Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Der Mufti und der Mord

Wegen Mord am Gouverneur der Provinz Punjab ist ein Polizist Anfang Oktober zum Tode verurteilt worden. Zur Tat angestachelt hatte ihn der islamistische Prediger Muhammad Hanif Kureschi. Wer ist der Mufti? Die WOZ hat ihn zu Hause besucht.

Von Eliane Engeler, Islamabad

Mufti Muhammad Hanif Kureschis Augen leuchten, wenn er von seiner Liebe zu Gott erzählt. Er sitzt im Schneidersitz auf dem Teppichboden seiner kleinen Bibliothek, die an allen vier Wänden bis oben mit Büchern vollgestopft ist. Ein pechschwarzer Bart und ein Turban umrahmen sein Gesicht. Er redet mit sanfter Stimme, ab und zu lächelt er charmant. Es mag erstaunen, dass dieser freundliche Mann seine Gläubigen in Hasspredigten zu Intoleranz und Gewalt aufruft.

Kureschi ist der Anführer der radikalislamischen Gruppe Schabab-e-Islami, die in Rawalpindi, gleich neben der Hauptstadt Islamabad, eine kleine Moschee und eine Koranschule betreibt. Anfang des Jahres soll er einen jungen Elitepolizisten zum Mord am Gouverneur der Provinz Punjab angespornt haben. Der liberale Gouverneur Salman Tasir wurde in Islamabad auf offener Strasse von dem zu seiner Sicherheit abgestellten Polizisten erschossen.

Das Blasphemiegesetz

Anfang dieses Monats wurde der Polizist vom lokalen Antiterrorismusgericht zum Tode verurteilt. Zuvor hatte er ausgesagt, den Gouverneur getötet zu haben, weil dieser zur Reform des Blasphemiegesetzes aufgerufen hatte. Inspiriert hätten ihn die Veranstaltungen der Schabab-e-Islami, insbesondere Kureschis Reden.

Pakistans Blasphemiegesetz sieht für die Verunglimpfung des Islam unter anderem die Todesstrafe vor. Für eine Anklage genügt allein der Verdacht. Menschenrechtsorganisationen fordern schon lange die Abschaffung des Gesetzes. Denn immer wieder wird es in sektiererischen Rivalitäten und privaten Streitigkeiten missbraucht. Und vor allem auch zur Diskriminierung religiöser Minderheiten.

Ein Video im Internet zeigt, wie Kureschi wenige Tage vor dem Mord an Gouverneur Tasir die Gläubigen aufruft, diesen zu töten. Im Gespräch mit der WOZ macht der islamische Gelehrte keinen Hehl daraus, dass er den Mörder inspiriert hat, und erklärt: «Der Heilige Koran sagt, dass Gotteslästerer mit dem Tod bestraft werden sollen.» Der Gouverneur habe allein durch seine Kritik am Blasphemiegesetz Gotteslästerung begangen und seinen Tod somit selbst verschuldet.

Nach der Bluttat wurde Kureschi kurz verhaftet und seine radikalislamische Gruppe offiziell verboten. Doch nur wenige Tage später tauchte er wieder auf, und seine Gruppe organisierte unter einem neuen Namen Solidaritätskundgebungen für den Mörder. AnhängerInnen verschiedener religiöser Parteien sowie AnwältInnen feierten den Mörder als Helden.

Der Mord hat Kureschi sichtlich mehr Zulauf gebracht. Videoaufnahmen von vor und nach der Bluttat zeigen, wie sein Publikum von ein paar Dutzend Zuhörenden auf Hunderte gestiegen ist. «Das hat mich überall bekannt gemacht. Die Leute sind sich seither der Macht meiner Predigten bewusst», sagt Kureschi lächelnd. Er inspiriere die Gläubigen so sehr, dass sie bereit seien, alles zu tun, um den Islam zu verteidigen. Die Muslime seien überall auf der Welt von Nichtmuslimen bedrängt, und die Regierungen der muslimischen Länder beugten sich dem Diktat der USA, statt den Weg Gottes zu gehen.

