Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Frauenfürze, Skistöcke und ein Huhn aus Gummi

Mit offenen Ohren durch die Welt: Der Zürcher Sounddesigner und Stimmenimitator Peter Bräker benutzt für die Vertonung von Filmen nicht nur Gemüse.

Von Sarah Stähli

Alles begann mit dem «Guetnachtgschichtli». Damals in den achtziger Jahren war der 21-jährige gelernte Coiffeur Peter Bräker Tonoperateur beim Schweizer Fernsehen. Tagsüber. Nachts verpasste er den pfiffigen Erfindungen des freundlichen Tüftlers «Dr. Snuggles» die passende Geräuschkulisse. «Da hat es wohl mit dem Schlafmangel angefangen», lacht Bräker. Und mit der Leidenschaft fürs Geräuschemachen.

Beim Betreten von Bräkers «Wunderkammerstudios» im Zürcher Kreis 5 schallt einem als Begrüssung ein undefinierbares «Wrrumm»-Geräusch entgegen. Bräker sitzt hinter seinem Mischpult und arbeitet am neuen Film von Peter Mettler («Gambling, Gods and LSD»).

Sein Studio, vor dessen Tür ein oranger Oldtimer steht, ist ein Sammelsurium aus Kuriositäten, das jeden Brockenhausbesitzer neidisch machen würde: Neben Flohmarktperlen – einer Parkuhr voller Kleingeld, dem Plastikhund der Plattenfirma His Master’s Voice und einem Himmel voller Plastik- und Hawaiigitarren und einem Dudelsack – besitzt der leidenschaftliche Sammler vor allem Dinge, die sonderbare Geräusche verursachen, wenn man sie richtig einzusetzen weiss: Frauenfürze, Skistöcke und ein Gummihuhn. Oder einen mit Maizena gefüllten Ballon. In Bräkers Universum macht dieser knirschende Schritte im Schnee, halbierte Kokosnüsse werden zu galoppierenden Pferden, und eine Bettflasche imitiert das Zerfleischen eines Tieres: «Auf dieses Geräusch kam ich, als ich mit einer Bettflasche auf dem Bauch im Bett lag», erinnert er sich. Als er mit dem Finger über die Rillen fuhr und dazu das Wasser in der Flasche hin und her schwappte – «wie das Blut im Körper!» –, war das perfekte Karnivorengeräusch geboren.

In einem Werbespot für das Restaurant Hiltl vertonte Bräker – für einmal vor der Kamera – Quentin Tarantinos Gewaltorgie «Death Proof» neu: mit knackigen Lauchstängeln für das Brechen des Arms, saftigen Gurken für den Hieb in die Magengrube und einer reifen Wassermelone für das blutige Finale. «Danach dachten alle, ich arbeite ausschliesslich mit Gemüse.»

Das Geräusch von fallendem Schnee

Geräuschemacher oder «Foley Artist» – nach dem US-amerikanischen Geräuschkunstpionier Jack Foley – ist die Berufsbezeichnung für das, was Bräker neben seiner Arbeit als Sounddesigner macht. Und er ist in der kleinen Filmschweiz ziemlich allein auf weiter Flur. «Im Ausland gibt es Geräuschemacher, die mit ihrem Köfferchen, gefüllt mit Utensilien, von Studio zu Studio reisen und Filme vertonen», sagt der 53-Jährige. Eine romantische Vorstellung. «Mir wäre nur Geräusche machen zu einseitig. Ich mag die Gestaltung der Tonspur als Ganzes.»

Am undankbarsten sei dabei das «Putzen» des O-Tons, also das Säubern der Tonaufnahmen, die während des Drehs gemacht wurden. Im Vordergrund steht das Ausblenden von Störgeräuschen wie etwa Flugzeuglärm, aber auch das Aufpolieren und «Knackigermachen» des Tons ganz allgemein. Eine Arbeit, die vom Kinopublikum kaum wahrgenommen wird. «Zum Glück», meint Bräker, «wir haben unseren Job sauber gemacht, wenn ihn niemand bemerkt. Man kann einen Film auch ‹versounden›.»

