gesprächssituationen. Aus ihnen leitet man die Grammatik ab.

Am besten ins fremde Land

Die Sprachlehrforschung propagiert heute keine bestimmte Methode als Allheilmittel. Fremdsprachenlernen wird als komplexer Prozess begriffen, der nicht über ein Standardpaket abgehandelt werden kann. Schulischer Unterricht soll wenn immer möglich durch Kontaktmöglichkeiten ausserhalb des Unterrichts ergänzt werden. Wer es sich leisten kann, reist also am besten in ein Land, wo die zu lernende Fremdsprache gesprochen wird. Ansonsten kann man auch via Internet mit Menschen kommunizieren, denen die Fremdsprache Muttersprache ist. Beliebt sind ausserdem sogenannte Tandemstunden: Zwei Personen, die jeweils die Muttersprache des anderen lernen, tun sich zusammen. Nachteil: Die grammatikalischen Regeln der eigenen Muttersprache kennen die wenigsten. Man kann sich also gegenseitig korrigieren, aber meist nicht erklären, weshalb das Gegenüber einen Satz anders aufbauen soll.

Wer eine Sprache lernt, soll wissen, was er mit der neuen Sprache beabsichtigt, und sich seine Lernstärken vergegenwärtigen: Die einen prägen sich Wörter, Sätze und grammatikalische Regeln durch Hören ein, andere besser durch Sehen. Manche bevorzugen einen klaren, logischen Aufbau, anderen liegt die intuitive Herangehensweise mehr. Wer weiss, welche Lernstrategie er oder sie bevorzugt, findet auch eher das passende Lernmittel oder die passende Sprachschule.

Im Schlaf wird sich eine Sprache nicht lernen lassen, auch wenn dubiose Anbieter das immer wieder behaupten und entsprechende Lernpakete verkaufen. Eine Sprache zu lernen, bleibt «eine mühsame Plackerei», schreibt Harden. Trotz aller Lernforschung und individueller Anpassung an die eigenen Stärken gelte letztlich «üben, üben, üben».

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