Nr. 41/2011 vom 13.10.2011

«Vorwärts nach Zürich Paradeplatz»

Am kommenden Samstag soll in Anlehnung an die Proteste in New York das Zentrum des Schweizer Finanzplatzes besetzt werden. Wie ein Platz in Zürich zum Symbol wurde.

Von Carlos Hanimann

Die Anwesenden hatten kaum die Traktanden beisammen, als ein älterer Herr aufstand und eine Grussbotschaft von Jean Ziegler ausrichtete. Dieser befinde sich derzeit in Paris, doch am Samstag, so sagte der Mann, werde Ziegler, der Soziologe, Bankenkritiker und Uno-Beauftragte, mit dem TGV nach Zürich fahren, um sich der Protestbewegung anzuschliessen. Das war am vergangenen Montagabend, und die knapp hundert Personen, die sich versammelt hatten – Junge, Alte, Organisierte, Unabhängige –, waren gekommen, um die anstehende Besetzung des Zürcher Paradeplatzes zu planen.

Nach mehr als drei Stunden Diskussion über Ort, Zeit, Sicherheit, Organisation und Kommunikation stellte sich heraus, dass die Forderungen der TeilnehmerInnen so verschieden waren wie ihr politischer Hintergrund. Da der ursprüngliche Aufruf von den VerschwörungstheoretikerInnen «We are change» erfolgt war, werden diese in den Medien als Organisatoren bezeichnet. Das ist falsch, wie am Montag klar wurde. Von den knapp hundert Anwesenden konnte gerade einmal ein halbes Dutzend Personen «We are change» zugeordnet werden. Unter den TeilnehmerInnen waren auch etliche NationalratskandidatInnen auszumachen (SP, Grüne, AL, Piraten), doch der Protest soll vor allem von parteipolitisch unabhängigen Personen getragen werden.

Man war sich einig: Keine Organisation soll den Anlass dominieren. Ausserdem: keine Gewalt, keine PressesprecherInnen, keine formelle Bewilligung, kein Organisationskomitee. Auf eindeutige Forderungen wollte man sich vorerst noch nicht festlegen, sie sollen am Samstag an der Vollversammlung auf dem Paradeplatz und später voraussichtlich auf dem Bürkliplatz basisdemokratisch diskutiert und erarbeitet werden. Dennoch konnte sich «Occupy Paradeplatz», wie sich die BesetzerInnen in Anspielung auf die DemonstrantInnen an der Wall Street nennen, auf einen zentralen Slogan festlegen: «Retten wir Menschen, nicht Banken.»

Vor bald einem Monat, am 17. September, waren einige Hundert Menschen in New York an die Wall Street gezogen, um gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus zu demonstrieren und mehr Demokratie, mehr soziale Gerechtigkeit zu fordern. Seither besetzen sie den zur «Liberty Plaza» umbenannten Zucotti-Park in unmittelbarer Nähe zur New Yorker Börse. In den USA haben sich die Proteste auf verschiedene Städte ausgeweitet, etwa auf Los Angeles, Boston und Chicago. Diesen Samstag, am 15. Oktober, sollen nun weltweit ähnliche Demonstrationen und Besetzungen stattfinden (siehe unten: «Die Occupy-Bewegung»). In Zürich wollen die Unzufriedenen für unbestimmte Zeit das Herz des Schweizer Finanzplatzes in Beschlag nehmen, den Zürcher Paradeplatz.

Der Platz

«Eigentlich ist der Paradeplatz kein Platz, sondern nur ein Raum, den die Häuser übriggelassen haben. Er sieht so aus, als hätten sich hier die Häuser Rendez-vous gegeben. Kurz und gut, der Paradeplatz hat den Charakter der Banken, die an ihm liegen.» Das stammt aus einem Zeitungsartikel von 1938 – doch ist die Beschreibung weiterhin zutreffend. Kein anderer Ort verkörpert das Klischee des Bankenlandes Schweiz mehr als dieser.

Im Gesellschaftsspiel Monopoly ist der Zürcher Paradeplatz das teuerste Grundstück. Er ist das Symbol des Finanzplatzes: Er steht für Bankgeheimnis und Geldwäscherei, für Geld und Gold, für Boni und Finanzkrise. Es ist der Ort, der den zwei Grossbanken UBS und Credit Suisse seit Ende des 19. Jahrhunderts als Repräsentationsstandort dient. Der Ort, an den der deutschfreundliche Schweizer General Ulrich Wille 1918 Infanterie und Kavallerie schickte, um den Landesgeneralstreik mit Säbeln und Gewehren aufzulösen. Der Ort, an dem sich 1944 kurz vor Kriegsende der deutsch-schweizerische Doppelbürger Alfred Kurzmeyer, Direktor der Deutschen Bank in Berlin, in einem Zimmer des Hotels Savoy einmietete, eine inoffizielle Bankfiliale eröffnete und Gelder der Waffen-SS treuhänderisch verwaltete. Der Ort, an dem der Solothurner Künstler Schang Hutter 1998 einen rostigen Stahlkubus als Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus aufstellen liess, der von der rechtsextremen Freiheitspartei verunstaltet wurde. Der Ort, an dem der US-Anwalt Ed Fagan 2002 die Schweizer Banken für ihre Geschäfte im Zweiten Weltkrieg an den Pranger stellte.

Kaum ein Bericht über den Schweizer Finanzplatz kommt ohne ein Bild des Paradeplatzes aus. Bis zum Jahr 1819 trug der Platz allerdings einen ganz anderen, vielleicht etwas passenderen Namen: Säumärt, Schweinemarkt.

Exkurs: 28. November 1990. Der Zürcher Gemeinderat stimmt über ein Postulat der Poch ab. Doris Vetsch und zwei Mitunterzeichner hatten im Jahr zuvor ein Postulat beim Zürcher Stadtrat eingereicht, das die Umbenennung des Paradeplatzes forderte. «In Anbetracht der dort domizilierten Banken und deren weltumspannender Trag- und Reichweite» wollen die drei PolitikerInnen dem Paradeplatz seinen ursprünglichen Namen zurückgeben. Die Bezeichnung Säumärt, so schreiben sie mit Blick auf Geldwäscherei und Kredite für das südafrikanische Apartheidregime, «würde auch dem Umstand Rechnung tragen, dass die Schweizer Banken immer wieder in Söiereien verwickelt sind». Auf Antrag der SP wird das Postulat allerdings abgelehnt – «mit offensichtlicher Mehrheit».

Die Banken

Die Banken waren immer schon da – zumindest fast. Die Schweizerische Kreditanstalt, heute Credit Suisse, seit 1871. Der Bankverein, heute UBS, seit 1899.

Ende 1871 steht der Feldhof am Paradeplatz zum Verkauf. Die Schweizerische Kreditanstalt erwirbt das ganze Areal für rund 700 000 Franken. Der Preis pro Quadratfuss: 26 Franken. Fünf Jahre und rund 2,5 Millionen Franken später ist das Gebäude der Kreditanstalt errichtet, das bis heute als Hauptsitz der Credit Suisse dient – im Parterre, grösstenteils vermietet, Ladenlokale, in den oberen Stockwerken Privatkundenberatung und der Sitzungsraum des Verwaltungsrats. Unterirdisch Safes, Tresore und die Parkgarage. Über aktuelle Grundstückspreise und Mieten gibt die Credit Suisse keine Auskunft. Der Quadratmeter kostet am Paradeplatz gemäss Schätzungen zwischen 40 000 und 60 000 Franken, mindestens.

Die Platzbebauung findet 1899 einen ersten Abschluss, als auch der Bankverein seine Räumlichkeiten am Paradeplatz bezieht und die Tramhaltestelle gebaut wird. Fünfzig Jahre später wird das alte Gebäude des Bankvereins abgerissen und durch einen modernen Bau ersetzt. Entgegen der weitverbreiteten Meinung ist das Bankgebäude am Paradeplatz allerdings nicht der Hauptsitz der UBS. Dieser befindet sich ein paar Gehminuten entfernt an der Bahnhofstrasse.

Wo Banken sind, da gibt es meistens auch Überfälle. Nur: Am Paradeplatz sind sie selten. 2001 drangen drei maskierte Räuber in die UBS ein und bedrohten einen Angestellten mit einer Waffe. Sie gelangten aber nicht in den Bankraum und mussten ohne Beute flüchten. Im selben Jahr wurde ein Geldtransporter überfallen, der in Kloten beladen worden war und Geld bei der Bank Leu an der Bahnhofstrasse und bei der Credit Suisse am Paradeplatz abliefern sollte. 28 Kilogramm Geld, sprich: 2,2 Millionen Franken, wurden gestohlen, als der Transportwagen für kurze Zeit unbeaufsichtigt bei der Fraumünsterpost stand.

Einmal soll es einem Dieb tatsächlich gelungen sein, Geld aus einer Bank am Paradeplatz zu stehlen. Unter VelokurierInnen erzählt man sich die Geschichte, dass ein Velokurier im Auftrag eines Kunden mehrere Hunderttausend Franken Bargeld abholen sollte. Ständig über Telefon verbunden soll ihm der Kunde (mit französischem Akzent) Anweisungen gegeben haben, das Geld auszulösen und es zu Sprüngli am Stadelhofen zu bringen. Mit dabei ein Aufpasser, der den Geldtransport beschützen sollte. Der Velokurier holte das Geld ab, lieferte es an die gewünschte Adresse, wo es allerdings niemand erwartete. Über das Telefon gab der Kunde (plötzlich ohne französischen Akzent) an, das Paket einfach im Geschäft abzugeben und vorher hundert Franken herauszunehmen.

Tags darauf erschien die Polizei zum Verhör in der Kurierfirma: Die Dokumente für den Bargeldbezug waren gefälscht. Den Hunderter durfte der Kurier behalten.

Die Besetzung

Ab Samstag soll dieser Platz also zum Ort des Widerstands werden. Über Kanäle wie Facebook und Twitter wird für die Besetzung mobilisiert. Allein auf der Facebookseite von «Occupy Paradeplatz» haben sich über 1000 Personen angemeldet. Entsprechend war vergangenen Montagabend die Stimmung bei der ersten Vollversammlung der noch jungen Bewegung: Man rechnet mit reger Beteiligung, hofft auf breite Unterstützung, damit der Anlass mehr als eine nachmittägliche Platzkundgebung wird.

Der Ort ist jedenfalls gut gewählt. Konzentrierten sich früher globalisierungskritische und antikapitalistische Proteste auf Gipfeltreffen im Niemandsland oder in Regierungsvierteln, so sollen sie jetzt dort stattfinden, wo sich Demokratie höchstens in steigenden oder fallenden Kursen und Dividenden ausdrückt: in den Finanzzentren der Welt. Im Zeitungsartikel von 1938, der den Paradeplatz porträtiert, steht: «Unterm Boden strotzt er von Kanalisationen und Kloaken, Tresors und Gold, überm Boden protzt er mit Fassaden und verwandten Reklamen. Das Profil des Paradeplatzes ist gewissermassen ein Querschnitt durch den Kapitalismus.» Wie heisst es doch beim Monopolyspiel? «Chance. Vorwärts nach Zürich Paradeplatz.»

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