Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Das Massaker von Mexiko ist nur eines von vielen

Lateinamerika ist die gefährlichste Region der Welt. Mit daran schuld ist eine verfehlte Politik der Verbrechensbekämpfung, die allein auf Repression setzt.

Von Toni Keppeler

Staatsanwalt Jesús Murillo Karam zeigte sich erschüttert, als er am Freitagnachmittag in Mexiko-Stadt vor die versammelte Presse trat. Man wisse nun, was mit den 43 Studenten geschehen sei, die am 26. September in der Stadt Iguala, knapp 200 Kilometer südlich der Hauptstadt, von der Polizei verhaftet worden waren und danach verschwanden. Ihre Überreste seien gefunden worden, nur der letzte wissenschaftliche Beweis stehe noch aus. Den sollen KriminologInnen der Universität Innsbruck liefern, die darauf spezialisiert sind, kleinste menschliche Partikel zu identifizieren. Denn mehr als Asche, Knochensplitter und verkohlte Zähne sind von den 43 Menschen nicht übrig geblieben.

Das Verbrechen, das Murillo Karam aufgrund von Aussagen beteiligter Gangster rekonstruierte, zeigt, wie eng kriminelle Banden in Mexiko mit lokalen PolitikerInnen und Polizeikräften zusammenarbeiten: Nach Strassenschlachten mit der Polizei waren die 43 Studenten auf Befehl des Bürgermeisters verhaftet worden. Die Polizei karrte sie auf einem Lkw aus der Stadt und übergab sie der Verbrecherbande Guerreros Unidos (Vereinigte Krieger).

Die Banditen ermordeten die 43 jungen Männer auf einem nahe gelegenen Müllplatz und verbrannten ihre Leichen zusammen mit alten Autoreifen und Müll. Asche, Knochenreste und Zähne wurden dann in acht grosse schwarze Mülltüten gefüllt und in einen Fluss geworfen. Einen dieser Säcke haben ErmittlerInnen gefunden. Eines der grausigsten Massaker der jüngsten mexikanischen Geschichte scheint damit aufgeklärt.

Neuer Bandentypus

Aber es ist eben nur eines, ganz gewiss nicht das letzte und nicht einmal das grösste. Im August 2010 wurden in einem Gehöft nahe der Stadt San Fernando im nördlichen Bundesstaat Tamaulipas die Leichen von 72 illegalen MigrantInnen gefunden, massakriert vom damals noch jungen Kartell der Zetas. Dieses ist so etwas wie der Prototyp der neuen Verbrecherbanden Mexikos, die anders sind als traditionelle Drogenkartelle. Deren Kriege untereinander sind zwar auch blutig und grausam. Gleichzeitig aber legen sie Wert auf ein ruhiges Umfeld und suchen deshalb ein gutes Verhältnis zur Bevölkerung. Sie bauen Kirchen, Schulen und Sportplätze und sind ein gut bezahlender Arbeitgeber. Die Zetas dagegen haben ihre Gebietsansprüche von Anfang an mit offenem Terror durchgesetzt.

Die Truppe wurde 1999 von ehemaligen Elitesoldaten aus Mexiko und Guatemala als bewaffneter Arm des damals mächtigen Golfkartells aufgebaut. 2010 machte sie sich selbstständig. Ohne eigene Kontakte und Erfahrung im Drogenhandel weiteten diese Pistoleros von Anfang an ihr kriminelles Geschäft auf Delikte wie Schutzgelderpressung, Entführungen, Menschenhandel und Zwangsprostitution aus. Opfer ist dabei die Bevölkerung, das Mittel der reine Terror. Der von Präsident Felipe Calderón (2006–2012) ausgerufene rein militärisch geführte Krieg gegen die Drogen konzentrierte sich auf sie und die traditionellen Grosskartelle. Das schuf dann wiederum Platz für viele neue, nur lokal operierende Banden wie die Guerreros Unidos.

