Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Wie macht das «unser Bernie» nur?

Der siebzigjährige US-Senator Bernard Sanders aus Vermont ist zufrieden mit dem, was er bisher erreicht hat. Das ist schade, denn so manche hätten den sozialistischen Politiker gerne als Herausforderer Barack Obamas gesehen.

Von Lotta Suter

«Bernie» steht auf dem Kleber, der im US-Bundesstaat Vermont auffällig viele Autohecks ziert. «Bernie» und nichts weiter. Mehr braucht es auch nicht. Bernie, mit offiziellem Namen Bernard Sanders, ist hier ein fester Begriff. Und seine zerzauste Erscheinung ist so etwas wie ein eingetragenes Markenzeichen: Es ist unter den Vermonter JournalistInnen Tradition, schon in den ersten Zeilen Sanders’ etwas schütter gewordenes weisses Haar als «unruly» (widerspenstig) und seine dunklen Anzüge als «rumpled» (zerknittert) zu beschreiben. Das ist bereits die ganze Homestory. Denn Sanders hat – soweit bekannt – keine Hobbys oder Affären. Und nach Meinung vieler KollegInnen auch keinen Humor. Die Politik ist sein Leben, und damit ist nicht zu spassen.

Wenn Vermont, wie die Einheimischen gerne sagen, die Schweiz von Nordamerika ist, dann ist Bernie Sanders ihr Wilhelm Tell: der Volksheld, der unerschrocken gegen die Arroganz fremder Vögte kämpft – und dazu gehört nach Ansicht der höchst eigenwilligen VermonterInnen zuweilen auch die Arroganz der Zentralregierung im fernen Washington D. C.

Bernie for President?

Im November 2010 zum Beispiel wollte Präsident Barack Obama auf Druck der RepublikanerInnen die von seinem Vorgänger George Bush eingeführten Steuererleichterungen für die US-Millionärinnen und -Milliardäre verlängern – und das, während der Mittelstand weiter schrumpfte und das nationale Defizit wuchs und wuchs. Da trat Bernie Sanders zum Rednerpult. Der «komische Vogel aus Vermont» («New York Times») sprach achteinhalb Stunden lang ununterbrochen über den wachsenden Graben zwischen Arm und Reich in den USA. Die klassenkämpferische Filibuster-Rede wurde ein YouTube-Hit und ist unter dem Titel «The Speech» auch in Buchform erhältlich.

Begeisterte Sanders-Fans sammelten umgehend Online-Unterschriften und starteten die Kampagne «Bernie for President». Auch der Konsumentenschützer Ralph Nader, selber ein unverbesserlicher Drittparteienkandidat, war selbstverständlich dafür, Obama in den Vorwahlen von linker Seite herauszufordern. Einige Meinungsinstitute bezogen Bernie Sanders bereits in ihre politischen Prognosen zur Wahl 2012 mit ein. Nur Bernie selbst winkte dankend ab. Eine Präsidentschaftskandidatur links von Obama sei bloss Zeit- und Energieverschwendung. Er sei zufrieden mit dem, was er bisher erreicht habe. Dazu hat der siebzigjährige Politiker auch allen Grund.

Mit zwölf Stimmen Vorsprung hatte Bernie Sanders vor dreissig Jahren eher zufällig die Wahl zum Bürgermeister von Burlington, der grössten Stadt des kleinen Vermont, gewonnen. Seither aber feiert er einen politischen Sieg nach dem andern: Nach acht erfolgreichen Jahren als Bürgermeister wurde Sanders 1990 als einziger Vertreter Vermonts ins Repräsentantenhaus gewählt. Das war im bis anhin republikanischsten aller US-Bundesstaaten eine Sensation und brachte eine Trendwende. Denn in den folgenden Jahren wurde der unabhängige linke Parlamentarier siebenmal hintereinander mit komfortabler Mehrheit für dieses Amt wiedergewählt. 2006 dann zog Sanders in den Senat ein. Und zwar als erster sozialistischer Senator in der Geschichte der USA überhaupt. Seine Wiederwahl in diesem Herbst ist so gut wie sicher. Wie macht das «unser Bernie» bloss?

Gegen falsche Propheten

In die Wiege gelegt wurde Sanders, der 1941 im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf die Welt kam, die steile politische Karriere kaum. Seine Eltern waren keine einflussreichen Kennedys, sondern mittellose jüdische Flüchtlinge aus Polen. Sein Vater Eli verdiente wenig, Mutter Dorothy starb früh und bevor ihr Traum vom eigenen Haus in Erfüllung ging. Geldsorgen sind für Bernie Sanders bis heute eine tief gehende und emotionale Angelegenheit.

Als junger Student an der University of Chicago sah Sanders in den frühen sechziger Jahren bitterste Armut und erlebte auch den Aufbruch der sozialen Bewegungen. Sanders organisierte Sit-ins gegen Rassismus und protestierte gegen den Vietnamkrieg – während gleich nebenan die «Chicago Boys» unter Führung des Ökonomen Milton Friedman ihre unsoziale deregulierte Marktwirtschaft propagierten. Sanders hat diese Zeit nie vergessen. Als die University of Chicago nach dem Tod des bekannten Wirtschaftswissenschaftlers im Jahr 2006 ein Friedman-Gedenkinstitut einrichten wollte, sprach sich Sanders vehement gegen eine Ehrung des «falschen Propheten» aus. Spätestens mit dem Sturz der Wall Street sei auch Friedmans Vermächtnis kollabiert, schrieb Senator Sanders im Alternativmagazin «In These Times».

Nach seinem Studienabschluss wollte Bernie Sanders die sozialen Utopien nicht nur denken, sondern auch leben. Erst arbeitete er in israelischen Kibbuzim, dann zog er nach Vermont. Die schönen grünen Berge im Nordosten der USA waren damals die Wahlheimat vieler Hippies und Aussteiger. Auch Sanders lebte mit seiner ersten Frau und seinem Sohn ganz alternativ ohne Elektrizität und Wasser und finanzierte die Familie mit Gelegenheitsjobs. Unter anderem drehte er einen Dokumentarfilm über Eugene Debs, den Sozialisten und Aktivisten der Arbeiterbewegung, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünfmal als Aussenseiter für das Amt des US-Präsidenten kandidiert hatte.

Debs Porträt hängt heute noch in Sanders’ Büro. Es erinnert den Senator wohl an die bewegten siebziger Jahre, als er in Vermont die linke, vietnamkritische Liberty Union Party (LUP) mitbegründete und in der Folge zweimal als LUP-Mitglied für den US-Senat und zweimal für den Gouverneursposten von Vermont kandidierte – und jedes Mal Letzter wurde, auch wenn er seinen WählerInnenanteil mit den Jahren von 2,1 auf 6,1 Prozent steigern konnte. Ein anderer hätte die Politik und seine Ideale ganz aufgegeben. Nicht so Sanders. Aber er änderte seine Strategie, trennte sich 1977 von der heute noch bestehenden Liberty Union Party, die auch KandidatInnen für hohe Ämter stellt, und kandidierte fortan als Parteiloser.

Die Volksrepublik von Burlington

Die Bürgermeisterwahl in Burlington 1980 brachte die Wende. Die US-Medien behandelten den frischgebackenen linken Magistraten wie ein seltenes und eher harmloses Tier – besonders, als der rote Bernie auch noch Kuba und der Sowjetunion Freundschaftsbesuche abstattete und vermontische Städte mit nicaraguanischen verschwisterte. Im ganzen Land spottete man über die «Volksrepublik von Burlington».

Doch zum Erstaunen seiner politischen Feinde konnte Sanders neben geopolitischer Weitsicht bald auch realpolitisch solide Erfolge vorweisen: Er sorgte dafür, dass die Löcher in den Strassen geflickt wurden, balancierte das Budget aus, holte ein Baseballteam nach Vermont, revitalisierte das Stadtzentrum von Burlington, eröffnete kostenlose Gesundheitskliniken für mittellose und ältere VermonterInnen, baute subventionierte Wohnungen und Obdachlosenheime, dazu Kindertagesstätten und Jugendzentren. Und er brachte die SteuerzahlerInnen – vor allem auch die Wirtschaftskreise – dazu, für diese Reformen etwas höhere Abgaben zu akzeptieren. Besonders stolz ist Bernie Sanders aber darauf, dass sich während seiner Amtszeit die Stimmbeteiligung in Burlington um fünfzig Prozent erhöht hat – dass «seine» Stadt tatsächlich eine Volksrepublik wurde.

Seine hemdsärmelige linke Arbeitsweise behielt Bernie Sanders auch in Washington D. C. bei. Während seiner sechzehn Jahre im Repräsentantenhaus wie auch seit seiner Wahl in den US-Senat im November 2006 blieb soziale Gerechtigkeit sein Hauptanliegen. Von den Gewerkschaften erhält der Vermonter Aussenseiter denn auch ausgezeichnete Noten. Auch die Grünen sind alles in allem mit ihm zufrieden. Selbst Occupy Wall Street respektiert Senator Sanders. Die DemokratInnen haben sich mit ihrem unbequemen «Sonderfall» arrangiert – da er in 98 Prozent der Fälle mit ihnen stimmt.

Köder an der Angel des Kapitals

Wird Bernie Sanders von links kritisiert, dann vor allem darum, weil er die Interessen seiner Klientel, der US-amerikanischen Lohnabhängigen, so verteidigt, als lebten wir in einer präglobalisierten Welt. Weil er – typisch weisser Neuengländer – wenig Sensibilität für Migrationsprobleme an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zeigt. Und weil er neoliberale Freihandelsabkommen statt mit aufgeklärtem Internationalismus mit protektionistischem Nationalismus bekämpft – und sich dabei zuweilen allzu pragmatisch mit unappetitlichen rechten Kräften verbündet. Es gibt aber auch ehemalige GesinnungsgenossInnen, die seinen Marsch durch die Institutionen ganz grundsätzlich ablehnen. Der Journalist Ashley Smith beispielsweise argumentiert auf der trotzkistisch orientierten Website socialistworker.org: Eine politisch starke Figur wie Sanders hätte zum Aufbau einer selbstbewussten Arbeiterbewegung beitragen können. Stattdessen lasse er sich von der etablierten Politik vereinnahmen. «Wie Jesse Jackson und andere liberale Demokraten hängt er als progressiver Köder an der Angel dieser kapitalistischen Partei.»

Bernie Sanders hat sich der «kapitalistischen Partei» tatsächlich angenähert. Das sagen demokratische KollegInnen aus dem US-Kongress, die ihn zuerst als überheblich und besserwisserisch empfanden. Und das sagt auch Bernie Sanders selbst: Vor seiner Zeit in Washington D. C. habe er den politischen Unterschied zwischen DemokratInnen und RepublikanerInnen eindeutig unterschätzt. Andererseits hat sich die «kapitalistische Partei» ihrerseits auch Sanders’ Positionen angenähert. Denn dessen ehemals exotische Schandreden gegen Profitgier und wirtschaftliche Deregulierung sind fast schon Mainstream geworden.

Trotzdem: Vermonts Mann in Washington ist und bleibt einzigartig. Matt Taibbi, Redaktor des «Rolling Stone», sagt es so: «In 99,9 Prozent der Fälle käme es keinem in den Sinn, einen gewählten Politiker zum Vorbild zu nehmen. Gerade darum ist Bernie Sanders ein solches Unikum. Und die Leute sollten schätzen, was er nicht nur für seinen Heimstaat Vermont, sondern für das Renommee der Politik und der PolitikerInnen ganz generell tut.»

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