Nr. 20/2022 vom 19.05.2022

Wie geht Bauen für netto null?

Die Schweiz baut viel und reisst viel ab. Ökologisch ist es fast immer sinnvoller, bestehende Gebäude zu sanieren, statt neue zu bauen. Und mit der Wiederverwendung alter Bauteile könnten sehr viele Emissionen eingespart werden. Wie reagieren Politik und Praxis auf diese Erkenntnisse?

Von Johanna Diener (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Weisser Baustaub steigt empor im Zürcher Quartier Unterstrass. Ein Bagger arbeitet sich an der klaffenden Bruchstelle einer Hauswand voran und lässt Stück um Stück davon zu Boden krachen. Auf den Balkonen der umstehenden Häuser, die auf ihren Abriss warten, reiht ein Arbeiter ausgehängte Fenster- und Türscheiben aneinander. Neben einem Hauseingang steht ein alter Kühlschrank. An ihm kleben noch farbige Sticker und Magnete mit Smileys.

Auf der Abbruchbaustelle zwischen zwei Quartierstrassen müssen Mehrfamilienhäuser aus der Zwischenkriegszeit modernen Ersatzneubauten Platz machen. Die ächzende Baumaschine steht auf einem eindrücklichen Schutthaufen, der mit jedem erfolgreichen Zupacken der Baggerkralle weiter anwächst. Für fast zwei Drittel des gesamten Schweizer Abfalls ist der Bausektor verantwortlich. Die schieren Abfallmengen führen mittlerweile zu einem ernsthaften Platzproblem auf den Deponien. Und zu doppeltem Ressourcenverbrauch: Bestehendes wird vernichtet, und Neues muss an dessen Stelle produziert und gebaut werden.

Sanieren statt neu bauen

«Eigentlich dürfte man gar nichts mehr neu bauen», sagt die Umweltingenieurin und Bauphysikerin Nadège Vetterli. «Egal wie ökologisch der Neubau am Schluss ist – wenn wir die graue Energie miteinbeziehen, wird klar, dass wir diese gar nie ausgleichen können.» Vetterli spricht von der Energie, die für die Herstellung der Baumaterialien und den Bau eines Hauses benötigt wird. Sie leitet beim Bundesamt für Energie das Forschungsprogramm Gebäude und Städte. Das Thema der grauen Energie und der grauen Treibhausgase beim Bauprozess wird immer wichtiger. Dazu hat ihre Stelle kürzlich eine Studie veröffentlicht, die untersuchte, ob aus energetischer Sicht Ersatzneubauten oder Sanierungen von bestehenden Gebäuden besser abschneiden. Das Resultat deckt sich laut Vetterli mit immer mehr Expert:innenmeinungen: Sanierungen sind in den meisten Fällen ökologischer. Denn der Rohbau eines Gebäudes verschlingt viel graue Energie: Fundament, Wände, Decken oder Dächer. Bei einer Sanierung können diese oft erhalten bleiben.

Bis zum Dach reicht der Arm des Abbruchbaggers. Er macht sich am Obergeschoss der Wohnhäuser zu schaffen, wo bereits ein riesiges Loch klafft. Backsteine, Fetzen von Dämmmaterial und alte Sonnenstoren der Dachfenster donnern gemeinsam zu Boden. Aus dem beschädigten Giebeldach ragen spitze Reihen von Holzlatten wie das Gerippe eines toten Tiers. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite stehen Häuser derselben Eigentümerschaft. Sie bleiben jedoch vom Abbruchschicksal verschont; sie wurden bereits saniert.

Der Gebäudepark ist für 45 Prozent des Schweizer Energieverbrauchs und ein Viertel der in der Schweiz ausgestossenen Treibhausgase verantwortlich. Ein riesiges Einsparpotenzial – auch wenn sich in diesem Bereich durchaus etwas getan hat. Die Ölkrise in den 1970er Jahren führte zu einem Schub bei den Gebäudedämmungen, sodass der Heizwärmebedarf stark sank. Seit der Jahrtausendwende werden Öl- und Gasheizungen vermehrt durch mit erneuerbaren Energien betriebene Heizungen ersetzt. Zwar gibt es immer noch zu viele Öl- und Gasheizungen, aber die graue Energie der Gebäude ist mittlerweile für etwa gleich viele CO₂-Emissionen verantwortlich wie das Heizen. Soll heissen: Sind einmal alle fossilen Heizungen ersetzt – was hauptsächlich politischen Willen erfordert, da die Technologie zu erschwinglichen Preisen bereits existiert –, dann ist die graue Energie der wichtigste Klimaschutzhebel im Gebäudebereich.

