Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Klein, aber voller Überraschungen

Das Bündner Kunstmuseum in Chur steht vor einem grossen Umbau. In welche Richtung die künstlerische Auseinandersetzung gehen soll, hat der neue Direktor Stephan Kunz in den letzten zwei Jahren eindrücklich gezeigt.

Von Ursina Trautmann

Eine grosse Baugrube: Das ist das Bündner Kunstmuseum zurzeit. Zumindest dessen eine Hälfte. Da, wo ein Loch gähnt, soll in den nächsten zwei Jahren der Erweiterungsbau entstehen. In der Villa Planta hingegen ist immer noch Hochbetrieb. Aktuell ist dort das zeichnerische Frühwerk von David Weiss (Fischli/Weiss) ausgestellt. Zeitgleich wurde im Untergeschoss eine Ausstellung über den kauzigen Bergeller Fotografen Andrea Garbald eingerichtet. Für Stephan Kunz, den Direktor des Bündner Kunstmuseums, ist diese Kombination ein «Idealfall»: eine historische Ausstellung, die den BesucherInnen einen Einblick in die Kulturlandschaft Graubünden vor hundert Jahren gibt, während gleichzeitig die Zeichnungen von David Weiss aus den siebziger Jahren für die BündnerInnen ein Fenster nach aussen eröffnen.

Die Ausstellung mit Weiss plante Kunz noch, als er im Kunsthaus Aarau tätig war. Gemeinsam mit dem Künstler sichtete er die zahlreichen Arbeiten, die Weiss nach eigenen Aussagen seit 1979 nicht mehr angeschaut hatte. Dann erkrankte Weiss und starb im April 2012. Seine Familie kam nach dem Tod auf Kunz zu und bat ihn, die Ausstellung doch noch zu realisieren. Von Anfang an hatte Weiss zudem eine Ausgabe mit Büchern geplant, die selbst kleine Kunstwerke sind. Sie sind in der Edition Patrick Frey als neunbändige limitierte Auflage zeitgleich mit der Ausstellung in Chur erschienen.

Die Villa Planta mit ihrem teils üppigen Dekor ist kein leicht zu bespielender Ausstellungsort. «Man muss mit diesem Ort umgehen können», sagt Kunz. «Der private Charakter der Villa kommt jedoch dem privaten Charakter der Zeichnungen von Weiss entgegen.»

Man spricht über Chur

Vor zweieinhalb Jahren trat Kunz die Stelle als Museumsdirektor an. Sein Vorgänger Beat Stutzer hatte fast dreissig Jahre im Direktorenstuhl gesessen und ihm, so Kunz, «ein gut bestelltes Haus mit Potenzial überlassen». In der kurzen Zeit in Chur gelang es dem neuen Direktor, frischen Wind in die Bündner Kunstszene zu bringen. So zeigt er sich offen für spontane Aktionen. Als es galt, ein Zeichen zu setzen gegen einen Sparbeschluss des Churer Stadtrats im Zusammenhang mit Kunst am Bau, beteiligte sich das Bündner Kunstmuseum an einer Aktion. Geschätzt wird in Kulturkreisen auch, dass Kunz an Vernissagen, Theateraufführungen, Lesungen und bei Atelierausstellungen von Bündner KünstlerInnen präsent ist.

Sorgfältig und zielstrebig hat Kunz das Bündner Kunstmuseum wieder auf die «geistige Landkarte Kulturinteressierter» gerückt: Chur ist zum Ort geworden, an dem es Dinge zu sehen gibt, die anderswo nicht stattfinden. Die Ausstellungen stossen auch in der übrigen Schweiz auf Interesse. «Ich wusste, ich habe wegen des Umbaus nicht viel Zeit zu zeigen, was mir vorschwebt», sagt er im Gespräch. Mit dem Projekt «Nationalpark», einer witzig-nachdenklichen Installation über den Umgang mit Kulturgütern und der Natur, brachte Kunz seine Vision auf den Punkt (siehe WOZ Nr. 27/2013).

Seine Ideen muss Kunz vor dem Bündner Kunstverein verteidigen, der die einzelnen Ausstellungen finanziert. Gewöhnungsbedürftig sei für ihn der stets geforderte «Bündner Bezug» gewesen, den die GeldgeberInnen in den Ausstellungen sehen wollten, sagt Kunz. Inzwischen gelingt es ihm jedoch, gerade damit sehr kreativ umzugehen: «Wenn man diesen Bezug weiterdenkt, wird es 
interessant.»

So zeigt das Bündner Kunstmuseum im Sommer den Schweizer Aquarell- und Reisemaler Heiner Kielholz, der seit dreissig Jahren abgeschieden im Puschlav lebt. Ab Juni sind seine Werke in der Villa Planta zu sehen, zeitgleich mit den Fotografien von Giro Annen. Der in Bern lebende Künstler fotografiert seit 1977 denselben Wasserfall. Geboren wurde Annen 1957 in Chur. Der Graubündenbezug ist also gegeben.

Nicht nur Selbstbespiegelung

Im September allerdings schliesst auch die Villa Planta umbaubedingt für eineinhalb Jahre. Für diese Zeit hat der Direktor mit seinem Team ein Gastspielprogramm zusammengestellt. Das Bündner Kunstmuseum wird an den verschiedensten Orten im Kanton auftreten. Für ihn sei dies eine Möglichkeit, das Haus im Kanton zu vernetzen und Leute kennenzulernen, sagt Kunz. Aber auch hier sucht er nicht nach bereits bestehenden Institutionen.

So wird sein Team etwa in der «Casa d’Angel» – einem neuen Kulturzentrum im Lugnez – in Zusammenarbeit mit der Fundaziun Capauliana eine Ausstellung kuratieren. Die Fundaziun verfügt über eine der grössten Sammlungen von Bündner Kunst und Kunst mit Bündner Bezug. Die Werke lagern in einer Tiefgarage in Chur und kommen jetzt also ans Licht. Später im Herbst wird das Bündner Kunstmuseum in der psychiatrischen Klinik Waldhaus in Chur Werke von Michael Pankoks zeigen. Der aus Lettland stammende Künstler lebte dort bis zu seinem Tod 1983 und schuf vor allem Holzskulpturen.

«Nur Selbstbespiegelung tut nicht gut. Graubünden braucht den Blick hinaus und auch den Blick von aussen», sagt Kunz. Gleichzeitig ist ihm das Schaffen an kleinen Orten wie Chur lieb und vertraut. Er sieht das Kunstmuseum Chur als lebendigen Ort, als Haus auch, das lokal eine Rolle spielt. «Im Unterschied zu den grossen Häusern dürfen wir nicht ignorieren, was vor Ort geschieht», sagt Kunz.

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