Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

Ein Bergdorf sucht seine Zukunft

Waltensburg GR hat sich mit dem ersten Ökohotel der Schweiz einen Namen gemacht. Doch jetzt verspricht eine Gemeindefusion tiefe Steuern sowie eine neue Strasse, die den nachhaltigen Tourismus gefährdet.

Von Esther Banz

Am Tag, als die Bergbahnen im Skigebiet oberhalb von Waltensburg die Saison eröffnen, liegt das Hochtal Migliè ruhig da. Vereinzelt stapfen Paare über den Winterwanderweg, eine Gruppe junger Leute schlittelt talabwärts Richtung Dorf, das auf Rumantsch Vuorz heisst. Dort, zwischen Hochtal und Dorf, steht das Ökohotel Ucliva. Es ging ihm lange Zeit nicht sonderlich gut, aber dank einer aufwendigen Renovation, einem Biolabel und neuen Partnerschaften steigen die Gästezahlen jetzt kontinuierlich.

Trotzdem sind in Waltensburg einige Leute enttäuscht vom «Ucliva». Sie waren sich sicher, der Vorstand der Genossenschaft werde gegen die geplante Fusion mit Brigels Stellung beziehen. Denn immerhin gehört zu dieser Fusion auch eine neue Strasse zwischen Waltensburg (1000 m ü. M.) und Brigels (1300 m ü. M.), mitten durchs Migliè. Ein unverbautes Tal, das beispielhaft ist für den sanften Tourismus: spazieren, radfahren, schlitteln – die Ruhe geniessen, Blumen und Wildtiere bestaunen. Das Migliè ist die direkteste Verbindung zwischen Waltensburg und Brigels. Auch der Weitwanderweg Senda Sursilvana und der Bündner Jakobswegzubringer führen über diese Ebene.

Am 20. Januar 2012 stimmen die BürgerInnen von Waltensburg (und die des etwas höher gelegenen Andiast) darüber ab, ob sie mit Brigels fusionieren wollen. Sagen sie Ja, wird die Strasse durchs Migliè gebaut – 4,20 Meter breit soll sie maximal werden. Die Strasse bietet allen, die mit dem Auto vom Unterland nach Brigels wollen (und umgekehrt), eine kürzere Verbindung. «Von der neuen Strasse nach Brigels könnte aus touristischer Sicht auch das ‹Ucliva› profitieren», sagt die Vorstandsvizepräsidentin des Biohotels, Corina Issler Baetschi. Die offizielle Stellungnahme der Genossenschaft lautet: «Eine allfällige Verbindungsstrasse zwischen Waltensburg und Brigels bringt dem Hotel wirtschaftliche Vorteile, birgt aber auch die Gefahr von mehr Durchgangsverkehr, was von den Gemeindeverantwortlichen in die Planung miteinbezogen werden sollte.» Für solche Appelle ist es zu spät: Stimmen die involvierten Gemeinden der Fusion zu, wird die Strasse gebaut. Der zusätzliche Verkehr würde auch durchs Dorf Waltensburg rollen, das vor Hunderten von Jahren eng gebaut wurde. Dieser Engpass, sagen die BefürworterInnen der Fusion, garantiere, dass die Leute auch künftig auf der bisherigen Route nach Brigels fahren würden (also unten durch) und nicht via Waltensburg. Aber untendurch ist es länger, steiler und im Dorf Danis ebenfalls eng.

Armes überaltertes Waltensburg

Waltensburg ist reich an kulturhistorischen Attraktionen, imposante Burgen und berühmte Fresken ziehen ein spezielles Publikum an. Waltensburg ist aber, wie so viele kleine Gemeinden in Berggebieten, finanziell arm. Es fehlt an Geld, der Steuerfuss liegt bei hohen 130 Prozent. Die Bevölkerung der 350 BewohnerInnen setzt sich aus einem Drittel Bauernfamilien, einem Drittel PendlerInnen, einem Drittel Pensionierten zusammen. Ab nächstem Jahr gehen auch die letzten der bisher hier unterrichteten Kinder weiter unten in Rueun zur Schule, das Postauto bringt sie hin und zurück. Aber die Post wird geschlossen. Und für die Jugendlichen hat es, ausser während der Skisaison, nicht viel im Dorf. Viele haben Angst, dass das Dorf isoliert sein wird, wenn es Nein sagt zu dieser Fusion und der Strasse nach Brigels. Obwohl Waltensburg mit dem Postauto bestens mit dem grösseren Ilanz verbunden ist, nur fünfzehn Minuten dauert die Fahrt.

Angst vor Autonomieverlust

Die Gemeindeverwaltung von Waltensburg befindet sich in einem modernen Holzhaus mitten im Dorf. Gemeindepräsident Luzi Pfister zählt auf, welche Vorteile die Fusion mit Brigels und die direkte Autoverbindung hätten: «Tiefere Steuern und damit mehr Anreiz für junge Familien, hierher zu ziehen. Die Möglichkeit, das Angebot in Brigels zu nutzen, den Golfplatz etwa, die Restaurants. Mehr Jobs. Waltensburg wird es wirtschaftlich besser gehen.» Diese Verbindung sei logisch und sinnvoll, immerhin habe man ja bereits das gemeinsame Skigebiet.

Dieses Skigebiet hiess bis vor kurzem «Brigels, Waltensburg, Andiast» – seit 2010 steht auf dem Geschäftsbericht nur noch «Brigels», obwohl sich der grösste Teil der Pisten und Bahnen auf Waltensburger Boden befindet. Die touristische Einverleibung von Waltensburg war ohne demokratische Prozesse möglich. Jetzt aber sind die StimmbürgerInnen gefragt. Guido Dietrich, Bibliothekar im Dorf, sagt: «Der Kanton treibt die Gemeindefusionen voran – das ist in Ordnung, kleine Gemeinden haben gemeinsam bessere Überlebenschancen. Auch Waltensburg könnte mit anderen umliegenden Gemeinden ähnlicher Grösse fusionieren. Aber der Zusammenschluss mit Brigels, der de facto eine Eingemeindung ist, entstammt der Logik der Bergbahnen AG. Profitieren würde davon einzig Brigels, seine Gäste wären dann dank der neuen Strasse schneller in den Ferienwohnungen und im Resort, das nächstes Jahr gebaut wird. Ich sehe an dieser Fusion nichts Nachhaltiges. Was bringen uns tiefere Steuern, wenn wir in Waltensburg dafür an Lebensqualität verlieren?»

Dietrich ist Mitinitiant von Avegnir Vuorz, einer Gruppe in Waltensburg, deren Ziel es ist, nachhaltige Projekte zu entwickeln, die mehr Dynamik und Leben ins Dorf bringen. Das von den BewohnerInnen her immer älter werdende Waltensburg braucht Impulse, da sind sich alle einig, die Frage ist nur: welche? Die Ideen, die in Workshops entstanden – etwa alte Ställe im Dorf umnutzen, ein Bildungszentrum einrichten, der Jugend einen Raum zur Verfügung stellen, das Kleingewerbe fördern, kulturelle Veranstaltungen durchführen, weitere Übernachtungsmöglichkeiten, den naturnahen Tourismus vorantreiben und viele weitere – können derzeit nicht weiterverfolgt werden. Die Pläne sind auf Eis gelegt, weil der Gemeindevorstand beschied, man müsse jetzt zuerst schauen, was mit der Fusion passiere.

Fusionieren kleine Dörfer mit grösseren, hat dies den Nebeneffekt, dass es für die kleinen bei Abstimmungen schwierig wird, die eigenen Interessen zu schützen. Was hiesse das konkret für Waltensburg? Könnte die Bevölkerung künftig beispielsweise noch über die Nutzung ihres Schulhauses bestimmen? Die Frage geht an Simon Theus, der beim Kanton im Amt für Gemeinden für Projekte zuständig ist. Er sagt: «So habe ich mir das noch nie überlegt. Aber: Letztlich entscheidet nachher der Stimmkörper der Gesamtgemeinde über die Nutzung öffentlicher Gebäude. Die Fraktionen können nicht darüber entscheiden.» So wäre es in vielen anderen Belangen auch. Die Mehrheit der Gesamtgemeinde könnte etwa die Aufhebung der Tempo-30-Zone durch Waltensburg beschliessen. Zwar wurde versprochen, diese im Fusionsvertrag zu garantieren, aber diesen Vertrag hat im Dorf bis dato niemand zu Gesicht bekommen.

Die Waltensburger Kinder und Jugendlichen, die unten in Rueun zur Schule gehen, sorgen für die rege Nutzung der Postautoverbindungen zwischen Waltensburg und Ilanz. In Ilanz befinden sich neben der Rhätischen Bahn ÄrztInnen, viele Dienstleistungsbetriebe und Spezialgeschäfte, ausserdem das Bezirksgericht, das Zivilstandsamt, das Spital und das Altersheim. Das Postauto wird weniger gut ausgelastet sein, wenn die Waltensburger und Andiaster Kinder künftig in Brigels und Danis zur Schule gehen (wofür die Gemeinde einen eigenen Shuttlebus betreiben und finanzieren müsste) – für den 21-jährigen Schreiner Sergio Halter eine Vorstellung, die ihm Bauchschmerzen bereitet. Er erzählt: «Gestern war wieder eine Informationsveranstaltung. Die Männer von der Kommission und vom Kanton sagten uns, die Postautoverbindung nach Ilanz würde in den nächsten fünfzehn Jahren genau so beibehalten, das sei ein Geschenk für die Fusion. Aber ich frage mich: Was ist nach diesen fünfzehn Jahren?» Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen, wie die Entwicklung andernorts zeigt: Wenn weniger Menschen die Postautos nutzen, werden die Kurse eingeschränkt. Das wäre im Fall Waltensburg und Andiast nicht nur für die alten Menschen und die Jugendlichen fatal, sondern auch für den Ökotourismus und jene Gäste, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reisen – etwa die Gäste des «Ucliva».

«Vulgärer» Wintertourismus

Brigels bietet nicht nur Restaurants und Minigolf, sondern seit 2005 auch einen Golfplatz. Er ist ein Beispiel dafür, welche Vorstellungen die Vertreter der Bergbahnen AG (sie sind am Golfplatz beteiligt) von einer positiven Entwicklung der Region haben, welche Infrastrukturen es braucht, damit Gäste kommen und EinwohnerInnen bleiben. Allerdings erzielt der Golfplatz nicht den gewünschten Umsatz. Deshalb kommt die Gemeinde der Golf AG entgegen: Sie reduzierte den Baurechtszins von ursprünglich vereinbarten 60 000  auf 30 000  Franken jährlich – das haben die StimmbürgerInnen von Brigels so abgesegnet. Sie haben auch zugestimmt, 33 000  Quadratmeter Gemeindeland zu verschenken, damit dort ein Resort erstellt wird. Gemeindepräsident Richard Caduff legt in der Gemeindekanzlei Brigels Bilder des projektierten 600-Betten-Ferienzentrums auf den Tisch: Die klobigen Neubauten werden rund um den kleinen Badesee erstellt, der vor nicht allzu langer Zeit für die Öffentlichkeit angelegt wurde. Niemand weiss, ob und wie lange das bereits ausgesteckte Resort der Gemeinde die versprochenen warmen Betten beschert – also Vermietungen das ganze Jahr über, nicht nur in der Hauptsaison.

Ein Waltensburger, der anonym bleiben möchte, sagt zur ganzen Entwicklung: «Jetzt kommt alles zusammen: das Resort in Brigels, ein 5-Sterne-Hotel-Projekt in Andiast, für das die dortigen Bewohner einem Auswärtigen 30 000  Franken aus der Gemeindekasse gesprochen haben, nur damit er Investoren findet. Und die Fusion. Das ist kein Zufall. Die Leute, die an solche Projekte glauben, meinen immer noch, Beton sei schön. Wie der Kanton. All die Jahre hat man sich nur auf diesen vulgären Wintertourismus konzentriert. Auch das ist ein Grund, weshalb die Steuern in Waltensburg so hoch sind.» Das Biohotel Ucliva hat seine rund 900 GenossenschafterInnen nicht über das Fusionsprojekt und die geplante Strasse informiert. Der Verkehr nach Brigels würde in wenigen Jahren direkt am Hotel vorbeiführen, bevor er ins malerische Migliè einbiegt.

*Die Autorin ist mit FreundInnen zusammen Mieterin eines Hauses in Waltensburg.

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