Kureschis Weltbild gleicht einer Verschwörung des Westens gegen den Islam. Er motiviere vor allem junge Leute, «gegen den schädlichen Einfluss der Christen und Juden zu kämpfen» und in Pakistan einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Auf Facebook hat Kureschi über 3000 SympathisantInnen, und zum Freitagsgebet kommen rund 1000 Gläubige in seine Moschee.

Vom Staat unterstützt

In Pakistan machen islamistische ExtremistInnengruppen nach einem Verbot nicht selten mit dem Wissen der Behörden unter einem neuen Namen weiter. Pakistan hat besonders während der achtziger Jahre mithilfe der USA militante, radikalislamische Gruppen aufgebaut, um in Afghanistan gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Viele dieser sogenannten Mudschaheddin wurden nach dem Ende des afghanisch-sowjetischen Kriegs weiterfinanziert und zum Kampf gegen den Erzfeind Indien in das umstrittene Grenzgebiet Kaschmir gesandt.

Der mächtige pakistanische Militärgeheimdienst ISI soll laut KennerInnen bis heute jene radikalislamischen KämpferInnen und Geistliche unterstützen, die zur Einflussnahme in Afghanistan und zur Destabilisierung von Indien als nützlich gelten. Zwar wird Pakistan seit drei Jahren wieder von einer Zivilregierung geführt, doch das Sagen hat nach wie vor die Armee. Sie hält das Bild einer existenziellen Bedrohung durch Indien aufrecht, gegen das sie schon vier Kriege verloren hat. Die Feindschaft mit Indien dient der Armee denn auch als Legitimation für das überproportionale Militärbudget und die privilegierte gesellschaftliche Stellung von Offizieren.

«Wir sind gegen Terrorismus»

Kureschi gibt sich im Gespräch als grosser Befürworter der Armee. Und er betont, dass er gegen die pakistanische Talibanbewegung (TTP) sei, die regelmässig Selbstmordanschläge gegen Staatseinrichtungen verübt. Die TTP besteht aus rund 26 islamistisch-militanten Gruppen, die ebenfalls den einst von Pakistan unterstützten Mudschaheddin entstammen, sich mittlerweile aber gegen den Staat gewandt haben. «Wir haben die Armee mit Grossdemonstrationen gegen die Taliban unterstützt», sagt Kureschi stolz und zeigt ein Buch mit eingeklebten Presseartikeln. «Wir sind gegen Terrorismus. Die Selbstmordattentäter der TTP werden von Indien, Amerika und den Juden finanziert», ereifert er sich. Tausende AnhängerInnen der Schabab-e-Islami seien jederzeit bereit, die Armee zu unterstützen.

Kureschis Worte müssen wie Musik in den Ohren von Armeeoffizieren klingen, die grosse Mühe haben, die Soldaten zum Kampf gegen ihre eigenen Glaubensbrüder und -schwestern zu motivieren.

Die Schabab-e-Islami war nur eine der islamistischen Gruppen, die, kurz nach dem Todesurteil gegen den Mörder des Gouverneurs, Proteste gegen den Schuldspruch anführten. In mehreren Städten forderten Tausende von DemonstrantInnen die Freilassung des Mörders, den sie als Helden priesen. Der Zuspruch, der den IslamistInnen aus der Bevölkerung zuteilwird, ist vor allem auf die systematische Islamisierung der Gesellschaft während der Herrschaft des Militärdiktators Muhammad Zia ul-Hak (1977–1988) zurückzuführen.

An der Gesamtbevölkerung gemessen, sind die ExtremistInnen in der Minderheit. Doch die Gefolgschaft ist laut genug, um liberale Stimmen einzuschüchtern und die öffentliche Agenda zu dominieren. Die Radikalisierung hat in den letzten zehn Jahren zugenommen, nicht zuletzt aufgrund des Antiamerikanismus in der Bevölkerung, der seit der US-amerikanischen Invasion in Afghanistan beträchtlich zugenommen hat und von den ExtremistInnen geschickt genutzt wird.

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