Nr. 23/2010 vom 10.06.2010

Googles gnadenloses Gedächtnis

Im gigantischen Speicher des Internets geht nichts unter. Kommt es zum Kräftemessen zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz?

Von Eduard Kaeser

Ireneo Funes, der traurige Held in Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte «Das unerbittliche Gedächtnis», besitzt nach einem Reitunfall eine Gabe, die eher wie ein Fluch auf ihm lastet. Er leidet unter einer Art von «Total Recall»: Funes lernt mühelos neue und alte Sprachen, prägt sich jede autobiografische Einzelheit ein, liest Plinius im Original und kann komplexe visuelle Szenen nahezu fotografisch erfassen. «Ich vermute, dass er zum Denken nicht sehr begabt war», urteilt Borges über sein Geschöpf. «Denken heisst, Unterschiede vergessen, heisst verallgemeinern, abstrahieren. In der vollgepfropften Welt von Funes gab es nichts als Einzelheiten, fast unmittelbarer Art.»

Borges’ Erzählung erschien erstmals 1942. Und sie mutet auf unheimliche Weise wie eine Vorwegnahme unseres Zeitalters an. Funes, das ist Google in Menschengestalt.

«Das Netz vergisst nie»

Andrew Feldmar, ein Psychotherapeut aus Vancouver, schrieb 2001 in einem wissenschaftlichen Artikel, in den sechziger Jahren einmal LSD probiert zu haben. Als er fünf Jahre später, wie schon oft, in die USA einreisen wollte, googelte einer der Grenzbeamten nach seinem Namen. Die Maschine spuckte den Artikel von 2001 aus. Auf die Frage des Beamten, ob die Aussage über LSD stimme, bejahte Feldmar. Woraufhin ihm beschieden wurde, dass er als «Drogenkonsument» gelte. Er wurde zurückgewiesen und darf seither nur noch mit einer Sondergenehmigung in die USA einreisen. «The Net Never Forgets» – das Netz vergisst nie – formulierte der Journalist Joseph D. Lascia schon 1998 in einem hellsichtigen Onlineartikel: «Gesprochene Wörter verschwanden früher wie Dampf in der Luft; Zeitungen vergilbten und wurden zu Staub. Heute ritzt sich die Vergangenheit wie ein Tattoo in unsere digitale Haut.»

Das Internet hat sich rasant von einem Mittel der Kommunikation und Informationsbeschaffung in eine neuartige digitale Öffentlichkeit transformiert. Sobald wir – und das sind nicht bloss Promis und andere menschliche Pseudoerscheinungen – daran teilnehmen, verlieren wir sozusagen einen Teil der Verfügungsgewalt über uns selbst. Der Netznutzer wird zum Netzbenutzten. Unsere Äusserungen, Gewohnheiten, Intimitäten und Indiskretionen werden prinzipiell zugänglich – für Familienangehörige, Freundinnen, Übelwoller, Personalchefs, Vermieterinnen, Steuerbeamte, Schnüfflerinnen, Nachsteller.

Was wir auch tun, wir hinterlassen Spuren, in die andere klicken können. Im Jahre 2007 machte Google publik, dass bis dato jede einzelne Suchanfrage und jedes nachfolgende Suchergebnis gespeichert worden seien. Man kann sich das unmöglich vorstellen: Um die dreissig Milliarden Suchanfragen erreichen Google durchschnittlich im Monat, die die Maschine archiviert, auf Trends analysiert sowie demografisch auswertet. Durch geschickte Verknüpfung von Logindaten, Cookies und IP-Adressen ist es inzwischen möglich, mit erstaunlicher Präzision Suchanfragen auf individuelle User einzuengen. Kurz und leidig: Google weiss über jede Google-Nutzerin mehr, als sie sich zu erinnern vermag, und auch mehr, als ihr vielleicht lieb ist. Und auf der Basis dieser Vergangenheit errechnen die Algorithmen unsere monetarisierbare Zukunft. Der Netzwerktheoretiker Albert Laszlo Barabasi hat jüngst in einer Studie in «Science» gezeigt, dass sich das Onlineverhalten eines Menschen aufgrund der gespeicherten Verbindungsdaten der letzten drei Monate mit mindestens achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit voraussagen lasse.

Rosa oder Schwarz?

