Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Spielbericht aus Bundesbern

Pedro Lenz analysiert ein ganz normales Fussballspiel

Liebe Sportfans, die Zeit ist um, das Spiel ist aus. Wir haben auch diesmal einen einigermassen spannenden Fight erleben dürfen. Das Spielgeschehen lief wie in vielen vorangehenden Spielen vorwiegend über die rechte Seite. Ganz rechts aussen wurde in diesem Match allerdings markant weniger Druck entwickelt als auch schon, obwohl gerade auf der rechten Aussenbahn in letzter Zeit unheimlich viel Geld in die Verstärkung der Abwehr investiert worden war. Teile des Publikums scheinen dieses Gehabe nicht mehr honorieren zu wollen. Kommt dazu, dass einige Spieler des rechten Flügels ihren Leistungszenit längst überschritten haben. Gut denkbar ist jedoch auch, dass die ziemlich unsaubere Spielweise, besonders das Treten mit Stiefeln, auf diesem Niveau einfach nicht mehr zeitgemäss ist.

Auf Halbrechts dagegen lief der Ball recht gefällig durch die Reihen. Die grünliberale Spielart schien vor allem den Modefans in der Cüpli-Lounge zuzusagen. Doch was aus besagter Stadionecke mit warmem Beifall honoriert wurde, war für die meisten Stehplatzfans nichts weiter als ein uninspiriertes Ballgeschiebe im gesicherten rechten Mittelfeld. Die GLP-Spielweise (Green Low Profile) wirkte ziemlich blasiert. Ausserdem ist der Platz auf der halbrechten Seite sowieso schon eng. Da wird sich wohl erst in den nächsten Spielen feststellen lassen, ob das konservative BDP-System (Ballhalten, Dribbeln, Passverzögern) auf die Dauer spielerische Akzente setzen kann.

Überhaupt war der Match trotz der eingangs erwähnten Spannung nicht unbedingt eine Augenweide für Freundinnen und Freunde des ästhetischen Spiels. Über weite Strecken verlief die Partie viel zu ideenlos, zu lethargisch und zu wenig druckvoll. Einmal mehr hat sich an diesem Sonntag gezeigt, dass ein reines Festhalten an den alten Tugenden wie Positionverteidigen, Rückwärtsspielen oder das besonders von den Yuppie-Grünen oft praktizierte Halblinks-antäuschen-und-rechts-Durchlaufen nur wenig zu einer sportlichen Erneuerung beiträgt. Hier bestätigte sich die alte Sportregel, die besagt, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist und dass das eigene Team nur so gut spielen kann, wie es die gegnerische Equipe zulässt.

Entscheidend für den Spielausgang war freilich auch das Versagen des klassischen Mittelfelds. Hier müsste sich die sportliche Leitung unbedingt etwas einfallen lassen. Auf diesem Niveau genügt es offensichtlich nicht mehr, auf dem Platz dem überholten CVP-System (Corner, Vorstoss, Penalty) nachzuleben. Selbst der über viele Jahre funktionierende FDP-Trick (Freistoss dank Portemonnaie) hat in diesem Match überhaupt keine Wirkung erzielt.

Links der Mitte verlief der Match ungefähr so, wie es die Fachwelt erwarten durfte. Trotzdem gab es auch am linken Flügel ein paar unverständliche Taktikentscheide. Die Auswechslung des filigranen Zugers Jo Lang etwa ist aus rein sportlicher Sicht überhaupt nicht nachvollziehbar. Gerade ein Spieler mit seinen Fähigkeiten dürfte in der kommenden Spielzeit von Teilen des Publikums schmerzlich vermisst werden.

Immerhin konnten linke Offensivleute wie Wermuth, Bruderer, Rytz oder Pardini ihre herausragende Form bestätigen. Von dieser Seite können wir uns in den kommenden Spielen noch den einen oder anderen kraftvollen Vorstoss erhoffen. Die seitens der Kaviarkurve vorschnell für überholt erklärten SPS-Systemteile (Solidarität, Passgenauigkeit, Schnelligkeit) haben kräftig dazu beigetragen, dass das Spiel nicht gar so einseitig verlaufen ist. Ein Captain Levrat in der gegenwärtigen Form kann sein Team bestimmt noch zum einen oder anderen Erfolg führen. Und wer weiss, ob die Fans in der roten Kurve schon bald wieder jubeln dürfen, wenn dann in ein paar Wochen dribbelstarke Routiniers wie Rechsteiner, Stöckli oder Cavalli noch einmal den direkten Weg zum Abschluss suchen.

Pedro Lenz (46) ist Schriftsteller und lebt 
in Olten. Zuweilen kann er Fussball- 
und Politikberichterstattung nur schwer auseinanderhalten.

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