Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Obama, hör auf, und lass die Kinder zu dir kommen!

Wenn Minderjährige aus Zentralamerika in die USA migrieren, entfliehen sie einer humanitären Katastrophe. Deshalb dürfen sie keinesfalls zurückgeschafft werden.

Von Toni Keppeler

Die Präsidenten Zentralamerikas sind es gewohnt, aus Washington Anweisungen zu erhalten. So war das auch Ende Juli, als die Staatschefs von Guatemala, Honduras und El Salvador von US-Präsident Barack Obama empfangen wurden. Er sagte ihnen – mit sorgenvoller Miene, aber bestimmt –, sie sollten gefälligst dafür sorgen, dass ihre Minderjährigen zu Hause bleiben. Sollten diese weiterhin massenhaft in die USA kommen, würden sie ins Flugzeug gesetzt und zurückgeschickt. In San Pedro Sula im Norden von Honduras sind schon mit Kindern vollgepferchte Charterflüge eingeflogen.

Die illegale Migration in den Norden gibt es schon seit Jahrzehnten. Meist aber gingen nur die Eltern. Sie liessen ihre Kinder bei Verwandten zurück und schickten Geld nach Hause. Denn darum ging es: ums Überleben an Orten, an denen es keinerlei Arbeit gab. Dass nun auch Kinder massenhaft versuchen, sich in die USA durchzuschlagen, ist neu. Seit Oktober vergangenen Jahres haben GrenzschützerInnen am Río Grande fast 60 000 Minderjährige aufgegriffen. Bei diesen Kindern und Jugendlichen geht es nicht um Arbeit, sondern ums nackte Leben: Sie werden bedroht, in aller Regel von den «Maras» genannten Jugendbanden. Diese rekrutieren zunehmend strafunmündige Kinder, weil diese leichter fürs Erpressen und Morden abzurichten und einzusetzen sind. Wer sich weigert, wird oft genug selbst Opfer eines Mordes. Was bleibt da anderes, als zu fliehen?

Auch Maras gibt es schon lange. So stark wie heute aber waren sie nie. Zeitgleich mit dem Beginn der massiven Flucht von Minderjährigen in die USA ist in El Salvador ein von RegierungsvermittlerInnen ausgehandelter Waffenstillstand zwischen den beiden grossen Mara-Verbänden des Landes zusammengebrochen. Seither ist die Zahl der täglichen Morde aufs Doppelte angestiegen; Schutzgeld wird flächendeckend erpresst. Die Polizei ist vollkommen machtlos und kann froh sein, wenn ihre BeamtInnen nicht in einen von den Banden gelegten Hinterhalt geraten und erschossen werden.

Allein in El Salvador schätzt man die Zahl der Mara-Mitglieder auf 60 000 . Zählt man auch ihre Familien dazu, lebt rund eine halbe Million Menschen von deren illegalen Geschäften – fast zehn Prozent der Bevölkerung. In Honduras und Guatemala schleusen Maras als ortskundige Dienstleister der grossen Drogenkartelle Kokain in Richtung Norden. Geld und Waffen sind im Überfluss vorhanden. Es mag zynisch klingen, aber es ist so: Keine andere Branche bietet in diesen drei Ländern so viele Arbeitsplätze und Ungelernten so gute Einkommensmöglichkeiten wie das organisierte Verbrechen.

Die USA tragen daran einen Teil der Schuld. In El Salvador haben sie im Bürgerkrieg der achtziger Jahre die Militärdiktatur finanziert und damit die erste grosse Flüchtlingswelle ausgelöst. Die beiden grossen kri
minellen Verbände Mara Salvatrucha und Barrio 18 sind nicht in Zentralamerika, sondern in den Armenvierteln von Los Angeles entstanden – als kleinkriminelle Verteidigungsbünde der salvadorianischen Flüchtlingskinder gegen die Gangs der AfroamerikanerInnen. Als der Krieg vorbei war, wurden sie zurück in die Heimat deportiert. Sie trafen dort auf eine hoffnungslose Generation von Jugendlichen, die in der Gewalt des Bürgerkriegs aufgewachsen war – meist ohne Schulbildung und gänzlich ohne Hoffnung auf einen Job. So sind die Mara-Banden schnell gewachsen.

Weil die Verhältnisse in Guatemala und Honduras kaum anders sind als in El Salvador, fanden die Banden auch dort schnell AnhängerInnen. Die schwachen und korrupten Staaten hatten keine Antwort darauf, und auch dafür liegt ein Teil der Schuld bei den USA: Der Versuch von Reformregierungen, in Guatemala einen demokratischen Staat aufzubauen, wurde schon 1954 mit einem vom US-Geheimdienst CIA inszenierten Putsch abgebrochen. Es folgten 36 Jahre Bürgerkrieg, aus dem ein Oligarchenstaat hervorgegangen ist. Dessen herrschende Klasse bunkert sich in Gated Communities ein; wie es im Rest des Lands zugeht, ist ihr egal.

In Honduras liegt der letzte Militärputsch erst fünf Jahre zurück: Ende Juni 2009 wurde der gewählte linke Präsident Manuel Zelaya gewaltsam gestürzt. Wie sehr die USA daran beteiligt waren, ist umstritten. Sicher ist aber: Washington bemühte sich danach heftig und letztlich auch mit Erfolg darum, die PutschistInnen international hoffähig zu machen. Seither werden Menschenrechte Jahr für Jahr weniger geachtet, das organisierte Verbrechen hat den Staat längst unterwandert. Honduras gilt heute als das gefährlichste Land, San Pedro Sula als die gefährlichste Stadt der Welt. Und gerade dort landen die ausgeschafften Kinder.

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