Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Musik von Gleis 4

Von Fredi Bosshard

«Gleis vier, Extrazug Pau Casals nach Zürich Hauptbahnhof, Genf, Portbou, Barcelona. Bitte einsteigen und Türen schliessen. Vorsicht, der Zug fährt ab.»

Diese Worte folgen auf den Dreiklang, der normalerweise eine Zugansage auf Schweizer Bahnhöfen ankündet. Die rhythmisierten Geräusche einer Eisenbahn, die über Weichen fährt, sind im Hintergrund zu vernehmen, ein elektronischer Sturm fegt durch die Halle. Die Klänge gehen in einen federnden Bass über, der vom Schlagzeug gestützt wird. Verwischte Keyboardsounds lassen den Zug schweben. Eine Stimme nuschelt einen elektronisch verfremdeten Text, singt englische Sprachfetzen, die von Vogelstimmen überlagert werden. Eine Trompete zitiert kurz John Coltranes «A Love Supreme».

Die nächsten Züge werden angekündigt: Steinhausen, Affoltern … Bellinzona, Lugano, Chiasso, Rom und Venedig. Thalwil, Zürich, Flughafen. Wir sind im Bahnhof von Zug. Mitternacht ist vorbei. Sechs Musiker, zwei VJs und ein Sounddesigner haben ihre elektronischen Geräte aufgebaut. Instrumente stehen bereit. Nach der Lautsprecherdurchsage beginnen sie zu spielen, Bilder huschen durch den Raum. Sie suchen nach neuen Klanglandschaften, lassen es auch mal krachen. Simon Berz, Bruno Amstad, Hans-Peter Pfammatter, Jesús Turiño, Tsukiko Amakawa und Markus Breuss haben Zeit bis sechs Uhr morgens, dann wird der Bahnhof wieder seiner eigentlichen Bestimmung übergeben: PendlerInnen strömen gehetzt auf die Perrons, in der Halle sind subtile Farbänderungen wahrzunehmen. Der US-amerikanische Künstler James Turrell hat die computergesteuerte Lichtchoreografie für die Performance im Bahnhof Zug geschaffen.

Pau Casals ist die katalanische Schreibweise für den Namen des berühmten Cellisten Pablo Casals (1876–1973). Der Hotelnachtzug Barcelona–Zürich ist nach ihm benannt. Aber nun: Einsteigen in den Badabum-Express – der Soundtrack zur Fahrt mit dem Titel «Reanimation» ist nur eine CD weit entfernt.

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