Längst wieder auferstanden

Das Phänomen ist nicht neu: Auch in Kolumbien hat die rein militärische Bekämpfung grosser Verbrecherorganisationen in den neunziger Jahren zu einer Aufsplitterung krimineller Machenschaften geführt. Damals wurden mit massiver Hilfe der USA die Grosskartelle von Medellín und Cali zerschlagen. Das Geschäft mit dem Kokain aber ging weiter. Statt zweier grosser sind heute in Kolumbien an die hundert kleine Kartelle aktiv.

Ähnliches gilt für die einst unter einem einheitlichen Kommando stehenden rechtsradikalen Paramilitärs des Landes, die ebenfalls tief im Drogengeschäft steckten. Sie waren in den Jahren 2003 bis 2006 vom damaligen Präsidenten Álvaro Uribe aufgelöst worden. Über 30 000  Männer legten öffentlich die Waffen nieder. Doch die totgesagten Gruppen sind längst wieder auferstanden. Die Regierung nennt sie Bacrim, ein Kürzel für «bandas criminales» (kriminelle Banden). In einem letzte Woche veröffentlichten Bericht des Büros des staatlichen Ombudsmanns heisst es, diese lokal operierenden Gruppen seien in 27 der 32 Departements des Landes präsent und kontrollierten 168 Gemeinden. Sie nennen sich La Empresa (die Firma) oder Aguilas Negras (schwarze Adler), und leben nicht nur vom Drogenhandel. Sie erpressen Schutzgelder, übernehmen Auftragsmorde, kontrollieren illegale Gold- und Kohleminen und die Schlepperbanden, die MigrantInnen in den Norden bringen. Schon Kinder werden von den Bacrim in die Prostitution gezwungen.

Eine ähnliche Entwicklung spielt sich in Zentralamerika ab. Dort dominieren die sogenannten Maras seit Jahren das organisierte Verbrechen – mit einer ähnlichen Palette an Delikten wie die Guerreros Unidos in Mexiko oder die Bacrim in Kolumbien. Sie sind in den neunziger Jahren aus kleinkriminellen Jugendbanden entstanden: Junge Männer, ohne Schulbildung und in den Wirren der Bürgerkriege entwurzelt, schlugen sich mit Überfällen und Diebstählen durchs Leben und suchten in diesen Gangs eine Ersatzfamilie. Weil die Politik stets nur mit Repression reagierte, wurden sie immer professioneller, schlossen sich zu zwei grossen Verbänden zusammen – der Mara Salvatrucha und Barrio 18. In El Salvador ist nun ein von Regierungsvermittlern ausgehandelter Waffenstillstand zwischen diesen sich bekriegenden Mafias endgültig gescheitert. Barrio 18 hat sich darüber in drei verfeindete Fraktionen aufgespalten. Die Lage wird immer unübersichtlicher und immer gefährlicher.

Der Weg Nicaraguas

Lateinamerika wurde mit dem Wachsen dieser brutalen Banden zur gefährlichsten Region der Welt. Neun Prozent der Weltbevölkerung leben auf dem Halbkontinent, dreissig Prozent der weltweiten Morde werden dort begangen. Honduras führt die Rangliste mit 90 Morden pro 100 000  EinwohnerInnen im Jahr an.

Nicaragua ist dabei die erstaunlichste Ausnahme. Obwohl das Land bezüglich Armut, Struktur und Geschichte dem gewalttätigen Honduras in vieler Hinsicht sehr ähnlich ist, liegt dort die Mordquote bei einem Neuntel des Nachbarlands und weit unter dem Durchschnitt Lateinamerikas. Als in Nicaragua wie überall in Zentralamerika Maras entstanden und immer stärker wurden, reagierte die Regierung nicht nur mit Repression. Straftäter wurden polizeilich verfolgt. Gefährdete Jugendliche aber wurden in Zusammenarbeit mit Nachbarschaftsinitiativen und Kirchen mit einfachen Beschäftigungsprogrammen ins Leben des Stadtviertels eingebunden. Dem Aufkeimen krimineller Banden wurde so der Nachwuchs entzogen. Es gibt durchaus ein paar Maras in Nicaragua, aber eben nur ein paar. In El Salvador dagegen sind 70 000  junge Männer in diesen Banden organisiert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch