Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Das hässlichste Fussballwort

Pedro Lenz über eine falsch verstandene Ansichtssache.

Christian Gross wurde bei YB als Trainer entlassen. Von Beginn an warfen ihm Medien und Fans vor, er lasse sein Team zu wenig attraktiv spielen. Der FC Luzern beendet die aktuelle Meisterschaft so gut wie seit 1989 nicht mehr. Trotzdem häufen sich die Stimmen, Trainer Murat Yakin lasse beim FCL keinen attraktiven Fussball spielen. Soeben ist der FC St. Gallen mit deutlichem Vorsprung in die sogenannte Super League aufgestiegen. Beim Interview am Tag nach dem Aufstieg meint die Radioreporterin zum Präsidenten, dass die Spielweise des FCSG trotz des klaren Aufstiegs nicht besonders attraktiv gewesen sei. Barcelona sei in der Champions League im Halbfinal trotz des attraktiveren Spiels gegen das unattraktive Chelsea ausgeschieden, schreiben Kommentatoren im Netz.

«Attraktivität» ist der Modebegriff des Fussballs. Alles redet von Attraktivität oder fehlender Attraktivität. Dabei ist «Attraktivität» an sich ein furchtbar hässliches Wort. Es ist noch beinahe hässlicher als «Event». Und als langjähriger Fussballliebhaber werde ich den Verdacht nicht los, dass es genau die eventsüchtigen Modefans sind, die das Wort «Attraktivität» ständig im Mund führen. Solche Fans finden ein 5:0 grundsätzlich attraktiv und ein 1:0 grundsätzlich unattraktiv. Für Eventfans sind Teams, die durchschnittlich siebzig Prozent der Spielzeit den Ball monopolisieren, automatisch attraktive Teams, während Teams, die rackern und schwitzen, unattraktiv spielen.

Dabei ist «Attraktivität» historisch betrachtet ein Begriff, der im Fussball überhaupt nichts verloren hat. Fussball war immer ein einfaches Spiel, bei dem die einen dank besserer Technik, die anderen dank grösseren Fleisses und die dritten dank schlauerer Taktik und wieder andere durch Wettkampfglück gewinnen konnten. Ausserdem gab es immer Equipen, die begabte Einzelspieler hatten, oder andere, die ein harmonisches Kollektivspiel zelebrierten, und wieder andere, die alles zusammen auf den Platz brachten.

Fans gehen ihre Vereine unterstützen, weil sie ihre Klubs durch dick und dünn begleiten und mit diesen gleichermassen feiern und leiden können. Wenn mir jemand erzählt, er oder sie gehe nicht mehr zu den Spielen, weil das Team zu wenig attraktiv spiele, dann brauche ich gar nicht mehr hinzuhören. Wer ständig nur von Attraktivität faselt, möge sich ein anderes Hobby suchen.

Viele Probleme des heutigen Profifussballs, und dies nicht bloss in der Schweiz, haben damit zu tun, dass die meisten Klubs mit ihren grossen Budgets je länger, je mehr auf Leute angewiesen sind, die vom Fussball kaum eine Ahnung haben. Viele Sponsoren, Eventfans oder MitläuferInnen wenden sich einem Fussballklub zu oder wieder von ihm ab, je nachdem, was halt gerade im Trend liegt. Spielt dann ein Klub eine Saison lang einen Fussball, der von diesen Leuten als unattraktiv angesehen und auch so bezeichnet wird, fehlen ihm am Ende der Saison die Einnahmen dieser selbsternannten Attraktivitätsrichter. Der Klub hat weniger Publikum, verkauft weniger Fanartikel, generiert weniger Sponsoring und so weiter. Die Fixierung auf eine nicht näher definierte Attraktivität macht den Fussball zu einer Eventmaschine, die nur so lange finanzierbar ist, wie die Modefans an die Mär von der Attraktivität glauben.

Es wäre wohl an der Zeit, den Fussball wieder als das Spiel zu verstehen, das er einmal war, als ein Spiel, bei dem auf unzählige Arten verloren oder gewonnen werden kann, als ein Spiel auch, dessen Unterhaltungswert von vielen Faktoren abhängt, die mit Attraktivität wenig bis nichts zu tun haben. «Attraktivität» ist fussballerisch betrachtet ein Nullwort. Oder um es mit dem legendären Ausspruch von VfB-Stuttgart-Trainer Bruno Labbadia zu sagen: «Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert.»

Pedro Lenz, 47, ist Schriftsteller und lebt in Olten. Als Fussballer spielt er mit dem Schweizer Autorennationalteam gegen SpVgg Rakete Solothurn am Samstag, 19. Mai 2012, um 
14 Uhr im Stadion Brühl, Solothurn. Am Abend Buchpräsentation im Kulturturm Solothurn.

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