Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Kritisch statt kommunistisch

Während Italiens kommunistische Tageszeitung «Il Manifesto» eine schwere Krise durchlebt, feiert das neue Blatt «Il Fatto Quotidiano» Erfolge und wird zum zentralen Organ für Kritik an Regierung und Opposition.

Von Michael Braun, Rom

«Unser Rücktritt war auch als Stromstoss gedacht – für die Zeitungsmacher genauso wie für unsere Leser.» Angelo Mastrandrea, seit gerade einmal siebzehn Monaten an der Spitze der italienischen Tageszeitung «Il Manifesto», warf letzte Woche mit seiner Ko-Chefredaktorin Norma Rangeri das Handtuch. Denn ausgerechnet im Jubiläumsjahr – die Zeitung wurde im April 1971 gegründet – durchlebt «Il Manifesto» die womöglich schlimmste Krise.

«Quotidiano comunista» heisst es unverändert im Titelkopf, «Kommunistische Tageszeitung». Radikal links, zugleich aber undogmatisch, ohne Parteilinie und offen für kontroverse Diskussionen: Über Jahrzehnte galt «Il Manifesto» kritischen AktivistInnen als unverzichtbare Plattform. Doch jetzt scheint das Ende der Zeitung nicht mehr ausgeschlossen. «Die Auflagenkrise» ist nach Mastrandea eines der Probleme. Das Blatt, das noch vor acht Jahren täglich etwa 35 000 Exemplare absetzte, ist mittlerweile unter die Schwelle von 20 000 abgerutscht. Zugleich brachen die ohnehin schon immer bescheidenen Werbeeinnahmen ein. Am schlimmsten ist jedoch, dass die staatlichen Subventionen zur unkalkulierbaren Grösse werden.

Krise als Dauerstichwort

Der «Manifesto» nämlich – ein Unikum in einem westlichen Land – konnte über Jahrzehnte nur überleben, weil die Regierung Millionen beisteuerte: Wie die Parteizeitungen erhalten auch von Kooperativen herausgegebene Gazetten wie der «Manifesto» Staatsgelder. Die letzte Zahlung, rückwirkend fürs Jahr 2009, erhielt die Zeitung im Jahr 2010: Es waren etwa 3,7 Millionen Euro. Wie viel Geld künftig überwiesen wird, steht in den Sternen – die Regierung von Silvio Berlusconi hat die Zuweisungen in den letzten Jahren drastisch eingeschränkt.

«Krise» ist denn auch das Dauerstichwort. Die Redaktion ist innert zweier Jahre von 90 auf nur noch 54 Stellen verschlankt worden – und seit einem Jahr müssen jeweils etwa zwanzig RedaktorInnen rotierend aussetzen. «Demotiviert» sei die Redaktion, bilanziert Mastrandea, und angesichts fehlender Ressourcen endeten auch alle Überlegungen zu einem Relaunch in der Sackgasse – deshalb jetzt der Rücktritt der ChefredaktorInnen.

Es ist ein Rücktritt, der sich auch aus der Ratlosigkeit über den zukünftigen Kurs der Zeitung speist. Mastrandea und Rangeri wollten das Blatt weiteröffnen, es zum Debattenforum der neuen Bewegungen machen, zum Beispiel jener gegen die Privatisierung der Wasserversorgung. Doch ein ehemaliger Redaktor sagt: «Nehmt das Beispiel Nicki Vendola, den neuen Star der Linken; dessen Aufstieg hat ‹Il Manifesto› einfach verschlafen. Das Blatt macht einfach keine Meinung mehr, es wird im breiten öffentlichen Diskurs schier gar nicht mehr wahrgenommen.» Und Valentino Parlato, Gründervater und graue Eminenz der Redaktion, bemerkte schon vor Monaten: «Eine kommunistische Zeitung tut sich mit dem Überleben schwer, wenn es keine Kommunisten mehr gibt. Der Einzige, der überhaupt noch von ihnen redet, ist doch Berlusconi.»

Verfassung als Richtlinie

Dass kritisch-oppositioneller Journalismus in Italien jedoch weiterhin lebt, zeigt ein anderes verlegerisches Projekt: die Tageszeitung «Il Fatto Quotidiano». Vor zwei Jahren mit dem Ziel, eine Auflage von 15 000 zu erreichen, aus der Taufe gehoben, verkauft das Blatt mittlerweile 70 000 Exemplare täglich. Sie ist die einzige Zeitung in Italien, die auch im letzten Jahr mit achtzehn Prozent Zuwachs einen Auflagensprung verzeichnen konnte. Das Etikett «links» würde «Il Fatto» jedoch sofort zurückweisen: «Unsere Linie ist die Verfassung», heisst es schon im Gründungseditorial. Und doch schreiben die MacherInnen um Chefredaktor Antonio Padellaro und den bekannten Publizisten Marco Travaglio vehement gegen den Berlusconismus an. Mit der gleichen Vehemenz aber widmen sie sich auch der in ihren Augen zu zögerlichen Opposition. Das Resultat: An linken Veranstaltungen, Demonstrationen und Tagungen sieht man heute weit mehr Leute mit «Il Fatto» als mit dem «Manifesto» unterm Arm herumlaufen.

Geschickt nutzte «Il Fatto» den unerwarteten Boom und die damit einhergehenden Gewinne, um massiv in seinen Onlineauftritt zu investieren. Während die Website von «Il Manifesto» ein Schattendasein fristet, wurde diejenige von «Il Fatto» zu einer der fünf führenden News-Websites des Landes. Und jetzt steht der nächste Schritt an. Gemeinsam mit dem von der staatlichen Fernsehanstalt RAI hinausgeekelten Starmoderator Michele Santoro wird ein TV-Projekt lanciert. Das Programm soll ab November auf Lokalstationen, übers Internet und vom Bezahlsender Sky Italia ausgestrahlt werden. Dass die TV-Anstalt dem rechtskonservativen Medienmogul Rupert Murdoch gehört, scheint in Italien bisher keinen zu stören.

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