Kriminelles Zürich : Der Mörder ist selten der Prime-Tower-Gärtner

Nr.  36 –

Regionale Krimis liegen im Trend. Da darf Zürich nicht zurückstehen. Aber was sagt eine Leiche in der Limmat über den Finanzplatz oder die multikulturellen Stadtquartiere aus?

Plumpe Plots, simpelste Psychologie, eine Stadt, die nie lebendig wird: Warum unter den neuen Zürcher Kriminalromanen nur wenige Perlen zu finden sind.

Zwei Morde im Fernsehstudio Leutschenbach. Ein grüner Stadtrat, der unter dubiosen Umständen in der Limmat ertrinkt. Drogentote in Wollishofen. Eine Leiche im Park beim Schlieremer Gaskessel. Hinrichtungen in einer Kirche im Niederdorf. Tödliche Schiessereien im Schrebergarten. Ein Erschlagener in einer Genossenschaftssiedlung.

Und dies alles innerhalb eines Jahres. In Zürich wimmelt es offenbar von Gewaltverbrechen. Nächstens läuft die Stadt lateinamerikanischen Metropolen den Rang als Mordkapitale der Welt ab.

Zumindest wenn es nach den neusten Kriminalromanen über Zürich geht. Seit ein paar Jahren liegen regionale Krimis generell im Trend. Die TV-«Tatorte» werden aus fernsehpolitischen Gründen seit längerem regional verteilt. Doch auch in Buchform hat mittlerweile jeder Landkreis in Deutschland und Österreich seine FahnderInnen. Im Hamburger Argument-Verlag landeten Christine Lehmann und Monika Geier mit feministischen Ermittlerinnen in Schwaben beziehungsweise Rheinland-Pfalz Serienbestseller, und der deutsche Gmeiner-Verlag – Verlagsprogramm: «Frauenromane, historische Romane, Krimis» – produziert gegenwärtig am Fliessband Krimis über alle deutschsprachigen Regionen. Auch die Schweiz kennt Basler und Berner und Jurasüdfüssler Verbrechen. Über Zürich aber sind allein in den letzten zwölf Monaten mindestens zehn Krimis erschienen.

Die Stadt

Kriminalromane verlocken mit zwei klaren Prinzipien zum Schreiben. Sie verlangen eine scheinbar einfache Struktur: von der Tat zu deren Aufklärung. Und sie erlauben, an einen Gesetzesbruch allerlei moralische Erörterungen anzuschliessen: wahlweise über Gott, die Menschen oder die Gesellschaft. Aber das ist alles nicht so einfach, wie es scheint, gerade wenn es um Zürich geht. Denn die Schweizer Metropole schwankt ja, wie hinlänglich bekannt, zwischen Weltstadt und Provinz. In diesen Krimis kann man die Stadt vielfältig und GPS-genau durcheilen, vom «Sphères» zum Hardturm, vom «Coopi» (dem alten und dem neuen) zum Triemli, vom Zähringerplatz an die Langstrasse, vom Fernsehstudio zur Uraniawache, vom Gerichtsmedizinischen Institut zu den Hardauhochhäusern.

Lokalkolorit nennt sich das und will vertraute Gefühle wecken, Wiedererkennen ermöglichen. Global leben, lokal lesen. Doch das Zürich in diesen Romanen ist zumeist touristisch und nostalgisch. Niki de Saint Phalles Engel schwebt ein paarmal an der Bahnhofsdecke. Das Niederdorf mit seinen krummen Gassen lädt zum Flanieren ein und Zürichs Hausberg zum Wandern. Selbst vom 23. Stock eines Hardauhochhauses sieht die Stadt selbstzufrieden aus. Sie ist kein lebendiges Gefüge, sondern eine Anhäufung von Einzelpunkten. Der Prime Tower glitzert. Aber während die Weltstadt behauptet wird, wird die Kleinstadt beschrieben. Dagegen zeigt der Krimi von Stephan Pörtner, der in einer nicht genannten Genossenschaftssiedlung in der Agglo spielt, dass es keine naturalistischen Ortsangaben braucht, sondern Atmosphäre und Charaktere und plausible Handlungen.

Die ErmittlerInnen

Bei jedem Krimi steckt hinter der Aufklärung des Falls – ausgesprochen oder unausgesprochen – die zentrale Frage: Wie hältst du es mit dem Gesetz? Das Genre beruht darauf, dass Verbrechen nicht unerkannt bleiben und letztlich gesühnt werden. Vor diesem Dilemma stehen auch progressive AutorInnen. Steffen Lindig, Emil Zopfi und Stephan Pörtner dienen die kriminelle Tat und deren Aufdeckung deshalb eher als Vorwand für Gesellschaftsromane. Zopfi verzichtet auf das Schema und umkreist die Tat durch drei verschiedene Protagonisten. Lindig kehrt das Schema um, indem sein Ich-Erzähler ein Kleinkrimineller ist und der vermeintliche Mord plötzlich ins Leere führt. Doch gewissen Genreanforderungen sind auch sie unterworfen: Bei Pörtner gibt es eine toughe, aber aufrechte Polizistin (neben ihrem korrupten Ekel von Vorgesetzten natürlich).

Auf der anderen Seite des Spektrums gehört ein wenig Liberalismus heute zur Grundausstattung. Marcus Richmann munkelt von Verdunkelungen bei früheren Polizeiermittlungen, Irène Mürner kokettiert mit der Zürcher Kokserei, und selbst der Groschenroman von Mona Bodenmann hält sich über die unfreundliche Asylpolitik der Schweiz auf. In diesen Romanen äussert sich der Konservativismus nicht explizit, sondern strukturell. Die gesellschaftlichen Zuständigkeiten sind klar: Die Ermittlungen sind entweder amtlich bewilligt oder werden von gebildeten mittelständischen Charakteren durchgeführt. Entwicklungen sind für diese Figuren nicht vorgesehen. Du bist, was dir deine Lebenschancen in die Wiege gelegt haben.

Global sind der gealterte zynische Privatdetektiv mit Alkoholproblemen oder die einsame, beziehungsunfähige Kriminalkommissarin beinahe zur Norm geworden. Die existieren in diesen Zürcher Krimis nicht – kein grosser Verlust, aber die Alternative fällt gar bieder aus. Die meisten ErmittlerInnen haben gerade eine Beziehung beendet oder stehen just vor einer neuen, oder sie werden von beidem heimgesucht. Liebe dräut wie in einem Buch über Paartherapie. Neben aufrechten PolizistInnen ermitteln JournalistInnen aus Berufsneugier. Das ist nicht gar so erstaunlich, da etliche AutorInnen aus der Medienbranche stammen. In der scheint es ein unstillbares Mitteilungsbedürfnis zu geben, und gegenüber den flüchtigen Medien, die im Berufsalltag dominieren, hat ein Buch offenbar noch immer eine unerwartete Faszination.

Die Leichen und TäterInnen

Leichen pflastern die Zürcher Wege und Plätze. Es geht in diesen Krimis überwiegend um Mord – nur Steffen Lindig schreibt von Einbrüchen und Versicherungsbetrug. Ansonsten wird aufs Schlimmste gezielt. Was die Verbrechen in die Distanz rückt. Der Kriminal- wird zum Sonderfall. Was als alltäglich behauptet wird, unterläuft den Alltag als Ausnahmezustand. Dabei sind die Opfer zumeist unsympathisch oder belanglos, blosse Auslöser für die Handlung oder sogar selbst schuld an dem, was ihnen zugestossen ist.

Der Serienmörder ist eine der beliebtesten Figuren der Moderne. Das Serielle ist geradezu ein analoges Überbleibsel in einer digitalisierten Welt: der nicht enden wollende Schrecken, der einen selbst treffen könnte. Auch in Zürich treibt einer sein Unwesen und drapiert seine Leichen in religiöse Symbolik. Ins Kollektive gewandt, entspricht dem die Verschwörungstheorie. Die mörderische Sekte der Sonnentempler aus den neunziger Jahren taucht wieder in der guten Gesellschaft auf, Rechtsextreme mit einem Altnationalrat an der Spitze wollen unter dem Stichwort «1515» die Niederlage von Marignano sühnen und besetzen während der «Arena»-Wahlsendung das Fernsehstudio, mit einigem Kollateralschaden. Doch diese Plots sind so plump, dass sie jede kritische Schärfe verlieren. Letztlich hat das Gesetz doch recht, selbst wenn dessen HüterInnen gelegentlich nachgeholfen werden muss.

Auch die Psychologie der TäterInnen ist einfach gestrickt. Die MörderInnen entlarven allmählich ihr wahres Wesen, oder dieses bricht sich urtümlich Bahn. Der Charakter ist starr, ein für allemal festgelegt. Psychische Entwicklungen, feine Haarlinien in Biografien, die langsame Verzweiflung hin zur Tat sind nichts für diese Krimis.

Aber das Verbrechen ist, wie schon Bertolt Brecht bemerkt hat, längst in die Funktionale gerutscht. Weder Einzeltäter noch krude Verschwörungen sagen genügend über das Funktionieren der Gesellschaft aus. Strukturelle Macht und Gewalt hinterlassen keine Fingerabdrücke.

Ach ja, zum Schluss ein paar Lesetipps. Stephan Pörtner – WOZ-Autor der «Hundert Wörter» – hat einen Genossenschaftsroman geschrieben, ebenso witzig wie unterhaltsam und genau. Steffen Lindig unterläuft seine scheinbar harmlose Erzählweise immer wieder widerborstig und originell. Emil Zopfi liefert eine melancholische Abrechnung mit Alt-68ern und ihren gescheiterten Illusionen. Die übrigen Bücher sind eher als Symptome zu lesen, auf eigenes Risiko.