Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Bilder einer Revolution

Wie geht es überzeugten SandinistInnen dreissig Jahre nach der Revolution? Drei Fotos führen zu drei sehr verschiedenen Lebensentwürfen.

Von Ralf Leonhard, Managua

«Neidische Zeitgenossen sagen, das Foto sei gestellt.» Pablo Araúz schüttelt entrüstet den Kopf. «Dabei habe ich erst erfahren, dass es dieses Foto gibt, als ein Nachbar mir eine Streichholzschachtel zeigte, auf der es reproduziert war.»

Das Foto war in kürzester Zeit zum Symbol des Aufstands einer verzweifelten Bevölkerung gegen den Unterdrückungsapparat von Diktator Anastasio Somoza und für die sandinistische Revolution in Nicaragua geworden: Ein unrasierter junger Mann mit schwarzer Baskenmütze und grünem Hemd ist im Begriff, eine zum Molotowcocktail aufgerüstete Cola-Flasche gegen einen nicht sichtbaren Gegner zu schleudern. Im Hintergrund sieht man Teile eines Panzers, den die Rebellen gerade gekapert haben. Die Szene spielt vor dem Sitz der Nationalgarde in Estelí, der grössten Stadt im Norden Nicaraguas, rund 150 Kilometer von Managua.

Auf Zelluloid verewigt wurde die Szene von Susan Meiselas, einer US-Fotografin. Sie begleitete den Volksaufstand und die ersten Jahre der Revolution. Araúz wusste, dass die Fotografin den ganzen Tag mit seiner Schwadron unterwegs war. Doch in der Hitze des Gefechts nahm er die junge Frau, die immer wieder Deckung suchte, gar nicht wahr.

Araúz erinnert sich gerne an damals. Die Kaserne von Estelí fiel schliesslich in die Hände der RebellInnen. Somoza war bereits in die USA geflohen; US-Präsident Jimmy Carter hatte ihm die schützende Hand entzogen. Kurz nach dem Fall von Estelí, am 19. Juli 1979, zogen die Guerilleros der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) in Managua ein.

Revolutionäre Familie

Jetzt sitzt der Mann, der immer noch jugendlichen Tatendrang ausstrahlt, ohne Hemd in seinem Wohnzimmer in Somoto, 220 Kilometer nördlich von Managua. Feine Wassertröpfchen eines heftigen tropischen Regengusses dringen durch das Dach.

Araúz bekam die Rebellion in die Wiege gelegt: «Meine Tante war Blanca Araúz de Sandino, die Frau des Befreiungshelden Augusto César Sandino», des legendären Generals, der es in einem zähen Kleinkrieg mit einer schlecht bewaffneten Bauernguerilla schaffte, die Besatzungsarmee der USA zu vertreiben, die Nicaragua während über zwanzig Jahren bis 1932 praktisch zum Protektorat Washingtons gemacht hatte.

Sandino wurde 1934 nach dem Friedensschluss zwischen Regierung und Guerilla auf Befehl von General Anastasio Somoza García ermordet. Somoza, Kommandant der Nationalgarde, putschte sich 1936 an die Macht, Sandinos Angehörige flohen für Jahre ins Exil. Pablo Araúz’ Vater verbrachte Jahre in Kuba. Als er seinen Vater 1970 mit zwölf Jahren das erste Mal sah, hatte Araúz, der mit der Mutter und den Geschwistern im Grenzort El Espino aufwuchs, bereits Erfahrungen als Bergführer. Immer wieder schmuggelte er politisch Verfolgte über Bergpfade nach Honduras.

In der Schule schloss er sich der Revolutionären StudentInnenbewegung (FER) an, einer Unterorganisation der 1962 gegründeten FSLN. Schon damals trug er das Pseudonym «Bareta» – ein Name, der vom Etikett seiner Jacke aus dem Kragen lugte. 1977 ging der damals Neunzehnjährige in den Untergrund.

Gutes Auge

Als Pablo Araúz sich ganz dem Befreiungskampf widmete, war José Fernando Canales gerade zehn Jahre alt und lebte mit seiner Familie in Costa Rica. Im Oktober 1977 hatten einige jugendliche Sandinisten aus der Inselgemeinde Solentiname des Priesterpoeten Ernesto Cardenal die Kaserne im Städtchen San Carlos attackiert. Der Überfall löste eine Repressionswelle in der entlegenen Gegend am Grenzfluss Río San Juan zwischen Nicaragua und Costa Rica aus. Viele Kleinbauern und Kleinbäuerinnen flohen deshalb zu Verwandten über die Grenze. Erst nach dem Sieg der SandinistInnen kehrte die Familie Canales’ auf ihr Land zurück. José Fernando wurde bald in die Sekundarschule in San Carlos geschickt, wo er bei Verwandten lebte und sich mit Hilfsarbeiten für die lokale Vertretung des Gesundheitsministeriums etwas dazuverdienen konnte.

Canales’ Stunde schlug 1986. Mit zwei Freunden hatte er sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet. «Bevor sie uns auf der Strasse rekrutierten, wollten wir den zweijährigen Wehrdienst lieber freiwillig antreten», sagt er heute. Er wurde einer Einheit zugeteilt, die an den neuen sowjetischen Boden-Luft-Raketen ausgebildet wurde. Die wärmegesteuerten Waffen mit einer Reichweite von über 2000 Metern erforderten ein gutes Auge. Man musste den richtigen Moment erwischen, um die Raketen auf ein bewegliches Ziel abzufeuern.

Eines Tages erreichte die Kompanie einen Ort namens El Fajardo, von dem bekannt war, dass in der Nähe Waffen und Verpflegung für die Contras abgeworfen wurden. Tatsächlich ortete der Trupp bald ein Kleinflugzeug am Himmel. Canales brachte seine Rakete in Stellung, wartete, bis das Flugzeug nahe genug war – und schoss. Das Geschoss durchschlug die Tragfläche, und Canales konnte sehen, wie sich ein Fallschirm aus der trudelnden Maschine löste. Stunden später fand die Kompanie das Wrack mit drei Leichen, Waffen, Nahrung und 1200 Paar Militärstiefeln in einem Fluss. Sie konnte dem Logbuch entnehmen, dass ein vierter Mann an Bord gewesen sein musste. Ihn fanden sie erst am nächsten Tag in einem Bauernhaus: Eugene Hasenfus, Vietnamveteran und US-Söldner im Dienst der Contras. Er sollte zum Kronzeugen in einem Skandal werden, der als Iran-Contra-Affäre bekannt wurde: US-Präsident Ronald Reagan und sein Küchenkabinett hatten jahrelang am Kongress vorbei die Contras durch Drogengeschäfte und verdeckte Waffenlieferungen an den Iran finanziert.

Grosszügige Revolution

Erst zwei Tage nach dem Abschuss wurde die Presse im Helikopter eingeflogen. Die Soldaten hatten strenge Anweisung, gegenüber den JournalistInnen keine Erklärungen abzugeben. Doch Fernando rückte als erfolgreicher Schütze ins Zentrum des perfekten Bildarrangements: Der kleine junge Mann in Tarnuniform und mit welligem Haar führte den um einen Kopf grösseren Söldner an der Leine. Canales erinnert sich an die letzte Begegnung mit dem Mann, der ihn berühmt machen sollte. «Guter Schuss», hatte dieser anerkennend gemurmelt. Tags darauf wurde dem jungen Rekruten der höchste Orden der Sandinistischen Volksarmee verliehen.

Für Canales war mit diesem Auftritt der zweijährige Wehrdienst nach einem halben Jahr praktisch beendet. Er wurde zunächst nach Kuba geschickt, wo er Urlaub machen konnte und als Held herumgereicht wurde. Im November folgte eine Einladung von Solidaritätsgruppen nach Italien und in die Schweiz. Danach konnte er auf Kosten der FSLN die Schule abschliessen, um dann seinen Traum zu erfüllen und ein Medizinstudium zu beginnen.

