Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

Wer bekommt das Geld aus der Olivenöl-Kampagne?

Als er nach dem Sechstagekrieg israelische Soldaten traf, begann Jochi Weil zum ersten Mal, am Gelobten Land zu zweifeln. Später freundete er sich mit einem ausgewanderten Palästinenser an. Heute wirbt er für palästinensisches Olivenöl aus fairem Handel.

Von Bettina Dyttrich (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Jochi Weil: «Die Soldaten erzählten, sie hätten einfach alle erschossen. Da ist etwas passiert mit mir.»

WOZ: Jochi Weil, Sie haben im letzten Interview beschrieben, wie begeistert Sie als Jugendlicher von Israel waren. Wann kamen Ihnen erste Zweifel?
Jochi Weil: 1967 war ich Lehrer in einem kleinen Bauerndorf bei Frauenfeld. Nach dem Sechstagekrieg war für mich klar: Israel ist in Not, ich muss da hin. Also reiste ich zusammen mit meiner Frau Anjuska …

In den Schulferien?
Nein, ich ging zum Regierungsrat in Frauenfeld und bekam drei Monate Urlaub. Wir arbeiteten in einem Kibbuz, zusammen mit anderen aus der Schweiz. Die Soldaten waren noch im Dienst – die Kibbuzim stellten oft Elitesoldaten, denn sie waren besonders staatstreu. Mit der Zeit kamen die Soldaten dann heim und erzählten von ihren Erfahrungen. Es war vom Häuserkampf in Jericho die Rede: Eine Einheit nahm Haus um Haus ein, schliesslich kam sie in einen Raum, in dem ein paar Araber waren – damals nannte man sie noch nicht Palästinenser. Sie sahen, dass einer eine Handgranate im Hosenbund hatte. Aus meinem eigenen Militärdienst in der Schweiz wusste ich ganz genau, wie man in einer solche Situation vorzugehen hat: Einer beschlagnahmt die Granate, ein Zweiter schützt ihn mit dem Gewehr.

Hielten die Soldaten sich nicht daran?
Nein. Sie erzählten, sie hätten einfach alle erschossen. Da ist etwas passiert mit mir. Ich fragte mich: Wie verträgt sich das mit dem Humanismus? Denn eine humanistische Erziehung war in unserer Jugendbewegung, dem Hashomer Hatzair, sehr wichtig. Vor allem Anjuska ertrug es immer weniger, wie im Kibbuz über die Araber geredet wurde. Ihr war wirklich unwohl. Denn sie hatte als Kind in Israel gelebt und ein ganz anderes Bild von diesem Land.

Warum?
Im Wadi Jamal, südlich von Haifa, war sie als kleines Mädchen oft im Haus der arabischen Nachbarn, die sie in positiver Erinnerung hat. Dieses Araber-Bild war in ihr drin. Weil wir recht verlässlich arbeiteten, fragten sie uns im Kibbuz, ob wir bleiben wollten. Ich war am Schluss verantwortlich für die Kälber und fühlte mich natürlich bei diesem Angebot gebauchpinselt. Aber Anjuska wollte nicht – und ich wollte nicht an einem Ort bleiben, wo es ihr nicht gefiel.

Wären Sie sonst geblieben?
Ich weiss es nicht. Ich musste sowieso zurück in die Schule, ich hatte ja nur Urlaub. Daheim in der Schweiz, schob ich Israel einfach auf die Seite. Ich war ein Meister des Abwehrens. Es tat wahnsinnig weh, mit Kritik konfrontiert zu sein, denn ich hatte so fest an Israel geglaubt. Dann aber irgendwann begann ich langsam, die Augen zu öffnen und genauer hinzuschauen.

Was sahen Sie?
Ich hatte Kontakt mit der linken Partei Poch, die sich sehr mit Palästina beschäftigte, und mit der Gesellschaft Schweiz–Palästina. Ganz wichtig war, dass ich selbst einen Palästinenser kennenlernte, einen Mikrobiologen. Er hütete als Kind die Schafe seines Onkels in der Nähe von Jenin, kam via Türkei in die Schweiz und studierte hier – ein Hochbegabter. Seit langem ist er Leiter eines medizinischen Labors in Zürich. Mit ihm begann ich, darüber zu streiten, wem Israel und Palästina gehören. Wir stritten wie zwei kleine Buben – bis wir Freunde wurden. Erst von ihm habe ich erfahren, was bei der Vertreibung der Palästinenser passierte und was es heisst, Flüchtling zu sein.

Heute engagieren Sie sich für Palästina auch in der «Kampagne Olivenöl».
Ja, sie ist sehr wichtig für mich. Wir verkaufen ein gutes, biologisches Produkt und können gleichzeitig auf die Situation in Palästina aufmerksam machen. Anjuska war bis vor kurzem Geschäftsführerin der Kampagne, zusammen mit einer Kollegin.

Was wird aus dem Erlös?
Zum einen zahlen wir den Bauern einen fairen Preis, 20 bis 25 Prozent über dem Marktpreis. Weil wir in der Schweiz weitgehend mit Freiwilligen arbeiten, bleibt aber noch Geld übrig. Damit unterstützen wir verschiedene Projekte, zum Beispiel die Gesundheitspflegerinnenschule in Ramallah. Oder ein Elektrifizierungsprojekt in Susya, einer abgelegenen Gegend bei Hebron. Die Bevölkerung lebt in ganz prekären Verhältnissen in Zelten und wird immer wieder von jüdischen Siedlern belästigt. Dort werden Windräder und Sonnenkollektoren installiert, damit die Leute wenigstens Licht und Kühlschränke haben können. Mein Lieblingsprojekt ist die Mobile Clinic, wo israelische und palästinensische Ärzte zusammenarbeiten. Die Kampagne Olivenöl hilft mir auch gegen das Gefühl der Ohnmacht. Sie ist etwas Konkretes – es ist das, was es ist, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie es Erich Fried über die Liebe geschrieben hat.

«Es ist, was es ist, sagt die Liebe.»
Ja. Ich finde die Arbeit sehr wichtig, die die vielen Freiwilligen in der Kampagne leisten. Und ich habe das Öl wirklich gern. Ich bin durch und durch mit Olivenöl durchtränkt. Dazu kommt noch Zatar, das Thymiangewürz. Das ist ein Teil des palästinensischen Frühstücks: Man nimmt Fladenbrot, taucht es in Öl und dann in die Gewürzmischung. Das ist wunderbar.

Jochi und Anjuska Weil feiern im Januar Jochis 70. Geburtstag. Sie haben so viele Gäste eingeladen, dass sie für das Fest ein Zürcher Quartierzentrum gemietet haben. Link zur Kampagne Olivenöl: www.olivenoel-palaestina.ch

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