Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Der rasende Botschafter des Sandinismus

Der Unternehmer Eduardo Kühl wurde 1979 durch einen Zufall das erste öffentliche Gesicht des revolutionären Nicaragua in Europa. Seine Geschichte zeigt viel vom Auf und Ab des Landes, in dem am nächsten Wochenende Präsident Daniel Ortega wiedergewählt wird, obwohl dies gar nicht möglich sein sollte.

Von Toni Keppeler, Matagalpa

Er kennt sie alle – und zwar persönlich. Nicaraguas Präsident Daniel Ortega, Tomás Borge, den letzten lebenden Mitbegründer der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN, und all die anderen, die in der Regierungspartei etwas zu sagen haben. Miguel d’Escoto, Aussenminister im revolutionären Jahrzehnt Nicaraguas, war sogar einmal sein Chef. Und er kennt auch die anderen, die Pellas, Chamorro und Lacayo, jene «grossen» Familien, denen halb Nicaragua gehört. Und die politische Rechte: Arnoldo Alemán, den wegen Korruption verurteilten Expräsidenten, und Fabio Gadea, den ehemaligen Propagandisten der antisandinistischen Guerilla der Contras, der bei der Wahl am 6. November Ortega aus dem Präsidentenamt verdrängen will (vgl. «Manipulation vor der Wahl»).

Heute kann Eduardo Kühl mit ihnen allen freundlich plaudern, auf der Terrasse seines Hotels Selva Negra in den mit Kaffeesträuchern bestandenen Bergen nördlich der Provinzstadt Matagalpa. Fast jeden Abend kommt der kleine Mann mit dem grauen Vollbart und der grossen Brille für ein paar Stunden auf diese Terrasse und setzt sich ungefragt zu seinen Gästen. Sie nennen ihn «Eddy»; er macht gerne Witze. Das Hotel läuft ganz ordentlich, und die Preise für den Biokaffee, den er auf 400 Hektaren anbaut, stehen hoch. Es geht ihm gut.

Kühl war nicht immer so entspannt. «Ich habe es oft bereut, mich in die Politik gestürzt zu haben», sagt er. Seine Familie habe darunter gelitten. «Aber auf lange Sicht ist dann doch alles gut gegangen.»

Eduardo Kühl ist 1978 unter abenteuerlichen Umständen vor dem Diktator Anastasio Somoza ins Exil geflohen. Und kaum waren die SandinistInnen an der Macht und er aus dem Exil zurückgekehrt, ging er wieder, weil er es auch mit Revolutionsführer Daniel Ortega nicht konnte. In den Wochen dazwischen aber wurde Eduardo Kühl in Europa als erstes öffentliches Gesicht der nicaraguanischen Revolutionsregierung wahrgenommen. Im Monat nach dem Sturz des Somoza-Regimes am 19. Juli 1979 war er erst Botschafter Managuas in Deutschland, dann in Belgien, Frankreich und Spanien. Zwar überall nur für ein paar Tage, aber eben für ein paar entscheidende Tage.

Es war Zufall. Kühl war nie ein Sandinist. «Das Militärische, Befehl und Gehorsam, das war nie meine Sache», sagt er. «Ich war immer Zivilist.» Und immer Kapitalist. «Aber immer mit sozialer Verantwortung.»

Der Garde davongefahren

Kühl ist Enkel eines deutschen Einwanderers, der die Provinz Matagalpa zusammen mit anderen Deutschen zur Kaffeeplantage Nicaraguas gemacht hat. Er spricht nur noch wenige Brocken der Sprache seines Grossvaters – «arbeiten» ist eines der letzten Worte, die ihm geblieben sind. Aber einen deutschen Pass hat er noch, und der rettete ihm das Leben.

Das war 1978, im letzten Herrschaftsjahr des Tyrannen Anastasio Somoza. Kühl war schon unangenehm aufgefallen, weil er bei einer Versammlung des Unternehmerverbands Cosep öffentlich den Rücktritt des Diktators gefordert hatte. Aber noch war er sicher. Denn Kühl war zusammen mit den Söhnen der grossen Familien auf ein Eliteinternat in Granada gegangen. Danach hatte er Bauingenieurswesen studiert und zusammen mit seiner Frau eine Firma für Fertighäuser mit siebzig Beschäftigten aufgebaut. Er wohnte in einer der besten Gegenden Managuas und fuhr einen schnellen Alfa Romeo. Den konnte er am 10. September 1978 gut gebrauchen.

Es war morgens um sechs und gerade hell, da klopfte es an Kühls Tür. Draussen stand eine junge Frau im roten T-Shirt, begleitet von einem Mann. Sie hatte Blätter in ihren langen dunklen Locken. Eddy Kühl kannte sie: Daisy Zamora, die Ehefrau seines Studienfreundes Dionisio Marenco, genannt «Nicho». Marenco und Kühl hatten an der Zentralamerikanischen Universität von Managua einen christdemokratischen Studentenverband gegründet und geleitet. Marenco war von 2005 bis 2009 sandinistischer Bürgermeister von Managua. Er hat damals gute Arbeit geleistet und ist deshalb nicht nur bei den SandinistInnen beliebt. Es gilt als Geheimtipp für eine mögliche Nachfolge von Ortega.

«Wir haben gestern Nacht die Kaserne der Nationalgarde überfallen», flüsterte Zamora an jenem Morgen. Es war die erste koordinierte Militäraktion der sandinistischen Guerilla in den Städten. Nicht nur die Kaserne in Managua war angegriffen worden, sondern auch die Kasernen in Diriamba, León, Masaya und Matagalpa. Marenco hatte den Angriff von Managua befehligt.

«Sie haben Nicho eingekreist», sagte Zamora und erklärte, wo er sich verstecke. Kühl holte den Alfa aus der Garage und fuhr langsam durch das Wohngebiet, in dem der Freund in Nöten war. «Ich musste durch eine Strassensperre der Nationalgarde», erinnert er sich. «Aber denen sagte ich, ich führe nach Diriamba.» Als Kühl im Gebüsch Bewegungen wahrnahm, öffnete er die hintere Wagentür, und Marenco und ein zweiter Guerillero hechteten ins langsam vorbeifahrende Auto. «Die Nationalgarde hat noch geschossen. Aber ich drückte aufs Gas und war weg.»

Repräsentant aus Zufall

Die Guerilleros wurden in eine klandestine Wohnung gebracht. Drei Tage später kam die Nationalgarde zu Kühl nach Hause. Er wollte gerade durch den Hinterausgang fliehen, da sprangen die Soldaten schon über die Gartenmauer. «Halt!», schrien sie, und Kühl fragte, nach wem sie denn suchten. Sie sagten: «Nach Eduardo Kühl.» – «Der ist nicht da», antwortete Kühl. «Dies ist das deutsche Konsulat.» Tatsächlich war das Konsulat gleich in der Nähe. Kühl nutzte die Verwirrung der Soldaten zur Flucht.

Ein Nachbar hat ihn zunächst versteckt. Seine Frau ging zur Botschaft, und kurz darauf kam ein Fahrer im Dienstmercedes und brachte das Ehepaar zunächst in die Residenz des Gesandten und dann in die Botschaft. Am nächsten Morgen um 5.30 Uhr sollte es zum Flughafen gehen.

Alles schien glattzulaufen. Doch kurz vor dem Flughafen hatte das Militär die Strasse gesperrt. «Der Fahrer drückte einfach aufs Gas und raste durch», erzählt Kühl noch heute ganz atemlos. «Die Front des Mercedes war völlig zerdellt, die Windschutzscheibe eingedrückt.» Aber sie kamen durch. Kühl und seine Frau nutzten das Chaos und nahmen den nächsten Flug nach Costa Rica.

In Costa Rica residierte die «Gruppe der Zwölf – das zivile Gesicht der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN –, aus der dann später die provisorische Regierung des nationalen Aufbaus hervorging. «Ich sollte Mitglied werden», erzählt Kühl. «Aber ich wollte nicht. Ich arbeitete mit ihnen zusammen, aber ich blieb immer unabhängig.» Nur einen einzigen offiziellen Job hat er übernommen: Als die FSLN im Juli 1979 zur Hauptversammlung der Sozialistischen Internationalen in Stockholm als Gast geladen worden war, reiste Kühl als ihr Repräsentant an.

Den 19. Juli 1979, den Tag des Triumphs der Revolution, verbrachte Kühl im Flugzeug über dem Atlantik. Als er in Stockholm landete, war er plötzlich der Star der Versammlung. Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky war da, der schwedische Sozialdemokrat Olof Palme, François Mitterrand, damals Vorsitzender der französischen Sozialistischen Partei, «aber bei den Pressekonferenzen wollten alle nur etwas von mir». Er erinnert sich noch gut, wie er da, 39 Jahre alt, zum ersten Mal in seinem Leben vor Fernsehkameras sass. «Ich hielt mich an das Programm der Regierung des nationalen Aufbaus: Blockfreiheit und ein Wirtschaftssystem mit privaten, kooperativen und staatlichen Unternehmen.» Auch auf heikle Fragen hatte er eine Antwort. Zu Kuba: «In den nächsten fünf Jahren wird es keine diplomatischen Beziehungen geben, um niemand auf falsche Gedanken zu bringen.» Das war vorher so abgesprochen worden. Und zu den USA, ganz typisch Eddy Kühl: «Nicaragua beabsichtigt nicht, in die Vereinigten Staaten einzumarschieren.» Er erntete Gelächter.

Vierfacher Botschafter

Drei Tage später erhielt er einen Anruf des deutschen SPD-Politikers Hans-Jürgen Wischnewski, damals Staatsminister im Bundeskanzleramt. Er lud Kühl nach Bonn ein, denn dort gab es Probleme. In der nicaraguanischen Botschaft residierte noch immer der Gesandte Somozas, davor gab es Demonstrationen. «Wischnewski sagte mir: Übernimm du die Botschaft.» Und um Kühl das Ganze schmackhaft zu machen, fragte er noch: «Was brauchst du?» Kühl antwortete: «Ein Krankenhaus.» Und Wischnewski sagte zu seinem Assistenten: «Schick ein Feldlazarett.» Trotzdem lehnte Kühl ab. Er habe kein Beglaubigungsschreiben seiner Regierung. Doch Wischnewski sagte nur: «Ich regle das», und zeigte am nächsten Tag ein entsprechendes Telex aus Managua.

Kühl zauderte noch immer. «Ich hatte ja keine Ahnung, wie man das macht: eine Botschaft übernehmen.» Doch Wischnewski stellte ihm einen jungen Mann zur Seite, und der sagte ihm, er müsse die Flagge, die Siegel und die Schlüssel des Dienstwagens verlangen, und so wurde es dann gemacht. «Danach ging ich hinaus und beruhigte die Demonstranten.» Weil das so reibungslos gegangen war, kamen sofort Anfragen aus Brüssel, Paris und Madrid, wo es ähnliche Probleme vor den nicaraguanischen Botschaften gab.

Ein Orden für den Hobbyhistoriker

In zwei Wochen wurde Kühl so zum Botschafter in vier Ländern. In Paris sagte ihm der Oppositionsführer Mitterrand, man wünsche sich eine sozialdemokratische Regierung in Managua. In Madrid wurde er ins Parlament eingeladen. Er war bei diplomatischen Empfängen, hielt Reden und gab Pressekonferenzen. «Ich stützte mich dabei immer auf das Programm der Regierung des nationalen Aufbaus, obwohl das schon keine Rolle mehr spielte und man nur noch von der sandinistischen Regierung sprach.» Aber Kühl war weit weg und wusste das nicht.

In Madrid erfuhr er von einer offiziellen Delegation aus Managua, die auf der Durchreise nach Libyen war. Das gefiel ihm nicht. Kurz darauf wurde er von Miguel d’Escoto, dem ersten Aussenminister der revolutionären Regierung, zurück nach Managua beordert. «D’Escoto war sehr freundlich», erinnert sich Kühl. «Immerhin hatte ich in den zwei Wochen 150 Millionen US-Dollar Hilfsgelder eingesammelt.» Pro forma sei ihm ein Diplomatenjob in Norwegen oder Schweden angeboten worden, aber Kühl lehnte ab. Er wollte sich um seine Firma kümmern, die von den Schergen Somozas geplündert worden war, und um die Kaffee-Finca bei Matagalpa.

