Nr. 28/2007 vom 12.07.2007

Die Militär-Mullah-Allianz

Die Rote Moschee in Islamabad ist geräumt, doch das Problem längst nicht gelöst. Es heisst Talibanisierung von Pakistan und - Muscharraf.

Von Thomas Ruttig

Die islamistischen Geister, die Pakistans Militär einst auf Geheiss von Washington und Riad zum Kampf gegen die sowjetischen Invasoren im benachbarten Afghanistan rief, wird es nun nicht mehr los. Schlimmer noch: Von den wilden Bergen der Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan stiegen sie hinab in die Machtzentren des Landes, in einen Moscheekomplex, der keinen Kilometer von den Büros des Präsidenten und des Premierministers, von Parlament, oberstem Gericht und der hermetisch abgeschotteten diplomatischen Enklave an Islamabads Prachtstrasse Constitution Avenue liegt. Dass Taliban im eigentlichen Wortsinne, also von geistlichen Führern radikalisierte KoranstudentInnen, diese Moschee zum Hauptquartier für ihren Schariafeldzug wählten und von dort gar zur «islamischen Revolution» aufriefen, war ein Schlag ins Gesicht von Generalpräsident Parvez Muscharraf.

Handeln unter Druck

Bevor die Armee das Gelände am Dienstag dieser Woche stürmte, tanzten die Taliban der Lal Masdschid - der Roten Moschee - und der angeschlossenen Dschamia-Hafsa-Koranschule für Mädchen seit Wochen der pakistanischen Militärregierung auf der Nase herum - angeführt vom radikalen Brüderpaar Ghazi, dem verhafteten Abdulaziz und dem getöteten Abdulraschid. Schwarz verhüllte weibliche Taliban, bewaffnet mit Knüppeln und Kalaschnikows, stürmten als Stosstrupp der SchariaverfechterInnen vermeintliche oder tatsächliche Bordelle. Als sie eine chinesische Akupunkturpraxis - angeblich eine Tarnung für einen Massagesalon - überfielen, führte offenbar diplomatischer Druck aus Peking dazu, dass Pakistans Militär endlich handelte. Zudem hatten die MoscheebesetzerInnen militante Verstärkung erhalten, vornehmlich aus den paschtunischen Stammesgebieten. Diese sind aus historischen Gründen autonom und werden direkt von Islamabad verwaltet, aber nach wie vor von Afghanistan als dessen Gebiet beansprucht.

In jenem Grenzgebiet ist seit den achtziger Jahren eine Talibanisierungswelle im Gange. Während der sowjetischen Besatzung Afghanistans (1979 bis 1992) baute das pakistanische Militärregime von General Zia-ul-Haq (er kam 1988 bei einem mysteriösen Flugzeugunglück ums Leben) mit westlichen und saudischen Geldern das System von Koranschulen zum Rekrutierungsnetz für die afghanischen Mudschaheddin aus. Die Zahl solcher Medressen verdoppelte sich damals landesweit auf fast 4000. Davon wurde die Hälfte von radikalen sunnitischen Sekten wie Salafisten oder Deobandis geführt. Etwa eine halbe Million junger Männer wurde laut Schätzungen des pakistanischen Historikers Fasal-ur-Rahim Marwat an diesen Orten sozialisiert. Laut einem Bericht der International Crisis Group aus dem Jahr 2005 kamen in der Zeit der Zivilregierungen nach Zia-ul-Haq sowie unter Muscharraf, der sich im Oktober 1999 an die Macht putschte, noch über je 3000 Medressen hinzu, was die gesamte SchülerInnenzahl wohl auf 1 bis 1,7 Millionen gesteigert hat. Davon profitierten die afghanischen Taliban unter Mullah Muhammad Omar, die im Grunde nichts anderes sind als eine neue, noch fundamentalistischere Generation von Mudschaheddin.

Weder Mudschaheddin noch Taliban sind also eine autonom entstandene Kraft - vielmehr manipulierten das pakistanische Militär und sein Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI) sie für ihre Interessen in Afghanistan wie auch für den Aufstand im indisch kontrollierten Teil von Kaschmir. Die dort Ende der sechziger Jahre ausgebrochene, ursprünglich autochthone Bewegung für Unabhängigkeit wurde vom ISI islamistisch unterwandert.