Auch Dämmen hat Tücken

Klimaschutz beim Bauen bedeutete in den letzten zwanzig Jahren aber vor allem eins: abreissen und vermeintlich «ökologische» Häuser bauen, die im Betrieb kaum noch Energie benötigen. Für echten Klimaschutz müssen aber neben der Betriebsenergie die graue Energie und die grauen Emissionen miteinbezogen werden. Wie viel CO₂ in einem ganzen Bauprojekt steckt, ist denn auch eine enorm wichtige Frage.

Manchmal könne sich ein neuer Bau lohnen, sagt Nadège Vetterli, etwa auf grossen Fabrikarealen, wenn die noch bestehenden Gebäude sehr alt seien und extrem viel Renovationsarbeiten benötigten, daneben aber Platz für einen Neubau mit erneuerbarem Heizsystem sei. Oder bei Gebäuden, deren Betrieb extrem viel Energie brauche, wie Spitäler oder Laboratorien. Es gibt also nicht die eine nachhaltige Bauweise. «Insgesamt muss aber viel mehr Bestehendes saniert statt ersetzt werden», sagt Vetterli. Dazu gehörten auch die zahlreichen alten Häuser aus dem Genossenschaftsbauboom der zwanziger und dreissiger Jahre, die das Bild vieler Schweizer Städte prägen. Natürlich müsse man das immer im Einzelfall abklären, meint sie. Aber in der Regel hätten diese Häuser eine hervorragende Bausubstanz und böten viel Wohnraum, sodass ein Ersatzneubau kaum mithalten könne.

Ein Prozent der Schweizer Gebäude wird jährlich saniert. Mindestens das Dreifache wäre nötig für das Szenario netto null bis 2050. Doch auch die Unmengen an dafür nötigem Material verschlingen graue Energie. Sie könnte durch alternative Baustoffe für Dämmungen wie Holzwolle, Stroh, Hanf oder Schafwolle stark reduziert werden. Aber natürlich sind auch diese erneuerbaren Stoffe nicht unendlich verfügbar. Einen weiteren Hebel sieht Vetterli bei den Vorschriften, die heute eine Minimaldicke für Dämmungen vorschreiben. Etwas dünneres Material würde genügend gut isolieren, ökologisch viel besser abschneiden und wäre viel günstiger. «Sanierungsvorschriften sollten gelockert, aber die Vorschriften für Neubauten massiv verstärkt werden. Ein Ersatzneubau dürfte sich nur lohnen, wenn in der Gesamtbetrachtung Energie eingespart wird», sagt Vetterli.

Doch gäbe es überhaupt genug bestehende Gebäude, um die wachsende Bevölkerung unterzubringen? Die Studie von Vetterlis Forschungsprogramm kommt zum Schluss: Durch bessere Verdichtung könnten zusätzlich bis zu 1,4 Millionen Menschen in den Städten wohnen. Nicht durch Abrisse und Ersatzneubauten, sondern hauptsächlich durch Investitionen in bestehende Gebäude: Umnutzungen, Sanierungen, Aufstockungen.

Die Realität sieht anders aus: Baustellen brummen. Dabei haben sich einige Städte ehrgeizige Netto-null-Ziele gesetzt. Zürich etwa will bei den eigenen Verwaltungsgebäuden bis 2035 klimaneutral sein. Doch bereits die heute geplanten Grossprojekte des Hochbauamts werden das CO₂-Budget der Stadt wahrscheinlich sprengen. Verständlicherweise stehen die Behörden in einem extremen Zielkonflikt: Erhalten versus Bauen und Verdichten. Sie müssen Schulen und bezahlbaren Wohnraum schaffen. Aus Architekt:innenkreisen und Baukommissionen ist allerdings auch zu hören, dass sich bei Wettbewerben für grosse Bauprojekte bis heute durchaus sinnvolle Sanierungs- und Umbauvorschläge oftmals nicht gegen Projekte mit Ersatzneubauten durchsetzen können.

Neu bauen mit Gebrauchtem

Doch Bauen geht auch anders. «Ich finde es einfach normal, dass wir Dinge, die noch funktionieren, nicht wegschmeissen», sagt Valérie Waibel. «Und dass dieser Grundsatz auch beim Bauen funktioniert, ist toll.» Die Architektin steht auf einer kleinen Baustelle am Rand von Winterthur. Neben ihr türmen sich alte Fenster. Diese warten aber nicht auf den Abtransport durch den Entsorgungswagen, sondern auf eine neue Verwendung. Hier im Neuhegi-Quartier koordiniert Waibel zusammen mit den Architekt:innen Kevin Demierre und Barbara Buser, Gastdozentin an der ETH, und dem ETH-Lehrstuhl für Bautechnologie und Konstruktion (BUK) ein Student:innenprojekt. Die Aufgabe: einen Pavillon ausschliesslich mit wiederverwendetem Material von Abbruchbaustellen bauen.

Ein ganzes Sammelsurium an geretteten Bauteilen hat sich auf dem Bauplatz angesammelt. Holzlatten, Fenster, Linoleummatten, ein Emaillewaschbecken – die Liste ist lang. Im Hintergrund ist das Heulen einer Bohrmaschine zu hören. Erste Holzbalken für die Tragstruktur des Pavillons werden verbaut. «Bei dieser Art des Bauens entwerfe ich nicht zuerst und bestelle dann das Material, das ich brauche», sagt Waibel. Es funktioniere genau umgekehrt: «Ich schaue, was es gibt, und lasse mich vom Vorgefundenen inspirieren.» Mit diesem Ansatz hat sie bereits diversen alten Industriebauten neues Leben eingehaucht. So entstand etwa auf dem Winterthurer Lagerplatz ein Museum in einer Lagerhalle.

Wiederverwendung ist von Wiederverwertung – dem Recycling – zu unterscheiden. Bei Letzterem werden Abbruchabfälle nach Material getrennt, zerkleinert und wieder aufbereitet. Stahl etwa wird dabei eingeschmolzen. Dies schont zwar Ressourcen, braucht aber sehr viel Energie. Bei der Wiederverwendung hingegen werden die Stahlprofile demontiert und in gleicher Form wiederverwendet.

Für das Projekt in Neuhegi haben die Student:innen Abbruchhäuser durchforstet. Sie fanden Secondhandmaterial für Tragkonstruktion, Dämmung, Fassade, Fenster und Küche des Pavillons. Sogar Beton. Er stammt vom Abriss eines Hochhauses und bildet nun das Fundament für die Holzstützen. «Wiederverwendete Betonelemente habe ich wirklich noch nie gesehen», sagt eine Studentin dazu.

«Häufig finden wir auch kulturell wertvolle Bauteile, die heute gar nicht mehr produziert werden, weil es viel zu teuer wäre», sagt ein Student. Etwa die Terrakottaziegel, die er auf der Abbruchstelle der Baugewerblichen Berufsschule in Zürich gesammelt hat. Sie wurden früher in einem speziellen Brennverfahren hergestellt, das jedem Stein seine eigenen Nuancen und seine eigene Färbung verlieh.

Beim Wiederverwendungsprojekt geht es einerseits um das Erhalten wertvoller Baumaterialien und das Schonen von Ressourcen, andererseits um die Klimabilanz. «Wir vergleichen das CO₂ für die Demontage und, falls nötig, die Aufbereitung der Teile mit dem CO₂, das für die Herstellung neuer Teile nötig gewesen wäre», sagt Valérie Waibel. Oft stellt sich auch die Frage, bis zu welcher Distanz ein Transport der Teile sinnvoll ist. Viel wird sich das Bauteam diesbezüglich aber nicht anrechnen lassen müssen: Das Material stammt aus einem Umkreis von etwa zwanzig Kilometern.

Sorgfalt kostet

Auf dem Pavillonbauplatz trimmen Kreissägen alte Holzlatten auf die korrekte Länge für ihre neue Aufgabe. Im Hintergrund brummen Baumaschinen einer Grossbaustelle. Können Wiederverwendungsbauten auf dem heutigen Immobilienmarkt bestehen? Die Baumaterialpreise sind durch Corona und den Krieg gegen die Ukraine zwar stark gestiegen. Aber besonders in der Schweiz hätten wir ein Ungleichgewicht zwischen teurer Arbeit und im Vergleich viel zu billigem Material, meint Waibel. «Es ist nicht billiger, mit gebrauchten Teilen zu arbeiten.» Als Bauherrschaft dann erst noch ein Gebäude zu erhalten, das nicht der heutigen Vorstellung eines Neubaus entspricht, sei für viele unattraktiv.

