Nr. 04/2015 vom 22.01.2015

Auf zum Mehrkampf!

Für die Wiederbelebung aussterbender Barsportarten.

Von Etrit Hasler

Ich habe mich über diese Winterpause vermehrt mit den sogenannten Barsportarten beschäftigt.

Also denjenigen, die man in Bars betreibt, nicht denjenigen, die man in Bars schaut. Die zweite Kategorie scheint zumindest bei uns schon ausgestorben zu sein – Abwechslung besteht heutzutage darin, dass zwischen Bundesliga und Premier League umgeschaltet wird.

Nein, die Rede ist von Darts, Pool (fälschlicherweise besser bekannt als Billard), Töggelen (aka Tischfussball), Jassen, Nageln, Hufeisenwerfen – ich bin sicher, gerade bei den handwerklich Inspirierten vergesse ich ein paar. Diejenigen Sportarten also, mit denen sich Generationen von BarbesucherInnen die Zeit beim Feierabendbier und darüber hinaus vertrieben haben, weil Konversation nicht so ihr Ding war. Was vielleicht auch besser so ist. Stecken Sie einen Haufen Menschen ohne Ablenkung miteinander in einen Raum bei unbeschränkter Alkoholzufuhr – das wird zwangsläufig in einem Chaos enden. Ich sage nur: Weihnachtsfeiern. Parlamentspräsidiumsfeiern. Alles, was mit dem Wort «feier» endet. Ausser vielleicht Schafeier. Aber ich schweife ab.

Heute sind diese Sportarten leider nicht mehr so gefragt. Mit Schrecken habe ich feststellen müssen, dass der Ostschweizer Dartverein beispielsweise heute in Dozwil beheimatet ist, wo seine Mitglieder darauf warten, vom Ufo abgeholt zu werden. Gejasst wird eigentlich nur noch im Altersheim. Und Hämmer und Hufeisen sind aus Bars mehrheitlich entfernt worden – was vielleicht auch besser so ist.

Natürlich, niemand braucht diese Sportarten mehr. Wer sich heute jeglicher Konversation verweigern will, starrt auf einen Flatscreen, um irgendeiner Fussballübertragung zu folgen. Und in den Werbepausen starren wir in unsere Smartphones. Problem gelöst.

Vielleicht liegt es ja daran, dass jede einzelne dieser Sportarten für sich allein einfach zu wenig spannend ist. Wer zu lange Dart spielt, kriegt einen Bierbauch – ja, auch die Frauen. Wer zu lange seinen Bierkonsum mit nichts als Jassen begleitet, beginnt mit der flachen Hand auf Tischplatten herumzuhauen und SVP-Parolen zu brüllen. Und fürs Töggelen wird man einfach irgendwann zu alt: Das Durchschnittsalter der Menschen, die in Bars rumhängen, in denen es einen solchen Kasten gibt, ist über Jahrzehnte konstant bei siebzehn stehen geblieben. Und auch wenn es natürlich Spass macht, irgendwo in der Schweiz die lokale Dorfjugend mit 7:0 und 6:1 abzufertigen (wobei die 1 natürlich ein Eigentor sein muss), früher oder später gehört man mit grauen Haaren einfach nicht mehr dazu. Und/oder ist pädophil.

Ich habe die Lösung gefunden: Barmehrkampf – eine Kombination mehrerer dieser Sportarten. Also eine Runde Jassen, eine Runde Darts, eine Runde Töggelen. Von mir aus kann man auch noch eine Runde einschalten, bei der man Nägel in Holz schlägt, aber da hätte ich gerne einen Einwechselspieler. Und eben: Einen Hammer am Türsteher vorbeizuschmuggeln, ist (glücklicherweise) nicht ganz so einfach. Bei so einem Mehrkampf bleibt die Abwechslung, womit die Verblödungsgefahr eingeschränkt wird. Da man als Gruppe unterwegs sein muss, ist auch der Pädophilievorwurf beim Töggelen ausgeräumt – gespielt wird untereinander, und solange man nicht auf die Idee kommt, die Kiddies dabei zu stören, wie sie in irgendwelche Bildschirme starren, kommt man gar nicht mit ihnen in Kontakt. Insbesondere, wenn bei jeder Disziplin die Bar gewechselt wird.

«Moment», mögen Sie jetzt einwerfen: «Man kann doch nicht einfach völlig verschiedene Sportarten mit völlig verschiedenen Regeln miteinander in Verbindung bringen.» Quatsch. Widersprüchliches unter einen Hut zu kriegen, ist gerade in Mode. Oder haben Sie nicht zugesehen, wie Viktor Orban und François Hollande gemeinsam für die Medienfreiheit demonstriert haben?

Etrit Hasler ist Bargänger, Hobbytöggeler und -dartwerfer. Das Jassen hat ihm seine Grossmutter zu spät beigebracht, aber sogar daran versucht er sich manchmal.

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