Nr. 34/2014 vom 21.08.2014

Schnauze, ZDF!

Warum der Letzigrund so leer war.

Von Etrit Hasler

Ist ja schon was Schönes, wenn so ein sportlicher Grossanlass wieder mal in der Schweiz haltmacht wie soeben die Leichtathletik-EM in Zürich. Also nicht nur fürs Standortmarketing unserer Metropolitanzone für zugewanderte Thur- und andere Gauer. Sondern weil wir dann auch endlich wieder mal was am Fernsehen schauen können, ohne auf die Wiederholungen der «Wanderhure» zurückgreifen zu müssen. Sie haben keine Ahnung, was das ist? Da haben Sie nochmals Glück gehabt. Aber lesen Sie trotzdem noch den Kulturteil dieser WOZ, bitte.

Aber jetzt ganz im Ernst: Leichtathletik ist etwas Wunderbares. Und da kann das ZDF noch so lange unken, wie es will: Dass das Letzigrundstadion so leer war, hängt nicht etwa mit überrissenen Eintrittspreisen oder der angeblichen Schweizer Arroganz zusammen. Hätten sie wenigstens von Zürcher Arroganz gesprochen, hätte wohl die halbe Schweiz mitgenickt. Aber Sippenhaftung liegt gar nicht drin. Sollen das nächste Mal allesamt zu Hause bleiben, diese deutschen Fernsehschnösel. Mir scheint, ich schweife ab.

Vielmehr hing das halb leere Stadion doch damit zusammen, dass es sich bei der Leichtathletik um ein Sammelsurium an Sportarten handelt, das sich so wunderbar zum Fernsehkonsum eignet wie kaum etwas sonst. Vielleicht noch Baseball. Oder Sumo. Wie all die Sportarten eben, bei denen immer wieder was passiert, aber mit genügend Pausen dazwischen, damit man sich wieder in Ruhe den Dingen widmen kann, die man neben dem Fernsehschauen noch so macht. Kneipengespräche etwa. Staubsaugen. Oder für diejenigen, die über zwei Fernseher verfügen: Sich die Wiederholungen der «Wanderhure» reinziehen.

Weil, seien wir ehrlich: Live gibt so ein Event einfach zu wenig her. Handlungsorte wechseln völlig verwirrend hin und her: Da vorne ist gerade Siegerehrung, hier vorne laufen sich ein paar warm, da zieht sich einer das Trikot aus und dazu läuft irgendwo «God save the Queen» – ohne den lähmenden Filter einer Fernsehberichterstattung muss sich das wie ein ADHS anfühlen.

Kommt noch dazu, dass man im Stadion ohnehin zu weit weg von der Action ist, um irgendetwas erkennen zu können, und wenn dann endlich einmal etwas Dramatisches passiert (wie wenn zum Beispiel die Schweizer Sprinthoffnung beim Start den Stab verliert), dann hat man das eh gerade verpasst und muss darauf warten, dass auf der Grossleinwand die Wiederholung gezeigt wird. Also eben doch auch wieder Fernsehen. Nur dass man noch einen dreistelligen Betrag dafür hingelegt hat.

Da können auch die VeranstalterInnen, die sich im Nachhinein nun wahnsinnig selbstkritisch geben, nichts dafür, das liegt einfach in der Natur der Sache. Und da hilft auch keine Maskottchenkuh auf Speed namens Cooly, die zwischendurch zum Stabhochsprung aufgeboten wird. Wobei man ihr (als einziger Schweizerin) wenigstens nicht vorwerfen kann, sie habe ihren Stab nicht im Griff.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Leichtathletik macht Spass. Denen, die sie selber betreiben. Rennen, herumspringen, Zeugs durch die Gegend werfen und nochmals rennen. Also genau das, was man als Kind schon immer so gerne getan hat. Und wenn Kinder das machen, schauen wir auch nicht zu, weil wir das spannend finden, sondern weil wir aufpassen müssen, dass sie sich dabei nicht die Knochen brechen.

Als Kneipenuntermalung mag das taugen, aber als abendfüllender Event ist und bleibt das einfach eine armselige Version der Olympischen. Womit ich nicht sagen will, dass so etwas in Zürich nicht stattfinden soll – für irgendwas muss man den Letzigrund ja brauchen, wenn man ihn schon hat. Und da er als Fussballstadion nichts taugt, steht er so wenigstens nicht ganz leer.

Etrit Hasler sieht sich Sport sowieso lieber im Fernsehen an. Er nimmt immer gerne Empfehlungen für gute Sportbars entgegen, 
in denen man noch rauchen darf.

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