Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Die pragmatische Brückenbauerin

Sie wird als neue Parteipräsidentin der Grünen gehandelt und erhält Lob von allen Seiten. Die Bernerin Regula Rytz ist eine der wenigen Frauen, die es auf einer grünen Liste in den Nationalrat schafften.

Von Noëmi Landolt

Regula Rytz hat – zwei Wochen nach den Wahlen – den ganzen letzten Sonntag damit verbracht, Dankes-E-Mails zu schreiben auf die Gratulationen zu ihrer Wahl in den Nationalrat. Im geräumigen Büro verteilt stehen Blumensträusse in Herbstfarben, die pinkfarbenen Geranien vor dem Fenster leuchten, ebenso die gelbe Sicherheitsweste, die am Heizkörper hängt. Wir sind im zweiten Stock der Bundesgasse 38 in Bern, in der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, deren Direktorin Regula Rytz seit 2005 ist. «Haben Sie den Artikel im ‹St. Galler Tagblatt› gesehen?», fragt die 49-Jährige. «Der Titel war ‹Die Tadellose›. Schon amüsant, was alles geschrieben wird, wenn sich die nationale Aufmerksamkeit auf einen richtet.»

Auf dem Boden der Realität

Ursprünglich Mitglied der SP und Primarlehrerin, kam Regula Rytz Mitte der achtziger Jahre von Thun nach Bern, um Geschichte und Soziologie zu studieren. An der Uni organisierte sie Gegenveranstaltungen zu den gängigen Lehrinhalten, reanimierte den Verein Feministische Wissenschaft und war Teil der Aktionsgruppe Kritische Uni. «Es war eine sehr selbstbestimmte und bewegungsorientierte Zeit. Ich hatte die Chance, inhaltliche Diskussionen zu organisieren, ohne in eine feste Parteihierarchie eingespannt zu sein», erinnert sie sich. Bei der Gründung des Grünen Bündnisses 1987 schloss sich Rytz diesem an, anfangs als Basismitglied, dann arbeitete sie als Sekretärin von Therese Frösch, dem ersten grünen Regierungsmitglied Berns, womit sie sich ihr Studium finanzierte. «Ich bekam damals einen faszinierenden Einblick, wie eine Stadt organisiert ist und wie Politik praktisch umgesetzt wird», erzählt sie. Wahrscheinlich wurde damals schon aus der Parlamentarierin – sie war von 1994 bis 2005 Grossrätin des Kantons Bern – die Exekutivpolitikerin, die Pragmatikerin, die Brückenbauerin, als die sie so oft bezeichnet wird. «Als Exekutivmitglied ist es reizvoll, das technische, planerische Wissen mit gesellschaftlichen Fragen und politischen Anliegen zu verbinden; gleichzeitig kommst du auf den Boden der Realität.»

Vier Jahre arbeitete sie als Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds mit Schwerpunkt Arbeitsgesetz, Gesundheitsschutz und Binnenmarkt, bis sie 2005 als Fröschs Nachfolgerin in die Stadtregierung gewählt wurde – mit nur sechs Stimmen Vorsprung auf Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste, wie die von ihm geforderte Nachzählung vor Bundesgericht ergab. 2008 wurde sie mit dem besten Resultat aller GemeinderätInnen wiedergewählt. Regula Rytz ist beliebt: Wer sich in Bern umhört, hört immer wieder von ihren guten Dossierkenntnissen und ihrer Eloquenz. Sie nehme die Anliegen der Bevölkerung ernst und sei sich nach wie vor nicht zu schade, auf der Strasse Unterschriften zu sammeln.

Und nun also die Wahl in den Nationalrat. Gewählt als Vertreterin der Grünen Partei, der Verliererin der Nationalratswahlen. Gewählt auch als Frau, obwohl vier der fünf abgewählten Grünen Frauen waren. Aspekte, die ihr durchaus bewusst sind. Wie geht es nach den Sitzverlusten weiter für die Grünen? Ist die viel beschworene «Annäherung an die Mitte» – oder sagen wir einfach: der Rechtsrutsch – der richtige Weg? Wie immer gibt Regula Rytz wohlüberlegt Antwort: «Die Begriffe ‹links›, ‹rechts›, ‹Mitte› sind heute nicht mehr sehr präzis. Was ist die sogenannte Mitte überhaupt? Sie scheint ein Versprechen für politischen Konsens zu sein. Wie sie sich tatsächlich positioniert, werden wir erst bei politischen Sachentscheiden sehen, zum Beispiel bei der 12. AHV-Revision.» Prinzipiell müssten die Grünen eine Politik verfolgen, die grüne mit sozialen Themen verbinde. Sie nennt klare Ziele: die Umwelt schützen, die Energiewende durchführen, den immer grösser werdenden Graben zwischen Arm und Reich schliessen. «Wir müssen den Mitteparteien aufzeigen, wie wichtig es ist, die Umverteilung nach oben über all die Steuererleichterungen zu stoppen. Wir müssen die Banken an die kurze Leine nehmen, und wir müssen Sorge tragen zum sozialen Zusammenhalt, denn soziale Verantwortung ist ein ausgesprochen wichtiger Teil grüner Politik.»

Geschlechterparität wiederherstellen

Dazu gehört auch die Gleichstellung der Geschlechter. Im Nationalrat möchte sie diesbezüglich möglichst auch mit bürgerlichen Frauen zusammenarbeiten, doch in der eigenen Partei gibt es ebenfalls zu tun: «Wir müssen nun sehr sorgfältig schauen, dass bei den Grünen die Geschlechterparität wiederhergestellt werden kann. Im Moment ist sie durch den Verlust an Restmandaten leider arg aus dem Gleichgewicht geraten.» Parteipräsident Ueli Leuenberger hat seinen Rücktritt per April 2012 angekündigt. Wenn die Grünen weiterhin Wert auf die ausgewogene Verteilung politischer Ämter legen, müsste nach ihm eine Frau zur Präsidentin gewählt werden. Und es gibt nicht wenige, die sagen, dass Regula Rytz diese Frau sein könnte. Doch noch ist nichts spruchreif, noch wurde niemand offiziell angefragt. Auch Regula Rytz wiegelt ab: «Ich werde mich nicht vordrängen, zumal ich im nächsten Jahr keine weiteren Aufgaben übernehmen kann neben der Doppelbelastung als Mitglied der Berner Stadtregierung und Nationalrätin. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, ab 2013 Verantwortung zu übernehmen, wenn das gewünscht wird.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch