Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Der Sound des Grauens

Filmsoundtracks? Kennen wir. Aber wie ist es mit dem Soundtrackfilm?

Von Florian Keller

Da schlurfen sie daher, die beiden finsteren Gesellen, und machen sich dann wortlos über ihre Opfer her. Es klingt nach Schädeln, die zerschellen, und nach Hirnmasse, die zermanscht wird. Aber das, was die Schergen stoisch massakrieren, sind bloss – Wassermelonen. Ihre Brutalität richtet sich gegen Obst und Gemüse: Sie sind Geräuschemacher, die im Studio die blutigen Szenen eines italienischen Horrorfilms nachvertonen.

Was das genau für ein Schocker ist, der hier vertont wird? Wir können es nur erahnen. «Berberian Sound Studio» ist ein Film über die Tonspur zu einem Film, den wir nie zu sehen bekommen. Es ist ein gespenstischer Mikrokosmos aus Schatten und Geräuschen, in den wir hier eintauchen, zusammen mit einem viel zu gewissenhaften Tonmeister aus England. Er heisst Gilderoy (Toby Jones) und überwacht die Endabmischung. Dabei verliert er sich in der doppelt fremden Welt (Italien! Horror!) immer mehr zwischen Film und Wirklichkeit. Gilderoy droht abzugleiten in einen Wahn aus Schreien, Flüstern und Echos.

Es ist hochprozentiges Fetischkino, was Regisseur Peter Strickland hier anrichtet, zumal das Tonstudio im Film mit lauter analogen Gerätschaften möbliert ist. «Berberian Sound Studio» ist eine Hommage an das italienische Horrorkino der siebziger Jahre, vor allem aber eine Liebeserklärung an die Kunst der Geräuschemacher. Und während im Film für den Sound des Grauens Radieschen und Auberginen gemetzelt werden, treibt es Strickland selber noch weiter: Mit seiner Sonic Catering Band gibt er sporadisch Kochkonzerte, so letztes Jahr beim Filmfestival Bildrausch in Basel. Da sieht das Publikum der Band beim Kochen zu, während diese die Kochgeräusche live zu elektronischen Klangcollagen verdichtet. Und danach? Wird gegessen.

«Berberian Sound Studio» (2012) ist auf DVD bei Rapid Eye Movies erschienen und kostet 15 Franken.

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