Die Arbeit des Sounddesigners beginnt im Normalfall nach dem Feinschnitt. Foley Artist sei auch im digitalen Zeitalter keineswegs ein vom Aussterben bedrohter Beruf, sagt Bräker, der regelmässig für Regisseure wie Thomas Imbach, Christoph Schaub oder Samir arbeitet, oft in Zusammenarbeit mit seinen «Partners in crime», Sounddesigner Darko Linder und Komponist Balz Bachmann. Als Foley Artist könne man die Sounds in der Nachvertonung viel genauer auf die Bewegungen abstimmen und den Ton synchronisieren. Das konservierte Geräusch eines galoppierenden Pferdes bringt wenig, wenn sich das Pferd im Film auf eine ganz bestimmte Weise, auf einem ganz bestimmten Boden bewegt.

Zu den Hauptaufgaben des Geräuschemachers gehört die Nachvertonung von Schritten – Bräker hat ein randvolles Schuhgestell – und Bewegungen, etwa das Rascheln einer Windjacke, wenn jemand den Arm bewegt. Manche Geräusche finden sich auch in Peter Bräkers Wunderkammer nicht. Der Klang von Schnee, der sanft von den Ästen fällt, etwa. Dafür sitzt Bräker dann stundenlang im Winterwald und nimmt die Atmosphäre auf. Für den Atmosphärensound der Walliser Berge für den Film «Puppe», der in Solothurn Premiere feiert (vgl. Seite 11), bestieg Bräker um sechs Uhr morgens den San-Bernardino-Pass, um «Berg-Atmo» einzufangen.

Bräker, die tamilische Familie

Natürlich kann man Geräusche längst auch ab Konserve kaufen. In Bräkers Studio stapeln sich unzählige Geräusch-CDs. «Viele der Soundschnipsel wurden jedoch bereits tausendmal verwendet. Das Geräusch einer Tür, die ins Schloss fällt etwa oder Kinderlachen.» Manchmal sind die Aufnahmen aus anderen Gründen unbrauchbar, zum Beispiel, wenn sie aus Hollywood stammen: «Der Atmosphärensound einer Wohnung, auf dem der Nachbar im Ami-Slang etwas über ein Taxi nuschelt, klingt für eine Zürcher Wohnung halt ziemlich unpassend.»

Mit offenen Ohren durch die Welt zu gehen, ist das A und O eines Sounddesigners. Wer mit ihm unterwegs sei, müsse immer wieder denselben Satz hören: «Jetzt hör dir das mal an!» Heute Morgen zum Beispiel. Da habe jemand bei offenem Fenster Gitarre gespielt, und gleichzeitig sei eine Ambulanz vorbeigefahren. «Die Kombination klang grandios.»

Bräker ist nicht nur ein feinsinniger Geräuschemacher, sondern auch ein gewiefter Stimmen- und Sprachenimitator. Regisseur Christoph Schaub, der seinen Sounddesigner als unglaublich kreativen Kopf beschreibt, erinnert sich an ihre Zusammenarbeit beim Film «Sternenberg»: «In einer Szene wird im Hintergrund Tamilisch gesprochen. Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, wie wir das bei der Nachvertonung hinkriegen.» Doch anstatt SchauspielerInnen aus Sri Lanka ins Studio zu holen, vertonte Bräker kurzerhand die ganze tamilische Familie selbst. «Die Melodie der Sprache traf er hervorragend», so Schaub. In Thomas Imbachs «Day Is Done», dessen Tonspur ausschliesslich aus Telefonbeantworteraufnahmen besteht, hinterlässt der Sounddesigner einen täuschend echten Muezzingesang auf Imbachs Beantworter – der witzigste Moment des Films.

Bräkers Wohnung liegt über seinem Studio. «Eigentlich müsste ich auch in der Küche Mikrofone installieren», lacht er. Und es kann vorkommen, dass er mitten in der Nacht runter ins Studio rennt, weil er gerade einen Einfall für ein Geräusch hatte. Christoph Schaub bewundert die unvergleichliche Arbeitswut Bräkers: «Da kommt man morgens in sein Studio und trifft auf einen putzmunteren Peter, der gerade drei Nächte durchgearbeitet hat.»

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