Nr. 39/2011 vom 29.09.2011

Mehr als «ein kleines Hilfswerk»

Von Bettina Dyttrich

«Wenn Schweizerinnen und Schweizer nach längerem Aufenthalt von Afrika, Lateinamerika oder Asien zurückkehren, bauen sie ziemlich sicher ein kleines Hilfswerk auf», schreibt Peter Niggli, Geschäftsleiter von Alliance Sud, im Vorwort von «Hunger nach Gerechtigkeit». So machte es auch Marianne Spiller-Hadorn. Die von der Befreiungstheologie geprägte Lehrerin und Psychologin wanderte 1972 nach Brasilien aus. Doch klein ist ihr Hilfswerk nicht mehr: Zum Projekt «Abai» gehören ein Tagesheim für hundert Kinder, eine therapeutische Wohngemeinschaft für Alkoholiker, ein Restaurant und ein Bauernhof, der Kurse in Biolandbau und Ökologie anbietet. Es klingt beeindruckend.

Die Arbeit von Abai ist nun in einem Buch dokumentiert: Porträts, Interviews und Texte von Mitarbeiterinnen, Unterstützern und Unterstützten. Herausgegeben hat es der Ethiker Thomas Gröbly, der den Verein Abai-Freunde präsidiert. Unabhängiger Journalismus ist das nicht, eher PR. Allerdings spannende PR.

Denn Widersprüche bleiben sichtbar. Vor allem in Nadine Hostettlers Porträt der Abai-Gründerin. Da erfährt die irritierte Leserin, dass die Abai-Jungen Elektriker, Schreiner oder Bauern werden können, «die Mädchen lernen einzig nähen und sticken und, seit wenigen Jahren erst, mit dem Computer umzugehen». Auch das Porträt eines Mannes, der im Abai-Heim aufgewachsen ist, macht nachdenklich. Wenn er das Projekt vorübergehend verlassen habe, habe er immer wieder «die Disziplin verloren», heisst es darin – Abai als Insel der Ordnung, sozusagen ein Stück Schweiz im chaotischen Brasilien?

Der zweite Teil des Buches öffnet den Blick weit über Abai hinaus. Brasilianische Befreiungstheologen, Vertreter der Landlosenbewegung und Friedensaktivistinnen kommen zu Wort, es geht um den Kampf ums Wasser und die Verantwortung der Schweiz. Die eindrücklichen Fotos von Fridolin Walcher und Michaela Hahn haben einen prominenten Platz im Buch.

Um sich ein eigenes Urteil über Abai bilden zu können, wäre eine Reise nötig. Spannend ist das Projekt auf jeden Fall.

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