Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Die Gewalt aus der Sicht der Frauen

Von Andreas Knobloch

In seinem Buch «Teuflische Schatten» beschäftigt sich Andreas Böhm mit dem Phänomen der Maras in Guatemala. «Mara Salvatrucha» oder «Mara 18» heissen die zentralamerikanischen Jugendbanden. Entstanden sind sie in den achtziger Jahren in den USA, wohin Hunderttausende ZentralamerikanerInnen vor den Bürgerkriegen in ihren Ländern flohen. Nach der Abschiebung von Bandenmitgliedern in ihre Herkunftsländer haben die Banden auch dort Verbreitung gefunden. Für Guatemala sind die Maras zu einem existenziellen Problem geworden: Sie kontrollieren ganze Landesteile, vergewaltigen, erpressen, morden und erledigen die Drecksarbeit für die Drogenkartelle.

Die Gewalt strukturiert den Alltag von Jugendlichen ohne Perspektive, die ihre kollektive Identität in Gewaltexzessen, Kriminalität und einer diffusen Stammeszugehörigkeit finden. Böhm versucht gar nicht erst, die Gewalt zu erklären. Er verlässt die hegemoniale Sichtweise auf die Bandenkriminalität, bei der Gewalt vor allem anhand von Zahlen und Statistiken beschrieben wird. Stattdessen wählt er einen Blickwinkel von weiter unten. Basierend auf Interviews erzählt er die Geschichte von Sandra López und die ihrer Mutter, die sich nach Jahren der Apathie gegen die Maras engagierte und schliesslich von ihnen ermordet wurde. Erst der Tod ihrer Mutter liess auch Sandra mutiger werden.

Der Autor bemüht sich gar nicht erst um (vermeintliche) Objektivität und die damit einhergehende Relativierung des Schreckens. So gelingt ihm ein eindringliches Porträt zweier starker Frauen. Er zeigt die Sicht der Schwestern und Ehefrauen der Maras, die feminine Sicht auf die Gewalt, die hier in erster Linie häusliche Gewalt ist. Böhm interpretiert nicht, sondern zeigt die gesellschaftlichen Zwänge (Armut, Perspektivlosigkeit, Migration), in denen sich die Frauen befinden. In «Teuflische Schatten» geht es um Machokultur und das Versagen von Polizei und Justiz – aber noch mehr um häusliche Gewalt und wie beides zusammenhängt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch