Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Bitte sprechen Sie nach dem Piepston

Der neue Film von Thomas Imbach erzählt vom Leben eines gewissen «T.». Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Ereignissen sind beabsichtigt, aber nur bedingt.

Von Marcy Goldberg

Ein Mann steht am Fenster und filmt. Wir spüren ihn hinter der Kamera, wie er die Schärfe verlagert, seine Einstellungen neu kadriert, hin- und herschwenkt, um das Geschehen vor dem Fenster einzufangen. Manchmal, flüchtig, sehen wir sein Spiegelbild im Fensterglas, wenn er an der Kamera tüftelt. Vor allem aber teilen wir seinen Blick: auf das Gelände des Zürcher Güterbahnhofs, auf die Bahngeleise und die hügelige Landschaft dahinter, auf die vorbeiziehenden Wolken, Vögel und Flugzeuge.

Der Mann scheint sich vor allem fürs Abstrakte und Geometrische zu interessieren, für Licht und Bewegung, für die Witterung auch. Wenn nicht der ständig piepsende Beantworter da wäre, mit den Stimmen, die ihn an seine Verpflichtungen erinnern. Er soll bitte zurückrufen, sagen seine Eltern, seine Kollegen und Freundinnen, die Gläubiger und die Filmfestivals.

Zwischendurch muss er zurückgerufen haben, denn: Im Lauf der Jahre macht er Filme, bekommt ein Kind, fängt neue Liebesbeziehungen an. Wir wissen das alles, weil die Stimmen auf dem Beantworter davon erzählen, manche mit verblüffender Offenheit. Alles Weitere müssen wir uns selbst vorstellen, das Bildrepertoire aus dem eigenen Leben einsetzen, um diesen archetypisch anmutenden Stimmen – «der Vater», «die Geliebte» – Gesichter zu verleihen.

Authentisch und gleichzeitig fiktiv

Zwischen 1988 und 2003 sammelte Thomas Imbach alle Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter, ab 1995 und bis 2010 filmte er immer wieder die Sicht aus seinem Atelierfenster im Zürcher Kreis 4. In «Day Is Done» lässt er eine Auswahl dieser Bilder und Töne das Leben eines Mannes erzählen.

Einmal im Film hört man meine Stimme. Eine Einladung zu einem Dinner bei mir, mit anderen Filmfreunden. Damals, 1996, nach meinem Uni-Abschluss in Filmwissenschaft im kanadischen Toronto, arbeitete ich ein halbes Jahr als Stagiaire bei Thomas Imbach. Später schrieb ich über seine Filme: Gebrauchstexte für die Pressemappen sowie wissenschaftliche Aufsätze.

Die Frau in diesem Film, die meinen Namen trägt und mit meiner Stimme spricht, scheint mir aber eine andere zu sein. Eine Filmfigur, losgelöst von meiner Geschichte. Und genau das führt uns «Day Is Done» vor: Wie man aus authentischem Material eine erfundene Welt bauen kann, eine «fiktive Autobiografie», wie Imbach sie nennt.

Kino oder Leben?

Seine AnruferInnen nennen ihn Thomas, im Abspann des Films wird er einfach «T.» genannt. Kein Filmheld, sondern eine zwiespältige Figur. Er filmt mit Elan, macht grossartige Bilder, wirkt aber als Mensch egoistisch und gar feige. Vernachlässigt er doch – oder so scheint es jedenfalls – seinen krebskranken Vater, die Mutter seines Kindes, seinen heranwachsenden Sohn.

«T.» könnte man als Thomas Imbachs Abrechnung mit sich selbst verstehen, als die Verkörperung einer Schattenseite aus Schwächen, Scheitern, Schuldgefühlen. Was ihn wiederum als mutig erscheinen liesse, denn: Wie viele Menschen wären bereit, sich so gnadenlos blosszustellen?

Gleichzeitig erinnert «T.» stark an die männlichen Hauptfiguren aus Imbachs letzten Spielfilmen, «Lenz» (2006) und «I Was a Swiss Banker» (2007). Auch sie tragen autobiografische Züge des Regisseurs. Alle drei ringen mit ihrem Dasein als moderne Männer, mit den Herausforderungen von beruflichem Ehrgeiz, Liebe, Treue, Vaterschaft.

Bei der Gratwanderung zwischen Authentizität und Inszenierung stellt Imbach von neuem die Frage, die François Truffaut zeitlebens beschäftigte: «Ist das Kino wichtiger als das Leben?» «T.» scheint diese Frage zu bejahen und gleichzeitig dem Leben nachzutrauern, das er zugunsten des Filmens opfern musste.

Das Fenster zur Stadt

Neben «T.» gibt es in «Day Is Done» eine zweite fiktionalisierte Hauptfigur: die Stadt Zürich. In der Schweizer Filmgeschichte wusste man selten, wie mit ihr umzugehen sei. In vielen Fällen wurde sie entweder zur Postkartenkulisse degradiert oder – um eben diese Kitschfalle zu vermeiden – als öde Betonwüste dargestellt.

Imbach aber hat Zürich längst als filmreif erkannt. Bereits in seinen Dokumentarfilmen der neunziger Jahre, «Well Done» (1994), «Ghetto» (1997) und «Nano-Babies» (1998, in Ko-Regie mit Jürg Hassler), gab es leuchtende 35-mm-Filmaufnahmen der städtischen Landschaft, von den blanken Fenstern der hochmodernen Bankgebäude bis hin zu lyrischen Fährenfahrten auf dem Zürichsee. Durch solche Kontraste wirkt die Stadt zugleich vertraut und fremd, idyllisch und futuristisch.

In «Day Is Done» beschränkt sich Imbach auf den Stadtteil links und rechts der Bahngeleise zwischen den Kreisen 4 und 5, der just in den Jahren, in denen er zu filmen beginnt, seinen Wandel hin zum «ehemaligen Industriequartier» vollzieht. Dominiert ein rauchender Backsteinschlot am Anfang noch die Aussicht aus dem Atelierfenster, so wird dieser am Ende des Films abgelöst durch den gläsernen, 126 Meter hohen Prime Tower, Sinnbild des neuen Selbstverständnisses der StadtplanerInnen.

Der ursprüngliche Impuls, diese Aussicht immer wieder zu filmen, sei, so Imbach, eher ein impressionistischer gewesen, inspiriert von Paul Cézannes Gemäldeserie über den Mont Sainte-Victoire. Im Lauf der Zeit aber bekommt das Material eine zunehmend historische Bedeutung als Dokument der urbanen Veränderungen.

«Day Is Done» nährt sich von zwei Dokumentarfilmtraditionen: der Grossstadt-Symphonie und dem Filmtagebuch. In beiden Gattungen geht es darum, vorerst Material zu sammeln, um in einem zweiten Schritt die darin enthaltenen Strukturen und Motive herauszukitzeln. Das Banale und Alltägliche wird nachträglich historisch. Gleichzeitig lebt «Day Is Done» von der Poesie einzelner Augenblicke, von Stimmungen, die man nur schwer in Worte fassen könnte. Imbachs unverkennbare Filmhandschrift trägt dazu bei – er setzt Zeitraffer und Zeitlupe ein, verarbeitet und verfremdet Toneffekte und schneidet immer wieder abrupt.

Wenn der Tag vorbei ist

Darüber hinaus gibt es die Musik: Songs von Bob Dylan, Syd Barrett, Conor Oberst und anderen eigenwilligen Künstlern, neu eingespielt von der «Day-Is-Done-Band» unter der Leitung von Balz Bachmann und George Vaine. Die Songs wirken manchmal etwas plakativ eingesetzt, tragen aber stark zur Dramatisierung und Emotionalisierung bei.

Auch der Filmtitel «Day Is Done» stammt von einem Song gleichen Namens, für den der britische Singer-Songwriter Nick Drake verantwortlich zeichnet. Drake starb im Alter von 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva. Das Lied kommt zwar im Film nicht vor, aber dessen melancholischer Geist schwebt über ihm. Wenn der Tag vorbei ist, lässt man ihn Revue passieren. Verändern kann man ihn aber nicht mehr.

Marcy Goldberg ist Film- und Kulturwissenschaftlerin. Ihr Aufsatz über Thomas Imbachs Filme ist im Sammelband «Kino CH / 
Cinéma CH» 2008 beim Schüren Verlag erschienen.

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