Durch den Monat mit Therese Frösch (Teil 3) : Warnung vor Tieffliegern

WOZ: Im Wahlkampf zeigen sich die Stadtberner Bürgerlichen von ihrer desolatesten Seite. Laut «Bund» haben SVP-Kreise eine Wahlempfehlung der Grauen Panther gefälscht, um die Wiederwahl ihres Parteimitglieds Ursula Begert zu verhindern, und Kurt Wasserfallen kocht als Wahlkampfthema den selbst verursachten Skandal auf, der zu seiner Absetzung als Polizeidirektor geführt hat. Muss man Mitleid haben?
Nein. In einer parteiinternen Ausmarchung hat die FDP 1992 ganz knapp Wasserfallen aufgestellt mit dem Argument, man müsse die Stimmen rechts aussen holen. Unterdessen hat Wasserfallen zusammen mit anderen seine Partei auf SVP-Kurs getrimmt. Das schlägt auf das Niveau durch. Wenn man in einer Stadt, in einer Regierung, an politische Diskussionen nicht mehr den Anspruch haben kann, dass sie zumindest ein Stück weit inhaltlich geführt werden, dann schadet das allen, weil die allgemeine Politikverdrossenheit zunimmt.

Aber in Bern gibt es ja nicht nur bornierte Bürgerliche ...
... nein, aber viele der Kultivierteren und Liberaleren leben nicht in der Stadt, sondern in der Agglomeration.

Es scheint, als ob die Bürgerlichen nur noch mit ihrer zweiten Mannschaft spielten.
Das hat auch mit dem veränderten gesellschaftspolitischen Klima zu tun: Bürgerliche machen im Militär nicht mehr weiter, und sie gehen nicht mehr in die Politik – hier in Bern, weil sie wegen der Rot-Grün-Mitte-Mehrheit weniger zu sagen haben als in der Wirtschaft. Politik machen deshalb vor allem gewerblich ausgerichtete Leute, auch beim Freisinn.

Also die Erbsenzähler?
Allerdings: die Jammeris, die nichts als ihr Kleingewerbe sehen. Sie spielen auf ihrem Klavier immer nur einen Ton. Die Flughöhe ist sehr tief.

Am Samstag hat die «Berner Zeitung» eine Umfrage publiziert, wonach Ihre Parteikollegin Regula Rytz deutlich hinter dem Grünliberalen Alec von Graffenried liegt.
Das Rennen ist offen, aber die Frauen, die ja diese Umfrage mobilisiert, werden, wie in früheren Wahlgängen, den Ausschlag für Rytz geben. Von Graffenried steckt viel Geld in seinen persönlichen Wahlkampf. Und die bürgerlichen Zeitungen «Bund» und «Berner Zeitung» finden das rechtsbürgerliche Gejammer derart gschämig, dass sie die Mitte stützen. Das kommt dem Schwiegermuttertraum von Graffenried zugute.

Nehmen wir trotzdem an, er würde statt Rytz gewählt und SP und Bürgerliche teilten sich die restlichen vier Sitze. Was dann?
Man muss sich daran erinnern, dass Bund und Kanton noch verstärkt sparen werden und dieser Druck am stärksten bei der familienexternen Betreuung und in der Sozialpolitik weitergegeben werden wird. Deshalb ist klar: In den Bereichen Verkehr, familienergänzende Massnahmen oder Kultur ist Rytz der sichere Wert – und nicht von Graffenried, der kaum ein politisches Profil hat.

Folgt jetzt ein Wahlspot?
Es genügt die Wahrheit: Regula Rytz hat das Politisieren von der Pike auf gelernt. Sie hat sich in der Frauen- und der Umweltbewegung engagiert, sie war acht Jahre lang Parteisekretärin. Sie sitzt seit zehn Jahren im Kantonsparlament. Sie ist Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes mit den Schwerpunkten Arbeitsgesetz, Gesundheitsschutz und Arbeitszeitpolitik. Daneben war sie über acht Jahre lang meine persönliche Beraterin. Darum weiss ich: Ich bin ein bisschen pragmatischer als sie. Aber sie ist ein bisschen gescheiter als ich.

Und was passiert, wenn sie die Wahl nicht schafft?
Was nicht geschehen wird. Aber hypothetisch gesprochen: Innerhalb der Grünen Partei würde kantonal und national der linksgrüne Flügel geschwächt. Die Nationalratssitze von Franziska Teuscher und mir wären tendenziell eher gefährdet. Das Grüne Bündnis müsste sich zwischen einem knallharten Oppositionskurs ausserhalb von RGM, der rot-grünen Mitte, und einem verstärkten Aufbau der kantonalen und nationalen Strukturen entscheiden. In der Stadt würde die drittstärkste politische Kraft, die in den letzten Jahren viel bewirkt hat, in die Opposition geschickt. Die dann nötige Neuorientierung müsste die Frage klären, wie das Grüne Bündnis wieder zur bisher erfolgreichen Politik auf zwei Standbeinen – jener innerhalb und jener ausserhalb der Institutionen – zurückkehren kann.

Therese Frösch, 53, ist noch bis Ende Jahr [2004[ Sozialdirektorin der Stadt Bern. –
Seit diesem Jahr ist sie auch Nationalrätin für die Grüne Partei*. Von ihrem Lohn hat sie in den letzten zwölf Jahren rund eine halbe Million Franken an das Grüne Bündnis weitergegeben.

*Nachtrag: Therese Frösch war Nationalrätin vom 1. Dezenber 2003 bis 4. Dezember 2011