Mutieren wir alle – aufgerüstet mit dem digitalen Globalgedächtnis – mehr oder weniger zu Menschen wie Funes? Der in Harvard lehrende Medienrechtler Viktor Mayer-Schönberger hat in einem lesenswerten neuen Buch («Delete») folgende These aufgestellt und begründet: War früher Vergessen leicht und Erinnern aufwendig, verhält es sich heute zunehmend umgekehrt – aufgrund eines gewaltigen technisch-ökonomischen Impulses zur Digitalisierung und Verbilligung der Speicher und Prozessorenleistung; Abfragen sind leicht, die Reichweite ist global.

Wie immer treten bei solch grossen technischen Schüben die Rosa- und die SchwarzseherInnen auf den Plan. Zu den ersten gehören Ingenieure, die schon seit einem halben Jahrhundert von einem künstlichen Langzeitgedächtnis träumen. Vannevar Bush, ein Pionier des Analogrechners, beschrieb 1945 eine perfekte Erinnerungsmaschine namens «Memex» («memory extended»), die dem Menschen nicht nur Zugang und Herrschaft über das Wissen aller Zeiten verschaffe, sondern in das er sich auch fortführend einschreiben könne. Heute führt Gordon Bell dieses Projekt auf digitaler Basis weiter. Sein Ziel ist «Lifelogging», das Verewigen seines Lebens auf einem Laptop: Bilder, E-Mails, Texte, Telefonanrufe, aufgezeichnete Gespräche, ein riesiges Sammelsurium an biografischen Daten. «Ich glaube, das Bestreben des Personal Computer ist es, das eigene Leben einzufangen», sagte er in einem Interview: «Ich stelle mir das System als ein persönliches Gedächtnis vor. Und ich fühle mich ungemein frei, all die Information da zu haben.»

Dieser technologischen Zuversicht steht ein wachsendes politisches Unbehagen gegenüber. Man könnte es als panoptische Phobie bezeichnen, in Anlehnung an Jeremy Benthams «Panopticon», ein Prinzip des Gefängnisbaus im 19. Jahrhundert, in dem die Wärter die Insassen kontrollieren, ohne dass diese es merken. Ein architektonisches Prinzip, das der französische Philosoph Michel Foucault zur These verschärfte, die Struktur der modernen Gesellschaft insgesamt gleiche einem Gefängnis: Die meisten Menschen haben das Überwachtwerden tendenziell verinnerlicht und handeln so, als ob sie beobachtet würden – auch wenn dies nicht der Fall ist.

Was heute Gestalt annimmt, ist nicht bloss ein Panopticon über den Raum, sondern auch über die Zeit. In der digitalen Öffentlichkeit sind unsere archivierten Worte und Taten über Generationen hinweg verfügbar. Fälle wie jene von Andrew Feldmar könnten zur Normalität werden, sodass wir in einer Art von vorauseilender Wachsamkeit zweimal überlegen, was wir sagen und was wir tun. Bereits mahnt Google-CEO Eric Schmidt die UserInnen an, «vorsichtiger darin zu sein, was sie sagen, wie sie miteinander verkehren, was sie von sich zur Schau stellen». Genau dann aber, wenn sich solche Selbstzensur unserem Denken und Handeln aufdrückt, ist das digitale Panopticon gesellschaftliche Realität geworden. Dann beginnt die Zersetzung der Demokratie von innen.

Alles ist Kopie

Über Zehntausende von Jahren hinweg galt Erinnern als Kulturleistung par excellence. Seit den Felsmalereien von Altamira lagert der Mensch die Gedächtnisfunktionen seines Gehirns aus in externe Speicher: in Bild, Ritual, Spiel, Zeremonie, Musik, Theater, Schrift, Film, Architektur, Werkzeuggebrauch. Kulturen sind kollektive, verkörperte Gedächtnisse – und der Akzent liegt durchaus auf der Verkörperung.

Das digitale Zeitalter beruht im Grunde auf einem einzigen genialen Trick: der Übersetzung von einem vieldeutigen in einen eindeutigen Code. Analoge Erinnerungsmedien – Sprache, Stein, Holz, Wachstafel, Papier, Textilien, Vinylscheiben, Magnetbänder – sind empfindlich abhängig von den Eigenschaften der Materie. Analoge Information verfällt, erodiert, verwittert: Sie «verrauscht» mit der Materie, die sie trägt. Weil die digitale Codierung nur auf einer simplen Option – ist eine Markierung da oder ist sie nicht da – beruht, sind binäre Spuren materieunabhängiger und weniger rauschanfällig als die analogen. Zwar bringt die Übersetzung eines Musikstücks in binären Code Qualitätseinbussen mit sich, aber das einmal digitalisierte Musikstück kann tausendmal kopiert werden, die Qualität bleibt immer die gleiche, während Abspielgerät und Ohren sich abnutzen. Und das ist das Grundmerkmal des neuen digitalen Globalgedächtnisses im Vergleich zum natürlichen Gedächtnis: Es nutzt sich viel weniger ab. Es wächst und wächst.

Die binäre Art der Information kennt keinen Unterschied zwischen Original und Kopie. Alles ist im Grunde Kopie. 2006 sah der Webvisionär Kevin Kelly durch massenhaftes Scannen von Büchern einen einzigen riesigen Universaltext entstehen, an dem alle mitschreiben und aus dem alle ihre Bruchstücke holen können. Goethes «Faust» neben einem Manual zur Bedienung der Kaffeemaschine – einerlei. Rekombinieren und Teilen werden Urheberschaft und geistiges Eigentum verdrängen. Die Omni-Kopierbarkeit von Texten, Bildern, Filmen, Musikstücken hat eine neue Kulturtechnik hervorgebracht – das «Mashup» oder Zermanschen. Nicht selten wird dieses Mashup unterlegt mit muskulöser Web2.0-Emanzipationsideologie: Radikaldemokratie, authentische Gemeinschaft, Kollektivkreativität. Verfügbarkeit ist (neben Fun) der Leitwert. Und die Netzgeneration geht ohne grosse Plagiatskrupel damit um. Wer will denn noch sagen: Das ist mein Teil des Breis?

Die zeitliche Dimension

Es gibt viele Gründe, warum Vergessen wichtig ist. Zum Beispiel, weil es Spielraum schafft, freien Platz im Kopf. Menschen mit aussergewöhnlichem Erinnerungsvermögen – es gibt sie tatsächlich – sind Gefangene ihrer Vergangenheit. Der Journalist Joseph Foer berichtete 2007 im «National Geographic» über eine Kalifornierin mittleren Alters, die sich detailscharf – ohne Gordon Bells digitale Armatur – an ihre Biografie seit dem elften Lebensjahr erinnert. Nicht im Sinne verflossener Tage, sondern in quälenden Einzelheiten. Sie erinnert sich, was sie vor drei Jahrzehnten zum Frühstück ass, wer sie am Sonntag, 3. August 1986, um 12 Uhr 34 anrief. Sie erinnert sich an Weltereignisse, triviale Einkaufsgänge, an das Wetter, ihre Gefühle. Sie lebt wie Funes in permanent gegenwärtiger Vergangenheit, die buchstäblich wie ein Film ihren Alltag überzieht. Statt in der Gegenwart zu leben, hängt sie vergangenen verpassten Chancen nach und macht sich Vorwürfe: «Die meisten Leute nennen das, was ich habe, ein Geschenk, ich nenne es eine Bürde.» Die Frau bezeichnet sich selbst als «verrückt».

Anomalien spiegeln den Normalfall: Wir sind von Kopf bis Fuss auf das Vergessen eingestellt, als Filter gegen Informationsüberflutung. Es ist die Knappheit des Speicherraums, die überhaupt erst die Notwendigkeit des Verknüpfens, Weglassens, Abstrahierens schafft – will sagen: der Intelligenz. Wem ist ausserdem beim Betrachten alter Bilder nicht schon die Frage aufgestossen: Bin ich das noch? Wer hat beim Lesen alter Briefe oder Tagebucheintragungen über Bekanntschaften nicht schon plötzlich den irritierenden Zweifel in sich nagen gespürt: Ist das wirklich die Person, mit der ich heute freundschaftlich verkehre? Solche Fragen tauchen auf, weil Information eine zeitliche Dimension hat. Und gerade der Informationsverfall durch Vergessen gehört zum persönlichen Wachstumsprozess. Das digitale Gedächtnis negiert diese Zeitdimension. Es kann die persönliche «Aufräumarbeit» behindern, indem es uns immer wieder mit Relikten aus der Vergangenheit konfrontiert, die man eigentlich abgestossen zu haben glaubt. Es paralysiert uns wie Ireneo Funes mit Einzelheiten.

Unser Gedächtnis ist kein Aktenschrank, in den man einfach Informationen hineinlegt und wieder herausnimmt – «save and retrieve». Unser Gedächtnis ist ein hochadaptives neurosensorisches System, das sich und die verwahrte Information ständig verändert, sich permanent im Wechselspiel persönlicher Vorlieben, Abneigungen, Erwartungen rekonstruiert. Bewusstes, aktives Vergessen bedeutet deshalb, dass wir Information interpretieren, beurteilen und gewichten und uns nicht einfach passiv mit Daten mästen. In diesem Sinn machen zu viele Daten aus uns unfreie, urteils- und entscheidungsunfähige Menschen.

Den Speicher ausmisten

Brauchen wir eine «ars oblivionalis», eine Vergessenskunst, wie sie Umberto Eco vor über zwanzig Jahren als Beispiel einer paradoxen Wissenschaft vorgestellt hat? Ob paradox oder nicht, die Frage gewinnt gerade im Zeitalter der Erinnerungsmaschinen an Bedeutung. Wir werden zusehends zu BürgerInnen zweier Gesellschaften – einer materiellen und einer immateriellen oder «Avatar»-Gesellschaft. Insofern beschreibt die Metapher der digitalen Haut emblematisch unsere Condition humaine im angebrochenen Millenium. Die juristische Debatte über Privatsphäre, Urheberrechte, Datenschutz in der digitalen Öffentlichkeit ist im vollen Gange. Auf der technischen Ebene wird die Möglichkeit diskutiert, Information mit einem Verfallsdatum zu versehen. So haben ComputerwissenschaftlerInnen an der University of Washington eine Software entwickelt, die Daten altern und schliesslich verschwinden lässt. Vom Princeton-Informatiker Ed Felten stammt der informationspolitische Vorschlag, analog zu einem CO2-neutralen auch einen informationsneutralen Lebensstil zu pflegen. Also etwa gleich viel Information zu speichern wie zu löschen.

Zunehmend deutlicher scheint sich aber auch eine Art von Dialektik des Fortschritts abzuzeichnen: Mensch und Technik entwickeln sich in einer Ko-Evolution. Wir delegieren immer mehr Kompetenzen und Kenntnisse an die Maschine. Dadurch entlasten wir uns in vielerlei Hinsicht. Gleichzeitig aber riskieren wir ein wachsendes Ungleichgewicht von menschlichen und maschinellen Kompetenzen. Wir tendieren dazu, uns der Maschine anzupassen. Wir verschmelzen mit ihr. Wenn wir heute von «NutzerInnen» sprechen, dann handelt es sich nicht mehr einfach um Menschen, sondern um einen Hybriden aus Mensch und Netz. Wir tragen das Netz in der Hosentasche. Und das babylonische digitale Archiv hat die Randbedingungen des Erinnerns und Vergessens für uns Hybride verändert. Die Entlastungen des zum Alltag gewordenen Geräts prägen uns, auf eine oft unbewusste Weise. Umso nötiger wird daher seine Bewusstmachung. Es mag trivial klingen: Nicht das Netz entscheidet, was eine wichtige Information ist, sondern die medienkompetenten NutzerInnen. Und zu dieser Kompetenz zählt das Vergessen.

Aber, so könnte man einwenden, wünschen sich denn Hinterbliebene von Opfern politischer Verbrechen (und nicht nur sie) nichts sehnlicher, als dass die Vergangenheit die TäterInnen einholt? Gewiss doch, wie sich nicht wenige StraftäterInnen genauso sehnlich wünschen, dass der Mantel des Vergessens ihre Vergangenheit umhüllt, damit sie eine zweite Chance erhalten. Es geht, mit andern Worten, keinesfalls darum, Erinnern und Vergessen gegeneinander auszuspielen, sondern darum, im Horizont maschineller Intelligenz die menschliche Intelligenz neu zu verorten.

Denn das Netz schaut intelligenter aus, als es ist. Und wir Menschen tendieren fatalerweise dazu, uns darin dümmer zu verhalten, als wir sind.

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