Blutige Herrschaft

Nachdem die pakistanischen Taliban ihren afghanischen Brüdern im Oktober 2001 gegen die US-Angriffe zu Hilfe geeilt waren - wo Tausende von ihnen starben - , übernahmen sie die Kontrolle über weite Teile der autonomen paschtunischen Stammesgebiete. Wie diese aussieht, schildert die Zeitschrift «Middle East Report» anhand eines Films, den sie zu sehen bekam: «Ein abgetrennter Kopf wird vor einer Menschenmenge geschwenkt. Die Kamera zoomt auf eine zweite blutige Leiche, die an einem Pfahl hängt, die Augen herausgerissen und ein Bündel Geldscheine in den Mund gestopft. Dies sei einer von 29 'Kriminellen, Drogenabhängigen, Schnapsbrennern und Schutzgelderpressern', die 'Lasterhöhlen' betrieben hätten, so der Sprecher auf dem Videoband. Junge Männer mit zotteligem schwarzem Haar und über die Schultern gehängten Waffen sehen dem Lynchen zu. Die Taliban haben den Job erledigt, den auszuführen die 'aufgeklärten Moderaten' ablehnen», sagt der Sprecher in Anspielung auf Muscharrafs eigenes Credo und schliesst: «Möge Gott uns Führer geben wie Mullah Omar.»

Koalition der IslamistInnen

Die pakistanischen Taliban setzen diese Art von islamischem Regime inzwischen in grösseren paschtunischen Städten ausserhalb der Stammesgebiete durch - und versuchten dies nun auch in Islamabad. Sie interpretierten Muscharrafs Entscheid zur Mitarbeit in US-Präsident George Bushs Antiterrorkoalition als «takfir», als Abfall vom Glauben. Doch so eindeutig ist dessen Haltung gar nicht, er sah sich erst durch massive Drohungen aus Washington - laut dem früheren britischen Botschafter in den USA sogar mit dem Einsatz der Atombombe gegen Taliban - dazu genötigt. Muscharrafs Militär verhaftete zwar einige Kaida-Führer - aber immer erst dann, wenn hochrangiger US-Besuch ins Haus stand. BeobachterInnen spotteten, Islamabad bediene sich jeweils aus einem heimlich für solche Fälle angelegten Vorrat. Die Taliban, die inzwischen die pakistanische Provinzhauptstadt Quetta zu ihrem Hauptquartier gemacht hatten, liess Muscharraf dagegen weitgehend ungeschoren.

In Quetta regiert die Muttahida Madschlis-i-Amal (Vereinigte Aktionsversammlung, MMA), eine islamistische Parteienkoalition. Diese wurde vom ISI zusammengeschweisst, nachdem ihre Bestandteile zuvor jahrelang konkurriert hatten und wegen des Mehrheitswahlrechts in der Opposition geblieben waren. Die liberale Presse Pakistans verspottet die MMA gerne als «Militär-Mullah-Allianz». Auf diese ist Muscharraf angewiesen: Entgegen früheren Zusagen will er sich als Staatspräsident wiederwählen lassen, ohne als Oberbefehlshaber der Streitkräfte zurückzutreten - die genauen Wahltermine Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres sind noch offen. Die säkularen Parteien Pakistans lehnen dies ab, die MMA unterstützte Muscharraf bisher.

Das letzte Bollwerk?

Gegenüber dem Westen wiederum nutzt Muscharraf die relative Stärke der IslamistInnen - von denen ein Teil ihm tatsächlich nach dem Leben trachtet - als Druckmittel. Er präsentiert sich als letztes Bollwerk gegen deren Machtübernahme, die ihnen auch den Zugriff auf Pakistans Atomwaffen sichern würde.

Der Pakistankenner Frédéric Grare von der US-amerikanischen Carnegie-Stiftung betrachtet das «Machtmonopol des Militärs und nicht die islamische Militanz» als Pakistans Hauptproblem. Er rät, Muscharraf «zu ermutigen, die Vormacht der zivilen Regierung wiederherzustellen» und «Pakistan nicht zu erlauben, Demokratisierung und Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus gegeneinander auszuspielen». Der liberale pakistanische Journalist Ahmed Rashid glaubt nicht, dass solche Empfehlungen befolgt werden: «Die USA mögen ja freie und faire Wahlen in Pakistan unterstützen, aber nicht zum Preis, dass Muscharraf die Szene verlässt», schrieb er.

Seit dem 9. März gibt es in Pakistan erstmals eine Protestbewegung gegen Muscharrafs Machtspiele. Sie wird angeführt vom Obersten Richter Iftikhar Chaudhry, den der General entlassen hatte: Chaudhry hatte sich geweigert, Muscharraf eine Carte blanche für die Wiederwahl auszustellen, und äusserte diese Absicht ausgerechnet vor Militärkadetten. Dank der Taliban in der Roten Moschee war das Thema nun eine Zeit lang aus den Schlagzeilen, aber vom Tisch ist es nicht.

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