Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

Grosse Welt im Kleinen

Ist das noch ein Filmfestival, wenn es wegen der Coronakrise vollständig ins Netz verlegt wird? Die Visions du Réel in Nyon machen jetzt die Probe aufs Exempel.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Das unmoralische Angebot datiert von Ende März. Adressat war das Filmfestival in Cannes, Absender der Vizechef von Youporn. Das Pornoportal wollte Cannes in der Coronakrise seine «robuste Infrastruktur» zur Verfügung stellen: Die noblen Filmfestspiele sollten ihre Premieren doch bei Youporn im Netz feiern, so könnten sie trotz Lockdown programmgemäss stattfinden. Das Kino wäre dann wieder da, wo es einst herkam: in der Schmuddelecke.

Ein vorwitziger PR-Gag, Cannes soll dankend abgelehnt haben. Und während das wichtigste Filmfestival der Welt dieser Tage bekannt geben will, ob es ausnahmsweise erst im Sommer oder eben gar nicht stattfindet, retten sich die kleineren schon ins Netz: In Nyon haben sie entschieden, die Visions du Réel heuer integral ins Web auszulagern – samt Masterclasses der Ehrengäste wie Claire Denis und Peter Mettler.

War es denn eine Option, das Festival ausfallen zu lassen? «Nicht wirklich», sagt Direktorin Emilie Bujès am Telefon. Und wars schwierig, die Filmschaffenden zu überzeugen, ihre Premieren gratis im Netz zu streamen? Gar nicht, erwidert Bujès: «Das war die grösste Überraschung für mich.» Von den 97 Filmen aus den fünf Wettbewerbsprogrammen kann sie nur zwei nicht zeigen. Online dauert das Festival eine Woche länger als üblich, insgesamt stehen 130 Filme zum Streamen bereit – kostenlos, aber nicht unlimitiert: Für jeden Film ist bei 500 Views Schluss. Mit ausverkauften Vorstellungen ist also zu rechnen, wie unter normalen Umständen auch.

Draussen vor dem Fenster

Aber kann man das noch Festival nennen, wenn die Gäste irgendwo verstreut allein vor ihrem Rechner sitzen? Natürlich werde er die unmittelbare Reaktion eines Publikums im Saal vermissen, sagt Thomas Imbach, der die Weltpremiere seines neuen Films «Nemesis» nun online abhalten muss. Aber auch wenn es ihn sonst ärgert, «dass alle nur noch am Netz hängen», wie er sagt, kam es für ihn nie infrage, seinen Film deswegen zurückzuziehen: «Es ist gut, dass sie in Nyon jetzt nicht einfach kapitulieren. Sie machen das Beste aus der Situation.» Den experimentellen Charakter des Ganzen findet er spannend.

Ironischerweise hat Imbach mit «Nemesis» den Lockdown auch ein Stück weit vorweggenommen. Schon einmal hatte er die Kamera ja quasi mit einer Ausgangssperre belegt: Das war in «Day Is Done» (2011), wo er die Aussicht aus seinem Atelierfenster neben dem Gleisfeld in Zürich mit einer schonungslosen privaten Innenschau verknüpfte. In «Nemesis» führt er diese Reflexion nun weiter, während draussen vor dem Fenster der alte Güterbahnhof abgerissen und das Areal mit dem neuen Polizei- und Justizzentrum überbaut wird.

Das filmische Echo darauf kommt vom Palästinenser Kamal Aljafari. Statt sieben Jahre hat er einen Sommer lang aus dem Fenster gefilmt, genauer gesagt: sein Vater. Im Juli 2006 richtete dieser eine Kamera auf den Parkplatz vor seinem Haus in Ramla, weil er einen Vandalen zu überführen hoffte. «Unusual Summer» heisst nun der Film, den der Sohn aus dem Material von damals montiert hat, samt dem abstrakten Zauber von Farbfehlern und Bildstörungen. Die private Überwachung wird hier von einem poetischen Blick gekapert, der aus den beiläufigen Alltagsroutinen vor dem Haus ein kleines Welttheater herausschält.

Im globalen Dorf

Breiter ist die Optik in «Davos», dem besseren Film über das World Economic Forum (Wef). Denn wo sich jüngst die schweizerisch-deutsche Koproduktion «Das Forum» mit einer unkritischen Innenschau begnügte, zeigt der Österreicher Daniel Hoesl den viel schärferen Blick für die Absurditäten rund ums Wef. Dabei gilt sein Interesse vor allem dem Ort, der einmal im Jahr vom Tross der Mächtigen okkupiert wird.

Dieses Davos ist buchstäblich ein globales Dorf, aber in ganz anderem Sinn, als ihn Klaus Schwab mit seinem Wef zelebriert. Der portugiesische Fischerklub, die Bergbauernfamilie oder die afghanischen Flüchtlinge im Transitzentrum: Die Welt marschiert eben nicht erst mit dem Wef in Davos ein, sie ist immer schon da, man muss sie nur sehen wollen. Und wenn man schon meint, der Film ende allzu folkloristisch am Schwingfest, zeigt er auch, wer hier das Altglas einsammelt.

17. April bis 2. Mai 2020: www.visionsdureel.ch.

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