Nr. 21/2017 vom 25.05.2017

Langeweile mit ADHS

Etrit Hasler wünscht sich neue Fussballregeln

Von Etrit Hasler

Ich werde vor allem in letzter Zeit immer wieder fälschlicherweise als Fussballfan bezeichnet – was mich tödlich nervt. Ich liebe Sport, den Nervenkitzel, die Geschichten, die Atmosphäre. Davon bietet mir der Fussball gerade mal Letzteres. Das Gefühl, sich in einem Stadion voller Menschen dem Massengrölen hinzugeben, damit kann kaum eine andere Sportveranstaltung mithalten. Wobei, seien wir ehrlich: Gerade der Fussball ist längst nicht mehr auf die Fans im Stadion zugeschnitten, sondern auf die ZuschauerInnen an den Bildschirmen – und die mangelnde Spannung auf dem Feld wird entsprechend fernsehtauglich kompensiert – mit Schwalben, Gemeckere und Schiri-Fehlentscheiden.

Gerade Letztere wären so einfach zu beheben: Die Einführung eines Videobeweises, der sowohl von den Schiedsrichtern wie auch von den Trainern eingefordert werden kann, würde dazu führen, dass die Unparteiischen endlich mit gleich langen Spiessen hantieren dürften wie alle FernsehzuschauerInnen zu Hause. Dagegen wehrt sich der veränderungsresistente Weltfussballverband Fifa mit genau zwei Argumenten: Erstens gehöre die Ungerechtigkeit zum Fussball. Und zweitens dauere es zu lange.

Das erste Argument ist idiotisch; sonst können wir die Schiedsrichter gleich ganz abschaffen und durch einen computergenerierten Zufallsgenerator ersetzen. Und das zweite ist schnell widerlegt: Wenn wir mit maximal zehn Minuten rechnen, die die Konsultation der Videobildschirme pro Spiel in Anspruch nehmen dürfte, kürzen wir einfach die Spiele um zehn Minuten.

Das klingt nach Sakrileg, löst aber ein weiteres Grundproblem des Fussballs: Die Spiele dauern viel zu lange. Kein Wunder, ist der Fussball die wohl einzige Profisportart, bei der es völlig akzeptabel ist, SpielerInnen auf dem Feld in einem gemütlichen Spaziergang auf- und abgehen zu sehen. Das liegt ja nicht nur an deren Passivität, sondern vielmehr daran, dass es schlichtweg menschenunmöglich ist, zweimal 45 Minuten mit derart hohen Geschwindigkeiten zu rennen. Spätestens in der Verlängerung gehen selbst durchtrainierte TopathletInnen auf dem Zahnfleisch, wenn sie bis dahin schon zehn Kilometer gerannt sind.

Apropos Passivität: Die taktische Variante des «Ballhaltens» (im Volksmund besser bekannt als «hine umechügele» oder – wie ich es nenne – die kapitalistische Unfähigkeit, den Ball mit dem Gegner zu teilen) gehört unterbunden. Dafür gibt es diverse Vorbilder, die man sich nehmen könnte, sei das die Spieluhr aus dem Basketball, die Strafe für passives Spiel aus dem Handball oder aber auch eine Regel, die nach einer bestimmten Anzahl Pässe einen Abschlussversuch vorsieht. Jaja, ich weiss, das wäre das Ende des Tiki-Taka, aber die famose spanische Spielweise ist ja auch nur gepflegte Langeweile mit ADHS.

Wo wir gerade dabei sind: Die Regeln für Auswechslungen gehören abgeschafft. Es gibt keine idiotischere Situation im Fussball als die, wenn ein Verein dafür bestraft wird, dass sich einE SpielerIn verletzt hat, aber die drei Auswechslungen schon aufgebraucht sind. Dabei sollte man sich daran erinnern, dass diese Regel erst eingeführt wurde, als Uruguay unter anderem deswegen 1930 Weltmeister wurde, weil es die gegnerischen Mannschaften konsequent massakrierte.

Dabei wäre die Lösung so einfach: Alle siebzehn SpielerInnen, die auf dem Matchblatt stehen, dürfen frei ein- und ausgewechselt werden. Was im Eishockey funktioniert, wird auch die FussballschiedsrichterInnen nicht heillos überfordern – insbesondere wenn sie im Zweifelsfall auf Videobilder zurückgreifen dürfen.

Das Resultat wären kürzere Spiele mit weniger müden SpielerInnen. Und wir müssten uns nie mehr jemanden im Fernsehen ansehen, der gemütlich über einen Rasen joggt, während er Millionen verdient.

Etrit Hasler ist Fan. Aber vorzugsweise bei Sportarten, bei denen auch wirklich etwas auf dem Feld passiert.

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