Eugene Hasenfus wurde in Managua vor Gericht gestellt, zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt – und noch vor Weihnachten begnadigt und nach Hause geschickt. Als Gefangener nützte er niemandem mehr. Die Revolution konnte sich grosszügig zeigen.

Schöne Zeit, hoher Preis

Dort, wo Nicolasa Loáisiga lebte, waren die Guerilleros immer wieder durchgezogen, als sie noch klein war. Das Bergland von Matagalpa im Zentrum von Nicaragua war schwieriges Terrain für die «muchachos». Stets in Gefahr, von konservativen Bauern und Bäuerinnen verraten zu werden, führten sie einen Krieg, in dem sie das offene Gefecht mieden und die Nationalgarde durch Hinterhalte auszubluten suchten.

«Ich war immer schon von Uniformen fasziniert», gesteht die heute Vierzigjährige, deren Eltern als landlose Bauern vor allem von der Erntearbeit auf den Kaffeeplantagen lebten. Die Revolution hatte aus der Plantage einen Staatsbetrieb (UPE) gemacht. Als die Contras, die konterrevolutionären Truppen, ab Anfang der achtziger Jahre immer häufiger vom Norden her einsickerten, wurde daraus bald auch ein Wehrverband.

Unter dem zunehmenden Druck der Contras wurde 1983 der Wehrdienst für männliche Jugendliche eingeführt. Mit Begeisterung meldete sich auch Loáisiga und streifte die olivgrüne Uniform der Milizen über. Eine schöne Zeit sei das gewesen, allerdings auch eine traurige. Zwei ihrer Brüder fielen bei einem Überfall der Contras. Loáisigas Einheit musste die Leichen bergen. 1985 wurde sie schwanger und verliess die Armee.

Es muss bald nach der Geburt ihrer Tochter Yelba Carolina gewesen sein, als eine Schweizer Brigade auf der UPE eintraf, um Häuser zu bauen. Rund 800 SchweizerInnen waren in den achtziger Jahren nach Nicaragua gegangen, um die Revolution zu unterstützen. Die SchweizerInnen machten viele Fotos, auch von Loáisiga in der Milizuniform mit dem Baby. Doch die junge Frau auf dem Foto von damals ist in Loáisiga kaum wiederzuerkennen. Ihr Gesicht ist gezeichnet von der Armut und den Entbehrungen während ihrer Militärzeit, als es oft nicht genug zu essen gab.

Dennoch war sie 1987 noch ein zweites Mal mit der Armee unterwegs. Die Kooperativen und Staatsfarmen waren verpflichtet, Mitglieder oder ArbeiterInnen für den Kriegsdienst zu stellen. Als zweiter Sergeant diente sie einige Monate in einem Pionierbataillon, wo sie immer wieder in Kämpfe verwickelt war. Nach einem halben Jahr kehrte Loáisiga zurück, arbeitete auf der Plantage und wurde nebenher von der LandarbeiterInnengewerkschaft ATC zur Gewerkschaftsfunktionärin ausgebildet.

Veränderte Welt

Die Silhouette von Pablo «Bareta» Araúz mit dem Molotow wurde in Nicaragua fast so berühmt wie Alberto Kordas Porträt von Che Guevara. Jahrelang zierte sie den Kopf des sandinistischen Parteiorgans «Barricada». Araúz selbst blieb dem bewaffneten Kampf treu. Nach einem Zwischenspiel beim militärischen Geheimdienst ging er zur Armee und kämpfte in ungezählten Gefechten und Operationen gegen die Contras.

Die sandinistische Regierung unter dem 1984 gewählten Präsidenten Daniel Ortega begann 1988 auf ausländischen Druck hin mit den Contras zu verhandeln und schloss mit ihnen einen Waffenstillstand, der zur Verkleinerung der Armee führte. Araúz nahm den Abschied. Stolz sagt er: «Die Regierung hat uns eine Entschädigung angeboten, aber ich habe keine Abfindung und auch kein Land genommen.»

Zur Zeit der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 1990 in Nicaragua hatte sich mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Welt verändert. In kürzester Zeit waren die europäischen Satellitenstaaten der Sowjetunion ins westliche Lager gekippt. Auch in Nicaragua war der Fall des wichtigsten militärischen und wirtschaftlichen Partners spürbar. Der Krieg hatte zum wirtschaftlichen Niedergang geführt, die Reformen der Regierung griffen nicht genug. Für eine zweite Amtszeit fehlten Ortega zudem die Stimmen jener, die den 1984 eingeführten Wehrdienst wieder abgeschafft haben wollten. «Hätte Ortega damals nachgegeben, hätte er zwar die Wahl gewonnen, aber die Contras nicht in Schach halten können, und der Krieg wäre weitergegangen», sagt Araúz heute. Zwar herrschte in Nicaragua Waffenruhe, doch die bewaffneten Contras zogen weiter durchs Land. Die Menschen hatten genug vom Krieg. In der Folge gewann die Opposition mit Violeta Barrios de Chamorro deutlich. Das sandinistische Jahrzehnt war zu Ende.

Zeit ihres Lebens

In Araúz’ Leben änderte sich danach nicht viel. Seit seinem Austritt aus der Armee schlägt er sich als Lastwagenchauffeur und Mechaniker durch. Einige Zeit lebte er gar in den USA.

José Fernando Canales, der glückliche Schütze, machte eine Bilderbuchkarriere, der auch die konservativ-liberalen Regierungen der neunziger Jahre nichts anhaben konnten. Er promovierte an der medizinischen Fakultät der Autonomen Universität von Nicaragua und bekam bald einen Verwaltungsposten im Gesundheitsministerium. Während der Regierung des antisandinistischen Präsidenten Arnoldo Alemán (1997 bis 2002) arbeitete er als Direktor des Gesundheitsministeriums im Bezirk El Castillo und spezialisierte sich später auf Epidemiologie.

Weniger gut ist es für Nicolasa Loáisiga gelaufen. Nach dem Ende der Revolution wurde ihre Staatsfarm privatisiert. Die Familien der LandarbeiterInnen mussten weg. «Ich blieb zunächst in der Gewerkschaft», sagt Loáisiga. Aber davon habe sie nicht leben können. Ein Kollege, der ein Gästehaus in Managua aufgemacht hatte, bot ihr einen Job als Kellnerin an. Doch nach einigen Jahren musste er den Betrieb schliessen. Loáisiga stand mit ihren beiden Töchtern auf der Strasse. Heute ist sie arbeitsunfähig: «Ich habe ein Leberleiden und muss Medikamente schlucken, die mich jede Woche 500 Córdobas kosten.» Die Kosten dafür belaufen sich monatlich umgerechnet auf fast hundert US-Dollar – mehr, als viele im Monat verdienen.

Loáisiga, ihre Töchter und die vierjährige Enkelin Milagros wohnen heute in einem Haus, das ihrer Schwägerin gehört, im Ort San Isidro Cruz Verde. Mit dem Verkauf von Tortillas kann sie gerade ihr Überleben sichern. Für die Medikamente reicht es nicht immer. Seit 2007 Daniel Ortega wieder regiert, sind zwar auch Schulen und öffentliches Gesundheitswesen wieder gratis. «Wenn ich aber eine grössere Untersuchung brauche, muss ich zwei Monate warten», klagt Loáisiga. Die Budgetkürzungen der Regierung im Zeichen der Finanzmarktkrise lassen befürchten, dass weitere Einschnitte bevorstehen.

Trotzdem wird Loáisiga mit ihrer Familie am 19. Juli auf dem ehemaligen Platz der Revolution in Managua stehen, um Daniel Ortegas Festansprache zu hören. Genauso wie Pablo Araúz und José Fernando Canales möchte sie die Revolution nicht missen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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