«CO₂ muss einen angemessenen Preis haben, damit sich die Wiederverwendung lohnt», sagt Waibel. Die Abbruchfirmen seien heute nicht auf das Wiederverwenden spezialisiert, und Häuser seien oft nicht so erstellt worden, dass die verwendeten Bauteile einfach zu demontieren seien. Vor allem fehle aber der Informationsfluss. «Es ist ein bisschen wie ‹Blinde Kuh›. Ich taste mich voran und hoffe, dass ich zum richtigen Zeitpunkt das richtige Abbruchobjekt mit den benötigten Materialien finde.»

«Wir bräuchten eine Art Tinder für Bauteile», sagt Kevin Demierre, «das Angebot und Nachfrage aufeinander abstimmt.» Demierre ist Mitarbeiter im «baubüro in situ», das hierzulande der helle Stern am Bauteilwiederverwendungshimmel ist. Dem ebenfalls am Pavillonprojekt beteiligten Architekten schwebt ein Netzwerk von Produzent:innen vor, die ihre eigenen Materialien bei Abbrüchen wieder abholen, falls nötig aufbereiten und dann wieder anbieten. «Bei ihnen liegt das grösste Know-how für ihre Produkte», sagt er. Und sie könnten damit erst noch Arbeitsplätze schaffen.

Das Bauen mit Wiederverwendetem hat Potenzial. Auf dem Winterthurer Lagerplatz, einer ehemaligen Sulzer-Produktionsstätte, sitzen drei neue Stockwerke mit Büros und Ateliers auf dem Dach einer alten Lagerhalle. Von aussen fallen die orange leuchtende Aluminiumfassade und die vielen unterschiedlichen Fenster auf. «Innen haben wir Occasionstahlbalken als Tragstruktur verwendet», sagt Demierre, «und daran hängen die wiederverwendeten Fassaden- und Dämmelemente.» Die Fertigstellung des Baus K.118 vom «baubüro in situ» sorgte 2021 für Begeisterung: Das von der Pensionskasse Abendrot in Auftrag gegebene Projekt besteht zu siebzig Prozent aus wiederverwendeten Bauteilen. Die Vorgabe: Es durfte nicht teurer werden als ein kompletter Neubau. Die Bemühungen haben sich gelohnt: Dank wiederverwendeter Bauteile wurden sechzig Prozent der CO₂-Emissionen eingespart.

Macht das CO₂-Gesetz alles schlimmer?

Klimaziele und politische Realität driften in der Schweiz weiter auseinander. Die gesetzlich bindenden Richtlinien für den Klimaschutz beim Bauen sind komplett ungenügend. Es gibt keine allgemeine Sanierungspflicht und keine verpflichtenden Regeln zum Umgang mit grauer Energie. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) hat zwar ein viel beachtetes Merkblatt zur Gebäudeplanung und grauer Energie verfasst. Aber Merkblätter bleiben Empfehlungen.

Diesbezüglich kritisieren Umweltverbände und der Heimatschutz die neuste Revision des CO₂-Gesetzes: Sie fokussiere viel zu einseitig auf die Reduktion der Betriebsenergie. «Der ganze Bereich der grauen Energie und des Umgangs mit Ressourcen wird so stiefmütterlich behandelt», sagt Stefan Kunz, «obwohl seine Wirkung auf das Klima höchst relevant ist.» Der Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes befürchtet, dass somit Abrisse für Ersatzneubauten mit nachhaltigen Heizsystemen auf Kosten von Sanierungen gefördert werden könnten.

«Die Angst ist berechtigt», sagt Bastien Girod, Zürcher Nationalrat der Grünen und Mitglied der Umweltkommission des Parlaments. Die Kritik müsse unbedingt aufgenommen werden. «Es stimmt: Wir müssen klar sagen, dass die Abrissbirne keinen Sinn mehr hat.»

Auch der Klimastreik fordert in seinem «Climate Action Plan» ein Baumoratorium (siehe WOZ Nr. 2/2021) – zumindest bis klimaverträgliche Möglichkeiten gefunden werden. Öffentliche Bauten wie Schulen wären davon ausgenommen. «Der Anspruch ist grundsätzlich richtig», findet Girod. Ob dies die Akzeptanz für den Klimaschutz erhöhen würde – da setze er allerdings ein grosses Fragezeichen. «Aber es ist essenziell, dass wir die graue Energie beim verbleibenden CO₂-Budget mitrechnen.» Wie das genau passieren soll, darauf hat die Politik noch keine Antwort.

Barbara Buser hat das «baubüro in situ» mitgegründet und beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit dem Thema «Umbauen und Wiederverwenden». Sie weiss, wie wenig diesbezüglich auf politischer Ebene lief. In der Schweizer Abfallverordnung ist zwar die Reihenfolge «Reduzieren», «Wiederverwenden» und erst dann «Recyceln» definiert. Doch das bleibt theoretisch. Ein Postulat aus dem Nationalrat, mehr wiederzuverwenden, wurde mit der Begründung abgelehnt, es sei zu kompliziert. Obwohl man wisse, dass Isolieren und Recycling nicht reichten. Recycling aber wird vorgeschrieben und finanziert.

Für Buser ist dies ein systemisches Problem: «Recycling ist für mich eine Männersache», sagt sie. «Man sammelt Materialien, zerkleinert sie, schmilzt sie ein und macht Neues daraus.» Es bedeute Lärm, Staub und Unmengen an Energie- und Transportaufwand. Wiederverwenden hingegen sei sorgfältiges Analysieren, Sammeln, Aufbereiten, Putzen. Buser verbindet dies mit den Arbeitsweisen von Frauen. Dass die gebaute Umwelt über Jahrzehnte von Männern für Männer gemacht wurde, wird immer mehr zum Thema, und geschlechtergerechte Stadtplanung entwickelt sich (siehe WOZ Nr. 48/2020). «Ich will für das Wiederverwenden mindestens gleich gute Anreize und Bedingungen wie für das Recycling», sagt Buser. Im überarbeiteten Umweltschutzgesetz soll die Finanzierung für das Recycling nun tatsächlich auch für wiederverwendete Bauteile gelten. Und der Bund soll Wiederverwendungsplattformen fördern. National- und Ständerat müssen dies aber noch bestätigen.

Die Ästhetik der Zukunft

Beim Mittagessen auf der Neuhegi-Baustelle wird rege diskutiert. In anderen Entwurfssemestern habe sie tolle Einzelprojekte geplant, sagt eine Studentin. Doch die Erfahrung der Bauteilwiederverwendung habe massgeblich beeinflusst, wie sie in Zukunft als Architektin wirken wolle. «Durch unseren Ansatz ergibt sich auch eine völlig neue Ästhetik», sagt Kevin Demierre, «bedingt durch die verfügbaren Materialien.» Diese Ästhetik gehe einen Schritt weiter, sagt Demierres Tischnachbar. Nicht nur formal, sondern auch sozial und gesellschaftlich sei sie ein Bekenntnis.

Das Projekt hinterlässt Spuren und ist beliebt. Doch Busers Gastdozentur wurde nicht verlängert, und auch die Bewerbung eines Kollektivs von erfahrenen Wiederverwendungsarchitekt:innen für einen Lehrstuhl an der ETH blieb erfolglos. Die Studierenden sind darüber frustriert und fordern bei den Auswahlverfahren mehr Transparenz. «Gerade mal zwei Zeilen lang», sagt Buser, sei die Absage auf das ausführliche Bewerbungsdossier gewesen. Gründe dafür seien nicht kommuniziert worden. Die renommierte Architekturschule der ETH verpasst damit eine riesige Chance, denn die Architekt:innen der Zukunft müssen in ganz neuen Formen denken.

Und was passiert mit der Fenstersammlung auf der Zürcher Abrissbaustelle? Findet sie eine neue Verwendung? Die Bauarbeiter winken ab. Die Fenster würden alle entsorgt. Viel zu gross sei der Aufwand, die Fensterrahmen sorgfältig und sauber zu demontieren, damit sie wiederverwendet werden könnten. Sie seien aber erst zwanzig Jahre alt. Rein rechnerisch sind die Fenster damit noch zehn weitere Jahre für Emissionen auf der Treibhausgasbilanz verantwortlich. Die graue Energie und das CO₂ werden nämlich immer über eine hypothetische Lebensdauer der Bauteile berechnet. Bei Fenstern sind das dreissig Jahre. Immerhin händigt der Gruppenleiter des Abrissteams seine Visitenkarte aus: Man könne ihn gerne anrufen und, wenn alles selbst organisiert werde, die Fenster abholen kommen.

Lesen Sie im WOZ-Blog, wie Fenster von Schweizer Abbrüchen beim Wiederaufbau in der Ukraine wiederverwendet werden: woz.ch/ukraine.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch