Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Wer Gewinn macht, lebt praktischer

Der Bremer Fotograf Peter Bialobrzeski arbeitet sich quer durch die Jahresringe urbaner Knotenpunkte in Südostasien: Elendsviertel, Märkte, Baustellen und Strassenkreuzungen. Er bewegt sich entlang von wuchernden Hochhaussiedlungen und Bürotürmen; Menschen huschen nur noch als flüchtige Bewegungen durch die boomenden Städte.

Von Lennart Laberenz

Wenn man davon ausgehen kann, dass die Welt erst durch ihre Beschreibung entsteht, dann bastelt Peter Bialobrzeski in seinen Bildbänden an einer Lebensform, die sich unter dem Kleid des grossen Versprechens der Moderne findet: der Stadt. Seine neusten Arbeiten, unter dem an Claude Lévi-Strauss angelehnten Titel «The Raw and the Cooked» erschienen, sind schmerzhaft konkret, wie sie auch metaphorisch für das stehen, was kommt. «The Raw and the Cooked» sammelt Panoramen, die eine Stadt entstehen lassen, die alle Zukunftsperspektiven klar auf der Haut zu tragen scheint.

Vom Slum zum Hochhaus

Bialobrzeski, der als Fotojournalist 1986/1987 Asien bereiste und seitdem in seiner Bildsprache auch als Bremer Professor für Fotografie analytischen Dokumentarismus mit hintergründiger Ästhetik verbindet, hat mit Bänden von asiatischen Stadtansichten wie «Neontiger» (2004), «Lost in Transition» (2007) und «Paradise Now» (2009) Preise gewonnen und einen Blick auf Umwälzungen freigelegt, deren Konsequenzen in Europa kaum erkannt werden. Zuletzt publizierte er Bücher über Slums in Manila («Case Study Homes», 2009) und Kliptown bei Johannesburg («Informal Arrangements», 2010), in denen er Lebensverhältnisse der VerliererInnen der gewaltigen Modernisierungsschübe porträtiert: Menschen, die sich aus Plastik, Pappkartons und dem Müll der grossen Konsummaschine Stadt eine Unterkunft einrichten.

«The Raw and the Cooked» beginnt, wo «Informal Arrangements» aufhört – mit einem Blick auf eine dieser zerbrechlichen Unterkünfte, wie sie in Rio de Janeiro, Kapstadt oder eben im Sand bei Manila zu finden sind. Ein einzelnes Haus ist es, mit einer wackeligen Leiter zum Hineinklettern und einer Luke zum Hinausschauen, zusammengebastelt aus Holzresten. Hier beginnt die Reise, die im nächsten Schritt die ineinander verschachtelte Lebensform eines an Bahngleisen gelegenen Slums in Augenschein nimmt. In den eng aufeinandergebauten Zimmerchen ist zu wenig Platz, weshalb das Leben meist davor stattfindet, die Garderobe hängt aussen neben dem Küchengeschirr.

Von hier dringt Bialobrzeski weiter ins Innere der Stadt, stückweise rücken die glatten Formen vom Horizont in die Bildmitte, die glänzenden Fensterfronten, die Wolkenkratzer, über denen sich wie eine Käseglocke der milchige Himmel wölbt. Gleichzeitig zieht sich das Leben von den Strassen zurück, erst in Garküchen und billige Restaurants, bevor es völlig hinter geschlossene Fassaden tritt. Aus einzelnen HändlerInnen werden flirrende Märkte und schliesslich Geschäfte, bevor die Spuren der Reproduktion und der heimischen Lust hinter blickdichten Türen und Fenstern abgeschottet werden. Während zu Beginn der Reise die BewohnerInnen hoffnungslos den Kräften der Natur ausgesetzt sind, stehen auf Hochhausbalkonen Zimmerpflanzen.

Zum Schluss ein Lichtschweif

Auch der Verkehr wechselt die Aggregatform: Wo anfangs Menschen sitzen und gehen, werden sie von Motorrädern, Bussen und Autos verdrängt. Schliesslich verliert sich zwischen absurd hohen Fassaden noch ein einzelner Lichtschweif als Rest der Bewegung. Dabei bleibt die Distanz, mit der Bialobrzeski das Leben in der Stadt durch das zurückgenommene Farbspektrum betrachtet, gleich – keine Romantik und kein Mitleidsepos in den Armenvierteln, kein Moralisieren vor dem Hochhaus.

Bialobrzeskis Panoramen sind oft Langzeitbelichtungen, wodurch die BewohnerInnen zu einem Rauschen aus Gliedmassen aufgelöst werden. Sie fliessen durch die dicht bevölkerten Strassen und verlieren ihre Körperlichkeit. Die Beleuchtung – Privileg der stabilen Lebensformen und des Reichtums – steigert sich langsam zu einem Gleissen. Dadurch aber wird der Blick auf die eigentliche Bewegung frei: Baukräne zeichnen Spuren des Fortschritts am Firmament, das Alte – Gebäude, die zum Abriss freigegeben sind – hält sich kaum mehr vor den vorrückenden Hochhäusern. Manche sind in den unteren Stockwerken schon bewohnt, während oben noch gebaut wird. Die Quartiere der Armen sind aus dem Blickfeld verschwunden.

Bialobrzeski überlässt den BetrachterInnen Urteil und Erkenntnis: Oberflächlich betrachtet porträtieren seine Bilder die Gegenwart der rasenden Erneuerung in asiatischen Städten. Radikaler Pragmatismus, der allenfalls in Imitaten – Säulen, die den Balkon abstützen – Tradition zitiert.

Der Bauboom ist auch anderen aufgefallen: Als Jürgen Habermas 2001 von einem China-Aufenthalt zurückkam, staunte er in der «Zeit» , dass so wohl nur in «totalitären Staaten» gebaut werden könne. Er meinte damit den grossflächigen Abriss in Schanghai und Beijing. Bialobrzeski widerspricht dieser These insofern, als dass die konkrete Staatsform vom Umgang mit gebauter Geschichte unabhängig ist. Ob konstitutionelle Monarchie, Militärregime oder Demokratie: Die Unterschiede der Knotenpunkte unseres Wirtschaftssystems sind marginal. São Paulos Schlafstädte unterscheiden sich kaum von Vierteln in Schanghai oder Kuala Lumpur. «Ein Teil von unserer Tradition liegt in der Erneuerung», hatte eine chinesische Soziologin etliche Jahre nach Habermas’ Besuch bemerkt. «Wo der Westen auf die romantischen Gassen blickt, sehen wir Toilettenhäuschen auf der Strasse und fehlende Heizung.»

Die Zentren der Ökonomie

Bialobrzeskis erkennt eine Welt, deren ästhetisches Prinzip einen ordnenden Kern hat: Der Mensch wird nach seiner Marktfähigkeit eingeteilt, Wohnen und Leben passen sich dieser an. Die Bildstrecke beobachtet eine Totalität, die baut und Leben sortiert. Die Ordnung entstammt einer Logik, die Warenproduktion durch Finanzkapitalismus ablöst: Was Gewinn bringt, ist praktisch, wer Gewinn macht, lebt praktischer. «The Raw and the Cooked» ist eine kognitive Fahrt durch die urbanen Zentren unserer Ökonomie.

Wenn der Blick am Ende vom Innenhof über Dutzende Stockwerke kleiner Wohnungen fällt, hängen schon wieder die Kleider aussen, allerdings sind die Schachteln nun sauberer und dichter übereinandergestapelt. Im Zentrum ist das Leben anämischer geworden: Es findet nun hinter festen Mauern statt und wird von Apparaten belüftet. Es ist dicht, anonym und einsam.

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