Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

«Jeder, der hier strandet, ist ein anerkannter Flüchtling»

Die verzweifelte Lage am Horn von Afrika treibt jährlich Tausende in die Flucht und in die Hände skrupelloser Menschenschmuggler. Wer es trotzdem schafft, den Golf von Aden zu überqueren, findet unerwartete Hilfe.

Von Susi Stühlinger

Drei Stunden lang trieb die behinderte Frau im Wasser. Schlepper hatten sie vor der Küste über Bord geworfen. «Mittlerweile geht es ihr wieder gut», sagt Nasser Salim Ali al-Hamairi. Der Flüchtlingshelfer hat vor kurzem Angelina Jolie kennengelernt. Die Frau aus Hollywood nahm in Genf einen Preis für ihre öffentlichkeitswirksame Präsenz als Botschafterin des Uno-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR entgegen. Davon berichteten die Medien. Auch al-Hamairi wurde ausgezeichnet. Davon berichteten die Medien kaum. Dabei hatte die jemenitische Society for Humanitarian Solidarity (SHS), deren Gründer al-Hamairi ist, Anfang letzter Woche vom UNHCR den Nansen-Preis für aussergewöhnliches Engagement in der Flüchtlingshilfe erhalten.

Aussergewöhnlich sind vor allem die Umstände, unter denen die SHS ihren Einsatz leistet: Der Jemen ist das ärmste Land auf der arabischen Halbinsel, fast vierzig Prozent der einheimischen Bevölkerung leiden an Hunger, knapp die Hälfte kann nicht lesen und schreiben, seit Jahrzehnten schon schwelen Konflikte, immer wieder kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Schlimmer noch ist es jenseits des Golfs, wo Bürgerkrieg und Dürre die Menschen in die klapprigen Boote von Schlepperbanden treiben. Rund 65 000 somalische Flüchtlinge sind seit Anfang Jahr an den felsigen Küsten des Jemen gestrandet. So viele waren es noch nie.

Nicht alle kommen an

Die Frau, die im Wasser trieb, befindet sich gegenwärtig im Flüchtlingscamp Charaz im Südwesten des Jemen. Zusammen mit 17 000 anderen Bootsflüchtlingen, welche die Reise vom Horn von Afrika über den Golf von Aden überlebt haben. Die SHS kümmert sich als Partnerorganisation des UNHCR und in Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen um die Gestrandeten. Ihre 290 MitarbeiterInnen kommen nicht nur im Camp und beim Binnentransfer der Flüchtlinge zum Einsatz, sie überwachen auch rund 600 Kilometer Küste am Golf von Aden.

«Wenn ein Boot landet», sagt al-Hamairi, «fragen wir die Menschen zuerst, wie viele sie bei der Abreise waren. Allzu oft sind es bei der Ankunft weniger. Dann fahren die Mitarbeiter der SHS, unterstützt von Küstenwache und Marine, los und suchen nach den Vermissten; die können oft nur noch tot geborgen werden.» 120 Menschen, das weiss man, sind seit Anfang Jahr bereits ertrunken. Von wie vielen man es nicht weiss, weiss niemand. Nicht selten ertrinken sie, weil sie – wie die behinderte Frau – von den Schlepperbooten gestossen werden und sich an den kantigen Küstenfelsen verletzen. Oder sie werden über Bord geworfen, weil sie in den überladenen Maschinenräumen erstickt sind. Oder sie werden von Haien gefressen.

«Die Menschen, die übers Meer kommen, haben viel Leid erfahren», sagt Nasser Salim Ali al-Hamairi, «aber ab dem Moment ihrer Ankunft kümmern wir uns um sie.» Die Flüchtlinge werden vor Ort medizinisch und mit Essen versorgt, nach einer kurzen Rast in den Transitzentren nahe der Küste begleiten sie dann die SHS-MitarbeiterInnen in eines der drei Empfangszentren des Uno-Flüchtlingshochkommissariats. «Jeder, der an unseren Küsten strandet, ist ein anerkannter Flüchtling. Die Ankömmlinge werden nirgends eingesperrt, sie können sich frei im Land bewegen. Manche suchen sich Arbeit in der Stadt, andere, vor allem Frauen und Kinder, finden im Charaz-Flüchtlingscamp Obdach und Nahrung.»

Charaz liegt mehr als 130 Kilometer von der Küstenstadt Aden entfernt. Es hat keine Mauern, rundherum sind nur Fels und Wüste. Die Verhältnisse sind beengt. Aber es gibt Reis, Mehl, Öl, Bohnen und Zucker. Es gibt Decken, Kochgelegenheiten, Seife, Damenbinden. Und es gibt etwas zu tun. Al-Hamairi: «Statt Arbeitskräfte von aussen zu holen, bieten wir den Flüchtlingen die Möglichkeit, das Leben im Camp mitzugestalten. Die BewohnerInnen von Charaz äussern ihre Bedürfnisse, entwickeln ständig neue Projekte und setzen sie mithilfe von UNHCR, SHS und anderen Hilfsorganisationen um.»

Natürlich ist das Camp nicht frei von Konflikten – die BewohnerInnen gehörten in ihrer Heimat oft verschiedenen Stämmen an –, aber dennoch entwickeln sich gemäss dem Uno-Informationsdienst IRIN Ansätze einer demokratischen Struktur. Eine Wohneinheit im Camp besteht aus 25 Unterkünften; jede Einheit wählt eine Person, die ihre Belange im Camp vertritt; und zwanzig dieser VertreterInnen, je zehn Männer und zehn Frauen, bilden zusammen den Grossen Rat, der über die verschiedenen Anliegen diskutiert und sie vorträgt.

«Rund achtzig Prozent der Arbeiten im Camp nehmen die Flüchtlinge selbst in die Hand», sagt al-Hamairi. Sie verteilen Essensrationen und Hygieneartikel, sie kümmern sich um die Elektrizität und halten die Wasserversorgung instand. Die Arbeit im Camp biete ein kleines Einkommen, sagt der SHS-Gründer. Das Umland ist arm, bezahlte Arbeit ist kaum zu finden. Im Lager dagegen werden Kurse zu Hygiene, Gesundheit und dem sparsamen Umgang mit Wasser abgehalten. Die Schule, die etwa 4000 Kinder unterrichtet, bietet – als Anreiz für den Schulbesuch – gratis Mahlzeiten; in den höheren Klassen wird auch Arabisch gesprochen, um die Barrieren zwischen Flüchtlingen und einheimischer Bevölkerung abzubauen. Am regelmässigen Clean-up Day sammeln die BewohnerInnen Abfälle ein, und am 8. März dieses Jahres feierten sie den Tag der Frau.

Lange Fahrt von der Küste ins Camp

Die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen einer breiten Protestbewegung und dem Regime des autokratischen Präsidenten Ali Abdallah Saleh erschweren die Arbeit der SHS. «Es herrscht ein unglaubliches Sicherheitsvakuum. Die Grundversorgung aufrechtzuerhalten, ist schwierig», sagt al-Hamairi. «Früher brauchte ein Flüchtlingstransport von den Empfangszentren zum Charaz-Camp maximal sieben Stunden. Heute zwingen uns Kämpfe und Blockaden zu Fahrten, die mindestens siebzehn Stunden dauern.»

Ein Ortswechsel ist für die Flüchtlinge mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Dennoch ziehen viele weg vom isoliert gelegenen Camp in die Städte. Tausende leben in der Shanty Town al-Basatin am Rande von Aden und versuchen, in der Stadt ein Auskommen zu finden. Bereits im Jahr 2006 sagte ein westlicher Diplomat gegenüber der BBC, dass die jemenitische Gesellschaft kaum noch mehr Flüchtlinge vertrage. Nasser Salim Ali al-Hamairi ist da anderer Ansicht: «Wir Jemeniten sind freigiebig, wir haben ein grosses Herz. Die Menschen wissen um die prekäre Situation in Somalia, sie heissen die Flüchtlinge willkommen, auch wenn sie selbst Schwierigkeiten haben.»

Allein aus Somalia nahm der Jemen gemäss UNHCR-Angaben zwischen 170 000 und 190 000 Flüchtlinge auf. «Wir machen weiter, auch wenn noch mehr kommen», sagt al-Hamairi. Seine SHS sei vorbereitet. Im Herbst, wenn die See ruhig ist, überqueren besonders viele Boote den Golf. Und wo liegt der Unterschied zwischen der Situation im Mittelmeer und jener im Golf von Aden? «Im Prinzip ist die Situation dieselbe. Bloss dass die Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen, in einem, so Gott will, reichen, industrialisierten Land ankommen, während sie sich im Jemen in einem armen Land wiederfinden, das selbst auf Hilfe angewiesen wäre.»

Was Angelina Jolie so selbstverständlich zukommt, darauf hofft auch Nasser Salim Ali al-Hamairi: Aufmerksamkeit. «Wir rufen die internationale Staatengemeinschaft auf, dafür zu sorgen, dass sich die Situation in Somalia verbessert. Es braucht mehr Geld, damit die Hilfsorganisationen in Somalia ihre Bemühungen intensivieren können – damit die Menschen nicht mehr die gefährliche Bootsfahrt riskieren müssen.»

Im Übrigen wolle die SHS ihr Tätigkeitsgebiet ausweiten. «Wir können überall helfen, wo Hilfe gebraucht wird», sagt al-Hamairi – und bestätigt damit die These, dass die, die wenig haben, bereit sind, mehr zu geben. Rosige Bedingungen finden die Flüchtlinge im Jemen nicht vor. Aber sie treffen auf Zustände, die die reiche Festung Europa beschämen müssten.

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