Doch lange hielt Kühl das nicht aus. «Das militärische Gebaren der Befreiungsfront setzte sich schnell im Alltag durch», sagt er. «Überall waren Soldaten auf den Strassen.» Seine Frau wollte nicht, dass die vier Töchter in einem solchen Umfeld aufwachsen, und so ging die Familie zunächst nach Deutschland. «Ich merkte sehr schnell, dass ich diese Sprache nie lernen werde, aber ich wollte arbeiten.» So zog die Familie weiter in die USA. Dort regierte inzwischen der Republikaner Ronald Reagan, und der nahm gerne alle auf, die das revolutionäre Nicaragua verlassen wollten. Kühl arbeitete als Tiefbauingenieur in Houston und kehrte erst 1990 nach der ersten Wahlniederlage der SandinistInnen nach Nicaragua zurück. «Meine Kaffeefinca wurde nie verstaatlicht», sagt er. «Vielleicht wegen meiner frühen Verdienste für die Regierung.»

Daniel Ortega hat ihm in seiner jetzigen zweiten Amtszeit als Präsident sogar den höchsten Orden des Landes umgehängt. Nicht wegen Kühls kurzer diplomatischer Meriten, sondern weil er sich als Hobbyhistoriker mit einem Dutzend Bücher um die Aufarbeitung der Geschichte Nicaraguas verdient gemacht hat.

Hat er denn nie Lust gehabt, zurück in die Politik zu gehen? «Es hat mir durchaus gefallen», sagt er. «Reden halten, die Menschen beeinflussen.» Aber letztlich gehe es in der nicaraguanischen Politik doch nur «um Macht und Demagogie.»

Manipulation vor der Wahl

Ortega – der ewige Präsident

Wenn der Sandinist Daniel Ortega am 6. November zum dritten Mal insgesamt und zum zweiten Mal in Folge zum Präsidenten von Nicaragua gewählt wird, werden die Oppositionsparteien «Wahlbetrug» schreien. Sie haben nicht einmal unrecht. Denn die Verfassung des Landes sieht vor, dass kein Präsident die direkte Wiederwahl anstreben darf. Für eine Verfassungsänderung fehlt Ortega die Mehrheit im Parlament. Stattdessen wies er das von ParteigängerInnen kontrollierte Verfassungsgericht an, den entsprechenden Verfassungsartikel für verfassungswidrig zu erklären.

Auf dieser Rechtsgrundlage kandidiert Ortega nun erneut und wird – glaubt man den Umfragen – gewinnen. Nach dem Wahlrecht genügen 35 Prozent der Stimmen und ein Vorsprung von 5 Prozentpunkten vor dem Nächstplatzierten, um im ersten Wahlgang gewählt zu werden. Ortega trauen Umfragen knapp über 40 Prozent zu. Die Stimmen der zerstrittenen rechten Opposition verteilen sich auf vier Kandidaten.

Von diesen hat einzig der Radiounternehmer Fabio Gadea den Hauch einer Chance, Ortega in eine Stichwahl zu zwingen. Der 79-Jährige war in den achtziger Jahren Propagandist der von Washington finanzierten antisandinistischen Contra-Guerilla. Beim Volk ist er beliebt; allerdings nicht als Politiker, sondern als Schöpfer der Kunstfigur Pancho Madrigal. Die Geschichten dieses bauernschlauen Nicaraguaners laufen seit fünfzig Jahren über Gadeas Sender. Jeder in Nicaragua kennt sie.

Eine positive Nachricht wenigstens gibt es zu dieser Wahl: Arnoldo Alemán, der von 1997 bis 2002 der wohl korrupteste Präsident Nicaraguas war – 2003 wurde wegen Veruntreuung von zehn Millionen US-Dollar Staatsgeldern zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, das Urteil wurde 2009 aufgehoben – und der zusammen mit Ortega für zwei Jahrzehnte die Geschicke des Landes bestimmte, tritt zwar wieder an. Aber er scheint ohne jegliche Chance zu sein.

Toni Keppeler

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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