Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

KönnerInnen kopieren kreativ

Im Grunde sind wir alle PlagiatorInnen. Das Nachahmen ist eine der ältesten Kulturtechniken, und ihre zeitgenössische Ausdrucksform heisst «copy and paste».

Von Eduard Kaeser

Eine der vielen Charakterisierungen, in denen sich der Mensch selbstschmeichelnd vom Tier zu unterscheiden sucht, hebt ihn als Homo faber hervor. Man erinnert sich der berühmten Definition Benjamin Franklins, der den Menschen als das Werkzeug fabrizierende Tier bezeichnete. Diese Definition gereicht dem Menschen zwar zur Distinktion im Tierreich, wird heute aber von ZoologInnen bestritten und beschreibt ohnehin bloss einen ganz kleinen Teil unserer Spezies. Der überwiegende Teil erfindet nämlich nicht, sondern ahmt andere nach. Der Mensch, so möchte man Franklin korrigieren, ist viel eher das Werkzeug kopierende Tier. Das gilt übrigens nicht nur für Werkzeug, sondern für alle Hervorbringungen, zumal geistige.

Jedermanns Pfeilspitze

Die Evolution, so der britische Biologe Mark Pagel, hat nicht die InnovatorInnen, sondern die KopistInnen unter uns favorisiert. Sicher gab es unter unseren frühmenschlichen VorfahrInnen Tüftler und Bastlerinnen, die sich den Kopf darüber zerbrachen, wie man eine wirksamere Pfeilspitze herstellen kann. Kaum aber war die Erfindung in Gebrauch, versuchten sie andere zu reproduzieren. «Soziales Lernen» nennt sich das. Es hat uns entwicklungsgeschichtlich von den andern Arten weg in die Sphäre der Kultur hochkatapultiert.

Spinnt man den Gedanken etwas weiter, liesse sich sagen, dass der technische Fortschritt Kopieren zu einer «normalen» Kulturtechnik werden lässt. Wir leben im Zeitalter des Abkupferns: Das Internet macht nicht nur all das, was andere denken, sagen und tun, fast augenblicklich zugänglich, es macht es auch verführerisch leicht, das, was andere denken, sagen und tun, zu übernehmen und zu kopieren. Das weckt unweigerlich Erinnerungen an jüngst inkriminierte Praktiken in Literatur und Wissenschaft. Könnte man sich daraus eine Billigung zurechtbiegen? Kopieren, Leute, ist gar nicht so anrüchig; wir sind schon von Natur aus KopistInnen!

Man kann übrigens immer die Gesellschaft ganz Grosser apologetisch herbeizitieren. Thomas Mann etwa bezeichnete sich als «höheren Abschreiber». Die Psychologie kennt sogar ein hübsches Fachwort: «Kryptomnesie» – unbewusstes Aneignen fremden geistigen Eigentums, das der Verwender später für eine Eigenleistung hält. Nicht zu vergessen auch der Spruch des amerikanischen Autors Wilson Mizner: «Kopierst du von einem Autor, ists ein Plagiat – kopierst du von zweien, ist es Wissenschaft.»

Neue Technologien verändern alte Kulturtechniken. Schreiben etwa, so könnte eine zeitadaptierte Definition lauten, bedeutet im digitalen Kontext die Betätigung zweier Computertasten: «copy» plus «paste». «Aus einer Tastenkombination des Computers ist eine neue Kultur entstanden, die uns alle prägt. Und die wir prägen», schreibt Anaïs Hostettler, Herausgeberin des einschlägigen Organs «Copy Paste Reality». In den Ohren der jüngeren Generation klingen hier – ganz anders als bei denen der älteren – kaum noch zynische Obertöne mit. Es herrscht ein cooleres Verhältnis zum Kopieren vor.

Ken Goldsmith zum Beispiel, Autor und Dozent an der University of Pennsylvania, hat kürzlich das Plagiat im digitalen Zeitalter als «Repurposing» bezeichnet – als Umfunktionieren und Wiederverwerten. Sein Hauptargument: Es gibt so viel Text im Internet, warum noch neuen hinzufügen? Die eigentliche Arbeit liegt nicht im Produzieren von neuem Text, sondern im Sortieren, Filtern und Rekombinieren von abrufbarem Textmaterial, einer Art von Recycling.

Goldsmith lehrt ein Fach namens «Uncreative Writing». «Studenten werden darin für jeglichen Anflug von Originalität und Kreativität bestraft», schreibt er, «belohnt werden sie dagegen für Plagiat, Identitätsdiebstahl, Umfunktionieren von akademischen Papieren, zusammengestückeltes Schreiben, Samplen, Plündern, Klauen. Es überrascht nicht, dass sie gedeihen. Auf einmal sieht sich das, worin sie heimlich Experten geworden sind, ans Tageslicht gebracht und im sicheren Umfeld der Klasse umgedeutet zu etwas Verantwortungsvollem statt Rücksichtslosem.»

Machen wir uns nichts vor: Die meisten Schülerinnen und Schüler schreiben heute Texte so, wenngleich klandestin. Warum sollten wir dies nicht einfach als eine bestehende, durch die digitalen Medien geförderte Praxis akzeptieren und versuchen, das Beste daraus zu machen? Möglicherweise entstehen daraus neue Formen kreativen Umgangs mit Texten, ein neues Schreiben.

In der Malerei oder in der Musik sind solche Techniken längst gang und gäbe. Beat-Autoren wie William S. Burroughs führten sie in den fünfziger Jahren in die Literatur ein. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem publizierte 2007 mit einiger augenzwinkernder Ironie einen Essay, der das Thema «Plagiat» behandelt und aus nichts als Plagiaten besteht. Genauer: Er ist zusammengeschnipselt aus lauter offengelegten, leicht revidierten Zitatfragmenten. Der Text zeugt durchaus von einer Qualität sui generis, das heisst nicht von einer Könnerschaft im herkömmlichen schriftstellerischen Sinn, sondern von Könnerschaft des kreativen Kopierens sozusagen.

Natürlich ist das keine Apologie des Betrugs und geistigen Diebstahls. Wenn heute die Technologie das Kopieren leichter macht als je zuvor, muss man ganz einfach die Frage nach der Originalität im digitalen Kontext neu stellen. Dabei sollten wir uns als Erstes von der Sicht trennen, es gehe bei der Einführung neuer Kulturtechniken immer gleich um ein Entweder-oder.

Die Schönheit des kopierten Texts

Eine Umwertung des Kopierens wäre umso angesagter, als die Kopie ja nicht immer und überall als minderwertig galt und gilt. In Asien rangiert sie höher als im Westen. Was unter anderem damit zu tun hat, dass die Wertschätzung kultureller Praktiken wie Malerei, Kochkunst oder Sportarten sich nicht so sehr an ihrer Originalität bemisst als an ihrer Traditionalität. Sie werden bewahrt, indem man sie bewusst nachahmt, kopiert.

Bereits die mittelalterliche Praxis der klösterlichen Skriptorien in Europa mass dem Kopieren einen hohen Stellenwert bei. Die handschriftliche Wiedergabe von Manuskripten fördere die Kultur der Gelehrsamkeit, liest man etwa bei Johannes Trithemius in seinem «Lob der Schreiber»: Mönche sollten das Kopieren von Hand trotz der Druckerpresse weiter pflegen, weil es die müssigen Hände beschäftigt halte, zu Fleiss, Demut und tiefer Kenntnis der Schrift anrege und auch die Schönheit, Lauterkeit und Individualität des kopierten Texts gegenüber der Fehlerhaftigkeit des Druckerzeugnisses hochhalte.

Originalität neu definieren

Der Gegensatz von Original und Kopie beruht auf der Renaissanceidee des individuellen Genies, das allein aus sich selbst heraus schafft – eine Idee, die sich in der Folge zum Kampfinstrument in der Konkurrenz der Kreativität entwickelte. Mit den Produktionsbedingungen, die das Internet diktiert, wird dieser Anspruch obsolet. «Je immaterieller ein Original ist, desto häufiger wird das Copyright zwischen der mühseligen Nachbildung Strich für Strich und der sofortigen Aneignung mit elektronischen Mitteln zerrieben werden», schreibt der Kulturwissenschaftler Hillel Schwartz.

Aber dadurch fällt kein Zacken aus der Krone der Originalität. Sich vom Gedanken dieser Art von Urheberschaft zu verabschieden, bedeutet höchstens, einen graduellen Unterschied einzuführen: mehr oder weniger originell – oder besser: mehr oder weniger originell kopiert. Sammeln, Kopieren, Remixen: «Produktive Referenzkultur» nennt man das jetzt schon ziemlich hochgestochen.

Wenn Kultur zu einem wesentlichen Teil aus Genealogien von Abgeschriebenem, Abgelauschtem, Abgeschautem besteht und diese Genealogien in den endlosen Verästelungen des Netzes ihre schier unermessliche intertextuelle Erweiterung finden, ist das entscheidende Kriterium der Originalität und Kreativität in der Tat nicht die Schaffung aus dem Nichts, sondern die Schaffung aus den Links. Im Funkenschlag zwischen dem bisher Unverbundenen geschieht das Entscheidende.

Fantasie, Imagination, Kombinationsgabe sind individuelle Vermögen. Sie können durch das Netz verstärkt werden, nicht ersetzt. Das Aufhebens, das um die Möglichkeiten der Partizipation und des sozialen Lernens gemacht wird, ist im Grunde viel Lärm um die alte Banalität: Wir lernen voneinander, indem wir Dinge von andern nachmachen. Der Mensch ist das Tier, das kopiert. Auf jeder Stufe der technischen Entwicklung tritt es in neuer Version in Erscheinung – zurzeit: als Homo copians 2.0.

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