Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Der Wolf und die Schnecke

Von Bettina Dyttrich

Wer ist wichtiger: der Wolf oder die Nidwaldner Haarschnecke? Ihn lieben die Medien: Er gibt romantische Bilder ab, frisst Schafe, manchmal beisst er sie auch nur tot; Schafhalterinnen und Walliser hassen ihn. Sie hingegen kennt kein Mensch, sie lebt auf über 2000 Metern in der Innerschweiz – und sonst nirgends auf der Welt –, versteckt sich die meiste Zeit unter Steinen und bewegt sich nicht vom Fleck, richtet daher auch keine Schäden an.

Der Wolf und die Schnecke sind zwei der Arten, für die die Schweiz eine besondere Verantwortung übernehmen muss. Das hat sie als Mitglied der Berner Konvention, des Abkommens für die Erhaltung der europäischen Pflanzen, Tiere und ihrer Lebensräume, akzeptiert.

Doch jetzt will der Bundesrat einen Vorbehalt zum Wolfsschutz anbringen. Denn National- und Ständerat sind 2010 einer entsprechenden Motion des Walliser CVP-Ständerats Jean-René Fournier gefolgt. Und weil Vorbehalte eigentlich nur beim Beitritt zur Berner Konvention möglich sind, soll die Schweiz wenn nötig austreten und ein neues Beitrittsgesuch mit Vorbehalt stellen.

Dieses Jahr haben Wölfe gut 200 Nutztiere gerissen – neunzig Prozent davon in unbeaufsichtigten Herden. Gleichzeitig werden jeden Sommer ein paar Tausend Schafe Opfer von Unfällen und Wetter. Dort, wo Schutzhunde in den Schafherden mitlaufen und HirtInnen – oft in Gratisarbeit – zum Einsatz kommen, halten sich die Schäden in Grenzen. Das Parlament hätte durchaus andere Möglichkeiten gehabt: etwa die Motion der grünen Nationalrätin Adèle Thorens Goumaz (Waadt), die mehr Geld für die HirtInnen- und Hundeausbildung forderte. Doch jene Bürgerlichen, die am liebsten alle Wölfe abknallen würden, haben gewonnen.

Der Bundesrat muss den Entscheid nun durchsetzen, obwohl er gewarnt hatte: «Die Schweiz würde neben der Glaubwürdigkeit auch die Basis für zahlreiche Artenschutzbestimmungen in der Bundesgesetzgebung verlieren.» Das geht zum Beispiel auf Kosten der Nidwaldner Haarschnecke, die ohnehin schon mit dem Klimawandel zu kämpfen hat. Klar: Ein Abkommen bedeutet noch nicht, dass etwas passiert. Aber ein Abkommen aufkündigen wollen ist eine klare Botschaft: Wir foutieren uns drum.

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