09.12.2004

Die Gnomen kehren heim

Die zweitgrösste Bank der Schweiz hat sich neu erfunden. Ihre Freunde sind heute andere als einst – ihre Feinde auch.

Von Gian Trepp

Na und, könnte man sagen: Die Credit Suisse Group (CSG) will sich wieder einmal einem Umbau unterziehen. Den «Beginn einer neuen Ära» verkündete Credit-Suisse-Boss Oswald Grübel am Dienstag vor einer guten Hundertschaft internationaler Finanzanalytiker, die aus aller Herren Ländern nach Zürich gekommen waren. Der heute aus drei Teilen – Credit Suisse First Boston (CSFB), Credit Suisse (CS) und die Versicherungsgruppe Winterthur – bestehende Allfinanzkonzern CSG wird in zwei Teile getrennt. CSFB und CS werden zu einer Vermögensverwaltungsbank mit Entscheidungszentrum in Zürich verschmolzen. Die neue Bank plant drei Geschäftsbereiche, wovon einer auf Privatkunden, einer auf Unternehmens- und Investment-Banking-Kunden und einer auf Vermögensverwaltung ausgerichtet sein wird. Die Winterthur wird verselbständigt und soll mittelfristig verkauft werden.

Na und, könnte man sagen, wenn die CSG mit diesen Plänen ihren Gewinn bis 2007 auf acht Milliarden Franken steigern, den AktionärInnen ein Dividendenwachstum bescheren und den CSG-Aktienkurs in die Höhe treiben will: Solange die zwei CSG-Nachfolgefirmen keine Angestellten entlassen, ihre Steuern bezahlen und keine schmutzigen Gelder waschen, dürfte sich das Interesse für diesen Umbau vornehmlich auf Finanzanalystinnen und Aktionäre beschränken. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Die CSG generiert schätzungsweise ein Viertel der Aktivitäten auf dem Finanzplatz Schweiz und tangiert damit auch die gesamte hiesige Wirtschaft und Politik.

Bei der sage und schreibe fünfstündigen Präsentation ihres Planes haben Grübel und seine Kollegen strikt betriebswirtschaftlich argumentiert und jeden Bezug zu Volkswirtschaft und Politik vermieden. Dies, obwohl der Umbau der CSG entlang der neuen Einbankstrategie weit über das rein Kommerzielle hinausgeht. Angesagt ist nicht weniger als die «Rückschweizerung» eines transnationalen Finanzdienstleistungskonglomerates. Das Wallstreet-gesteuerte CSFB-Investment-Banking wird organisatorisch mit dem Unternehmenskundengeschäft zusammengelegt und soll zukünftig vom Paradeplatz aus geleitet werden. Die CSG-Bosse reagieren damit auf die Krise, die den angloamerikanischen Finanzkapitalismus nach dem Platzen der New-Economy-Blase erfasst hat. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung glauben, dass ihre Gewinnchancen steigen, wenn sie Eigenkapital und Ressourcen von den US-Finanzmärkten nach Europa, Asien und Südamerika umdisponieren.

Zürich statt Harvard

Die Liquidation der CSFB ist eine epochale Zäsur der Beziehungen der CSG mit den USA. Diese erfolgreichen Beziehungen sind seit der Gründung der ersten Kreditanstaltvertretung 1939 stetig gewachsen. 1970 kaufte die Kreditanstalt den US-Börsenmakler White Weld, 1978 übernahm sie First Boston. Dank dem Erfolg mit der lukrativen First Boston ist es Rainer Gut seinerzeit gelungen, die böse Scharte des Chiasso-Geldwäscherei-Skandals (1977) auszubügeln. Jetzt markiert Grübels grosser Plan die Trendwende zur Schrumpfung auf den US-amerikanischen Finanzmärkten.

Es ist kein Zufall, dass die neue CSG-Strategie eine Eigenleistung ohne Rückgriff auf US-amerikanische Unternehmensberater ist. McKinsey und Co. sind heute bei der CSG out – nachdem die beiden McKinsey-Boys Lukas Mühlemann und Thomas Wellauer die 1856 gegründete Traditionsbank Alfred Eschers mit Volldampf in die Wand gefahren haben. Da passt auch der Bildungsgang der zwei neuen Topmanager Walter Berchtold und Renato Fassbind gut ins Bild – private Zürcher Handelsschule (Berchtold) respektive Ökonomie-Doktorat der Uni Zürich (Fassbind) statt amerikanischer Eliteschulen und Harvard-MBA.

Neutrale Dienerin der Millionäre

Unter dem Banner des «Krieges der Zivilisationen» gewannen in den vergangenen drei Jahren auch in der Vermögensverwaltung politische, ethische und religiöse Aspekte an Bedeutung. Dieser Trend ist eine der wichtigsten Ursachen der Krise des angloamerikanischen Finanzkapitalismus mit seiner einseitigen Fixierung auf den Börsenprofit. Heutzutage laufen die Börsen auf Sparflamme, und die Profitversprechen genialer Handelsstrategien mit noch genialeren Finanzinstrumenten à la Dieter Behring blenden höchstens noch unerfahrene KleinkapitalistInnen im Massengeschäft. Im oberen Kundensegment hingegen, wo die CSG tätig ist, entsteht das Vertrauen der Kundschaft in eine Bank heute nicht mehr durch Börsenjargon und Gewinnversprechen, sondern mit praktischer Kompetenz im Lotsendienst durch den realen Kulturkampf und Wirtschaftskrieg der heutigen Zeit.

Die Vermögensverwaltung für die Reichen muss mehr bieten als Aktientipps. Reiche Muslime wollen Scharia-konforme Finanzinstrumente, auch wenn sie damit weniger verdienen. Reiche Russinnen oder Chinesen brauchen eine Rückzugsposition im Falle einer jederzeit möglichen dramatischen Verschlechterung der Beziehungen ihres Heimatlandes mit den USA. Reiche Deutsche oder US-Amerikanerinnen wollen weniger Steuern zahlen und suchen einen Lotsen in der Grauzone der Legalität. Für diese Art von Beratung ist es von Vorteil, wenn der Berater neutral ist. Vor dem Hintergrund der kriegerischen US-Aussenpolitik im Nahen Osten sind beispielsweise arabische Ölscheichs heute mit der CSG zweifelsohne besser bedient als mit den US-Banken Citicorp oder Merrill Lynch. Kein Wunder, hat Grübel seine Kapazitäten in Dubai massiv aufgestockt. Weil sich mit Neutralität wieder Geld verdienen lässt, setzt die CSG wieder auf traditionelle Werte des Finanzplatzes Schweiz.

Schlimmer als Ziegler

Vom Bankgeheimnis war in der fünfstündigen Marathonpräsentation kein einziges Mal die Rede. Das zeigt: Dieses mittlerweilen völlig durchlöcherte Geheimnis spielt im realen Geschäft keine allzu grosse Rolle mehr. Um die für 2007 geplanten acht Milliarden Franken Gewinn tatsächlich realisieren zu können, braucht die CSG vom Schweizer Staat weniger die Garantie des Bankgeheimnisses als die Neutralität gegen aussen, die Stabilität im Innern – und einen harten Franken.

Ironischerweise geht die grösste innenpolitische Gefahr für die CSG heute nicht mehr von links, sondern von rechts aus: von der SVP, die das zweitrangig gewordene Bankgeheimnis in die Verfassung schreiben will, während sie mit ihrer Islamfeindlichkeit die Neutralität mit Füssen tritt und durch Obstruktionspolitik die innere Stabilität gefährdet. Wer hätte das vor einigen Jahren für möglich gehalten: Mörgeli, Maurer, Schlüer und Konsorten kämpfen härter gegen die Herrenbank vom Paradeplatz, als es Bankenschreck Jean Ziegler je vermochte.

Ob der grosse Plan der CSG funktioniert, steht noch in den Sternen. Dabei dürfte die Alpen-Monte-Carlo-Politik der SVP noch das kleinere Problem sein. Nun geht es für Grübel und die Geschäftsleitung erst einmal darum, die MitarbeiterInnen für die Reorganisation zu gewinnen, die ganz oben am grünen Tisch ausgetüftelt wurde. Ob dies gelingt, wird letzten Endes über Erfolg oder Misserfolg der Übung entscheiden. Nach den permanenten Restrukturierungen der letzen fünfzehn Jahre ist dies kein einfaches Unterfangen, auch wenn im Unterschied zu früheren Umbauten bislang keine Entlassungen angekündigt sind.

Ist die Belegschaft einmal motiviert, beginnt ein neuer grosser Umbau, der keinen Stein auf dem anderen lassen wird. Dabei kann vieles schief gehen, von der Integration der IT-Systeme bis zum Aufbau effizienter neuer Arbeitsgruppen. Sollte die CSG diesen Umbau tatsächlich im ambitiösen Zeitrahmen von 18 bis 24 Monaten schaffen, bleiben noch die Risiken der Entwicklung auf den internationalen Finanzmärkten.

Trinkende Giraffe

Grübels Plan geht mit heroischem Optimismus davon aus, dass sich die Märkte bis 2007 in etwa in den heutigen Verhältnissen bewegen. Doch es könnte auch ganz anders kommen. So ist beispielsweise das Szenario «Dollarcrash kombiniert mit Börsensturz und gravierender Beeinträchtigung der Handelsströme durch den verstärkten Wirtschaftskrieg zwischen regionalen Handelsblöcken» nicht ganz von der Hand zu weisen. Sollte die CSG mitten im Totalumbau von einer solchen Krise getroffen werden, sähe sie sich in der Rolle der Giraffe am Wasserloch, die, vom Löwen überrascht, nicht mehr aufstehen kann und gefressen wird. Wenn die Geschäftsstrategie floppt, wäre die Schweiz und insbesondere die Region Zürich mit dramatischen Arbeitsplatzverlusten und Steuerausfällen konfrontiert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Gnomen kehren heim aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr